Josefa Brugger erkennt die vielen Fortschritte von Gesellschaft und Politik im Verlauf der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zwar an, ist allerdings der Meinung, dass noch vieles im Argen liegt. Insgesamt gibt es in Südtirol die stattliche Anzahl von 33.700 sog. Ein-Eltern-Familien. <BR /><BR /><BR /><b>Frau Brugger, welche sind die häufigsten Anliegen, die Alleinerziehende haben, wenn Sie sich an die Plattform für Alleinerziehende wenden?</b><BR />Josefa Brugger: Die am häufigsten gestellte Frage ist eine recht einfache. Sie lautet: Wie komme ich mit dem verfügbaren Geld zurecht? Unmittelbar damit verbunden sind eine Vielzahl von rechtlichen Fragen. Deshalb bieten wir Rechtsberatung an, unsere Mitglieder bekommen die erste Rechtsberatung kostenfrei. <BR /><BR /><b>Um welche Fragen geht es in den Rechtsberatungen?</b><BR />Brugger: Es geht um das Sorgerecht für die Kinder genauso wie um damit verbundene Ansprüche, das Kindergeld, den Mietbeitrag oder wer im Falle einer Trennung das Recht hat, in der Wohnung zu bleiben. Dabei müssen Betreuungsfragen gelöst werden, weshalb wir auch einen ausgebildeten Mediator hinzuziehen können. Dabei versuchen wir die Einzelfälle zu evaluieren und einen Konsens zu finden zwischen den beiden Elternteilen. Oft ist es so, dass jeder Elternteil seine Sicht der Dinge und seine Wahrheit hat, sodass man sorgfältig und einfühlsam die Gesamtsituation zum Vorteil des Kindes bzw. der Kinder bewerten muss. <BR /><div class="img-embed"><embed id="1009058_image" /></div> <BR /><BR /><b>Von den rechtlichen Fragen einmal abgesehen, dürften sich hinter jedem Trennungsfall auch leidvolle Einzelschicksale abspielen. Was kann die Plattform für Alleinerziehende in dieser Hinsicht machen?</b><BR />Brugger: Richtig. Trennung ist in den allermeisten Fällen mit viel Schmerz und Verdruss verbunden, häufig lassen sich Machtspielchen mit dem Entzug von Geldmitteln und ähnliche Szenarien beobachten. Es wäre wünschenswert, wenn gerade in derartigen Situationen das Wohl des Kindes im Mittelpunkt stünde, allerdings geht das oft unter, weil die Partner vor allem mit sich selbst und ihren Problemen beschäftigt sind. Deshalb bieten wir psychosoziale Lebensberatung an, um die Situation zu erkennen und daraus gestärkt hervorgehen zu können. Es gibt Gesprächsgruppen, in denen Betroffene ihre Erfahrungen austauschen können und merken, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten nicht allein sind. Und es gibt die Erstberatung vor Ort, wo man mal sein Herz ausschütten kann. Darüber hinaus bieten Online-Gesprächsgruppen und Online-Beratungen an. <BR /><BR /><b>Was kommt in diesen Beratungen zum Vorschein? Was ist passiert, dass es so weit kommen musste?</b><BR />Brugger: Es gibt verschiedenartigste Gründe und Ursachen, die zu Trennungen führen, häufig sind Süchte wie Alkohol im Spiel. Häusliche Gewalt ist ebenfalls oft zu vernehmen. Ein Phänomen unserer Zeit ist, dass sich Männer oft hinter der Arbeit verstecken und sich keine Zeit für das Familienleben nehmen bzw. dieses vernachlässigen.<BR /><BR /><b>In Südtirol gibt es etwa 33.700 sogenannte Ein-Eltern-Familien, in welchen Kinder mit einem Elternteil leben. Jedes dritte Kind lebt mittlerweile in einer derartigen Familienkonstellation, wenn man Patchworkfamilien dazuzählt. Reagiert die Politik in angemessener Art und Weise auf diese Realität?</b><BR />Brugger: Man muss leider feststellen, dass die Politik säumig ist. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen, um das Wohl des Kindes zu gewährleisten, fehlt leider vielfach. Ein Beispiel: Die Unterhaltsvorschussstelle, die im Jahr 2003 aus der Taufe gehoben wurde, um für säumige Elternteile sozusagen in die Bresche zu springen, war sicherlich eine große Errungenschaft. Allerdings wurden die Beiträge seit mehr als 10 Jahren trotz hoher Inflation nicht mehr angehoben. So erhält eine Mutter für ein minderjähriges Kind maximal 328 Euro im Monat. Insgesamt betrifft das mehr als 1000 Kinder in Südtirol.<BR /><BR /><b>Ist Kinderarmut ein Thema im Wohlstandsland Südtirol?</b><BR />Brugger: Wenn man auf die Unterstützungsmaßnahmen schaut, so ist es tatsächlich ein Thema. Es wird zu wenig gegen die Armut getan. So wurden beispielsweise der Bücherscheck und das Pendlergeld gestrichen. Für Alleinerziehende waren die 600 Euro jährliches Pendlergeld ein schöner Betrag, der nun fehlt. Wie gesagt, Alleinerziehende tun sich viel schwerer, all die Ausgaben zu schultern.<BR /><BR /><b>In 30 Jahren haben sich Rollenbilder und gesellschaftliche Konventionen stark gewandelt. Wie hat sich das Bild der Alleinerziehenden geändert?</b><BR />Brugger: Es lässt sich schon beobachten, dass die Familienform von Alleinerziehenden heutzutage eine höhere Akzeptanz erfährt. Dennoch gibt es noch immer die Vorwürfe von Sozialschmarotzertum, weil manches miteinander vermischt wird und viele Menschen nicht wirklich über die Lage von Alleinerziehenden Bescheid wissen. Dabei geht der überwiegende Teil der alleinerziehenden Frauen einer geregelten Arbeit nach, weil sie sonst nicht über die Runden kommen würden. Sie wenden in der Regel 75 Stunden und mehr in der Woche auf, um im Beruf zu funktionieren und die Arbeit daheim anständig zu verrichten. Sie gehören zweifellos zur Personengruppe mit der höchsten Arbeitsbelastung.<BR />