<BR /><b>Warum wurden Gemeinden vor oder gleich nach 1925 zusammengelegt?</b><BR />Walter Landi: Seit 1922 waren die Faschisten in Italien an der Macht. Für sie war die Einschränkung der Gemeindeautonomie ein Mittel, die zentrale Kontrolle zu stärken. Ab 1925 setzte daher die systematische Beschneidung kommunaler Befugnisse ein. So wurde etwa die selbstständige Ernennung des Gemeindesekretärs abgeschafft und durch ein bereits am 16. April desselben Jahres im ganzen Königreich Italien erlassenes Dekret der Regierung unterstellt; dieses trat am 25. Mai 1925 auch in Südtirol in Kraft. Ein weiteres zentrales Element war die Abschaffung der freien Wahl des Gemeindevorstehers. Mit königlichem Dekret vom 4. April 1926 wurde die Wahl aufgehoben und stattdessen die Einsetzung von Amtsbürgermeistern – den sogenannten Podestà – vorgeschrieben. Gemeinden mit weniger als 3.500 Einwohnern hatten somit kein Recht mehr, ihren Bürgermeister selbst zu wählen. Im Zuge dieser Maßnahmen wurde schließlich auch die Gemeindestruktur in Südtirol umfassend umgestaltet: Die Zahl der Gemeinden wurde deutlich reduziert. Innerhalb weniger Jahre blieben nur noch 109 Gemeinden übrig, heute sind es 116. <h3> Hier die Grafik</h3> <div class="embed-box"><div class="container-wrapper-genially" style="position: relative; min-height: 400px; max-width: 100%;"><img src="https://img.genial.ly/5fd380c29270490f70f47a03/f30fb79b-ab39-43a4-b16e-6acb3b0565c8.jpeg" class="loader-genially" style="position: absolute; top: 0; right: 0; bottom: 0; left: 0; margin-top: auto; margin-right: auto; margin-bottom: auto; margin-left: auto; z-index: 1;width: 80px; height: 80px;"/><div id="6972687110875de14a109edb" class="genially-embed" style="margin: 0px auto; position: relative; height: auto; width: 100%;"></div></div><script>(function (d) { var js, id = "genially-embed-js", ref = d.getElementsByTagName("script")[0]; if (d.getElementById(id)) { return; } js = d.createElement("script"); js.id = id; js.async = true; js.src = "https://view.genially.com/static/embed/embed.js"; ref.parentNode.insertBefore(js, ref); }(document));</script></div> <BR /><BR /><b>Gab es auch andere Gründe oder war das ein reiner Willkürakt des Faschismus?</b><BR />Landi: Schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es ähnliche Bestrebungen, allerdings nicht von oben oktroyiert wie unter dem Faschismus, sondern als spontane Fusionierungen der betroffenen Gemeinden. Man erhoffte sich eine effizientere Verwaltung, relevante Einsparungen im Haushalt und wettbewerbsfähigere Strukturen im aufstrebenden Wirtschaftsleben um die Jahrhundertwende. So wurde Zwölfmalgreien bereits 1911 in die Gemeinde Bozen eingegliedert – aus politisch-wirtschaftlichen Überlegungen. Bozen strebte eine Vergrößerung des Stadtgebietes an, nicht zuletzt aufgrund des wachsenden Tourismus. Gemeinsam konnten sich die Ortschaften besser vermarkten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-73162997_quote" /><BR /><BR /><BR /><b> Welche Folgen hatte dies für die Bürger?</b><BR />Landi: Viele der betroffenen Bewohner waren davon bestimmt nicht begeistert. Genaueres wissen wir aber nicht. Es gibt zwar Forschung zu den einzelnen Gemeinden, etwa in Dorfbüchern, ein wissenschaftlicher Überblick über das Phänomen wurde jedoch bislang nicht erarbeitet.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73162999_quote" /><BR /><BR /><b>Haben die einverleibten Gemeinden gewisse Eigenheiten beibehalten?</b><BR />Landi: In einigen Bereichen – etwa beim Kataster, bei den Almrechten oder im Vereinswesen – ist die Selbstständigkeit bis heute erhalten geblieben. Die heutigen Stadtteile bzw. Ortschaften verfügen teilweise noch über eine eigene Feuerwehr oder Musikkapelle. Auch die Pfarre blieb in der Regel eigenständig und wurde damit zu einem wichtigen Garanten für die Weiterexistenz von bestimmten Formen der Selbstverwaltung der ehemaligen Gemeinde – zumindest auf Ebene der Pfarrgemeinde.<BR /><BR /><b>Und wie wirkte sich das auf die Identität der Einwohner aus?</b><BR />Landi: Identität hängt nicht zwingend mit einer Gemeindestruktur zusammen. Selbst kleinste Fraktionen, die immer Teil einer größeren Gemeinde waren, empfinden häufig eine eigene Identität. Auch im städtischen Kontext bewahren ehemalige, heute nicht mehr existierende Gemeinden ihre Besonderheiten – in Bozen etwa Gries und Zwölfmalgreien. Das hängt stark mit dem traditionellen Dorfleben zusammen. Eines dürfen wir dabei nicht vergessen: Die soziale und kulturelle Verwurzelung der Menschen vor Ort ist wesentlich älter als jede Verwaltungsreform und bleibt daher auch nach strukturellen Eingriffen bestehen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73163390_quote" /><BR /><BR /><b>Wie ist das zu verstehen?</b><BR />Landi: Die Gemeinden als politische Einheit, wie wir sie heute kennen, existieren erst seit 1819. Grundlage dafür war das kaiserliche Hauptpatent, das die Organisation der Gemeinden regelte und einheitliche Grundsätze für das Gemeindewesen schuf. Dabei wurden teilweise die grundlegenden Bestimmungen des über zehn Jahre älteren Gemeindegesetzes des Königreichs Bayern von 1808 und 1810 übernommen. Diese Gesetzgebung führte die Gemeinde als unterste Stufe der staatlichen Organisation ein und zerschlug die ursprüngliche Autonomie der alten Gemeinden. Die modernen Gemeinden, wie wir sie heute kennen, sind somit relativ junge politische Gebilde, aber sie stehen in einem historischen Kontinuum mit noch viel älteren politischen Strukturen. Vorher wurden ihre Aufgaben teils von den Landgerichten, teils von den Pfarren und teils von den Nachbarschaften wahrgenommen, die vor allem als Interessengemeinschaften zu verstehen sind – also als Genossenschaften zur Verwaltung und Nutzung gemeinschaftlicher Güter und Rechte. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265382_image" /></div> <BR /><BR /><b>Seit wann gab es diese Vorgängerinstitutionen der modernen Gemeinden?</b><BR />Landi: Solche frühen Formen von Gemeinden finden sich in Südtirol bereits Ende des 11. Jahrhunderts, als in Bozen von der „communio Pozanensium civium“ in einer Urkunde von 1078/80 die Rede ist – also von den Markgenossen bzw. Nachbarn der Landgemeinde Bozen. Hier werden zum ersten Mal zwei wesentliche Elemente erwähnt: die „communio“, also die Gemeinschaft, als Grundlage der Gemeinde, und die Nachbarn, die „cives“, ein Begriff, der sich konkret auf die Markgenossen von Bozen bezieht. Alle diese älteren Formen von Gemeinden waren vor allem Selbstorganisationen von Dorfgemeinschaften, die über eigene Verordnungen verfügten. Sie traten als fiskalische Einheiten gegenüber der Fürstenmacht auf und mussten sich der gemeinsamen Eintreibung von Steuern stellen. Sie organisierten eigenständig religiöse Feierlichkeiten, wie etwa Prozessionen, und verbanden sich vor allem durch einen besonderen Faktor: das gemeinsame Nutzungsrecht über die Allmende, also über Wälder, Wege, Weiden und Gewässer.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73163392_quote" /><BR /><BR /><b>Warum entstanden moderne Gemeinden?</b><BR />Landi: Die Entstehung der modernen Gemeinden und die neue politische Verfassung der Gemeinden, die 1819 und dann mit dem neuen Gemeindegesetz von 1849 endgültig festgelegt wurde, war letztlich eine Folge der Abspaltung von Fürstenmacht und Kirche. Dies führte zu einer größeren Autonomie und Selbstverwaltung in mehreren Bereichen des zivilen Zusammenlebens. Am 9. Jänner 1866 trat schließlich die neue Gemeindeordnung für die gefürstete Grafschaft Tirol in Kraft, die bis zum 11. August 1928 (also auch nach der großen Zäsur von 1919) in Geltung blieb. Nur die Markt- und Stadtgemeinden konnten zuvor eine vergleichbare Stellung wie die modernen Gemeinden einnehmen. Diese gingen über die übliche Verwaltung gemeinschaftlicher Rechte auf Gemeindegut hinaus, was auch zur visuellen Selbstdarstellung dieser Gemeinden führte – ein Privileg, das anderen nicht gestattet war.<BR /><BR /><BR /><b>Was meinen Sie damit?</b><BR />Landi: Ich denke an die Gemeindewappen. Die Verleihung eines Gemeindewappens gehört zu den Hoheitsrechten. In der Vergangenheit fand diese Verleihung in der Regel anlässlich der Erhebung einer Landgemeinde zur Markt- oder Stadtgemeinde statt. Ländliche Gemeinden hingegen waren in der Regel wappenlos, in der österreichischen Monarchie wurde dies 1905 sogar durch das Innenministerium geregelt. Nach dem Ersten Weltkrieg und der damit verbundenen Zerschlagung der Gefürsteten Grafschaft Tirol wurde das Recht zur Verleihung von Gemeindewappen 1925 von der neu gegründeten Republik Österreich auch für Nordtirol, wie für die anderen Bundesländer, anerkannt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-73163393_quote" /><BR /><BR /><b>Was geschah in Südtirol?</b><BR />Landi: Für Südtirol hingegen blieb diese Befugnis nach 1919 beim Staat, der sich das Recht vorbehielt, jedes von der Gemeinde gewählte Wappen anzuerkennen und dessen Verwendung zu gestatten. Mit dem ersten Autonomiestatut von 1948 übertrug der Staat der neuen Region Trentino-Südtirol die Zuständigkeit für die Ordnung der örtlichen Körperschaften und damit auch das Recht zur Verleihung von Gemeindewappen.<BR /><BR /><b> Wie ging es dann weiter?</b><BR />Landi: 1963 erließ die Region eine neue Gemeindeordnung, die in Artikel 4 gerade die Wappenverleihungen regelte. Mit Artikel 3 des Regionalgesetzes Nr. 6 vom 31. März 1971 wurde die Verleihung von Gemeindewappen an die beiden autonomen Provinzen Trient und Bozen delegiert, die auch heute über diese Zuständigkeit verfügen. Heutzutage besitzen alle 116 Südtiroler Gemeinden ein eigenes Wappen, das zumeist zwischen 1966 und 1971/72 von der Region bzw. der Autonomen Provinz Bozen auf Empfehlung einer auf Initiative des Gemeindekonsortiums und des Landesverbandes für Heimatpflege eingerichteten Wappenkommission verliehen wurde. Nicht alle Wappen waren Neuschöpfungen, die dem Einfallsreichtum und dem Können der Kommission zu verdanken waren. Es gab auch alte Wappen, die zu den historischen Städten und Marktgemeinden Südtirols gehörten.<h3> Ein Blick in die Historie: Als Hafling wieder eine eigenständige Gemeinde wurde</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265385_image" /></div> <BR />In der Zwischenkriegszeit verloren viele Gemeinden ihre Autonomie. Doch in einigen wenigen Fällen blieb diese Entscheidung nicht endgültig. „Die Gründe dafür sind unterschiedlich“, weiß der Historiker Walter Landi. So wurde das zuvor eigenständige Hafling 1931 eine Fraktion der Gemeinde Meran. 1957 erlangte Hafling die Selbstständigkeit jedoch zurück (im Bild die 1923 in Betrieb gegangene Seilbahn Meran-Hafling). <BR /><BR />Auch Rodeneck, das ab 1929 Teil der Gemeinde Mühlbach war, ist seit 1955 wieder eine eigenständige Gemeinde. Ähnliches gilt für Pfatten, das in der Zwischenkriegszeit Leifers zugeschlagen wurde, sowie für Kurtinig, das in derselben Zeit an Margreid angeschlossen wurde. Auch sie erlangten gleich nach dem Zweiten Weltkrieg die Selbstständigkeit zurück. <BR /><BR />Aufgelöst wurde im Jahr 1955 die 1928 gegründete Großgemeinde Rasen-Olang, die in die Gemeinden Olang und Rasen-Antholz aufgeteilt wurde. Ein kurioser Fall aus der jüngeren Geschichte: Im Jahr 1929 wurde Taisten ein Teil von Welsberg. 74 Jahre später, im Jahr 2003, wurde die Gemeinde in <Fett>Welsberg-Taisten</Fett> umbenannt.