Montag, 16. September 2019

Als die Flucht aus der DDR mit dem Heißluftballon gelang

Vor 40 Jahren, am 16. September 1979, gelang zwei Familien einer der spektakulärsten Fluchtversuche über die innerdeutsche Grenze aus der DDR nach Westdeutschland.

Die Nachrichtensendungen vom September 1979 berichteten ausführlich über die spektakuläre Flucht aus der DDR. - Foto: Screenshot Youtube
Die Nachrichtensendungen vom September 1979 berichteten ausführlich über die spektakuläre Flucht aus der DDR. - Foto: Screenshot Youtube

Den Familien Strelzyk und Wetzel aus Pößneck in Thüringen gelang Mitte September 1979 die Flucht aus der DDR mit einer aufsehenerregenden Fahrt in einem selbstgenähten und -gebauten Heißluftballon.

Peter Strelzyk und Günter Wetzel waren Arbeitskollegen in einer Kunststofffabrik. In monatelanger Arbeit beschafften sie gemeinsam mit ihren Ehefrauen die erforderliche Stoffmenge, nähten daraus einen Ballon, fertigten eine Gondel an und experimentierten mit einem Brenner. 

Erst der 3. Ballon war der richtige

Die Familien bauten insgesamt 3 Ballons. Der erste bestand aus Futterstoff aus einer Ledertaschenfabrik, der sich jedoch bei einem Füllversuch als ungeeignet erwies, weshalb die Familien ihn vernichteten. Der zweite Ballon bestand aus Taftstoff, den Strelzyk und Wetzel in einem Kaufhaus in Leipzig gekauft hatten. Da die konstruierte Gondel zu klein war, um beide Familien zu tragen, stieg die Familie Wetzel aus dem Plan aus, und die Strelzyks unternahmen in der Nacht vom 3. zum 4. Juli 1979 allein einen Fluchtversuch, der allerdings 2 Kilometer vor Grenze scheiterte.

Daraufhin arbeiteten die beiden Familien an einem dritten Ballon. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern besorgten sie das Material diesmal in zahlreichen kleinen Posten an vielen unterschiedlichen Orten. Die Hülle des Ballons war 28 Meter hoch und 20 Meter breit und wurde aus vier unterschiedlichen Stoffen genäht: Regenschirmseide, Taftstoff, Zeltnylon und Bettinlett. Die Gondel bestand aus einer 1,40 m mal 1,40 m großen hölzernen Plattform mit einem 80 cm hohen Geländer aus vier Eckpfosten und Wäscheleine.

Unmittelbar nachdem am 15. September 1979 die letzten Stoffbahnen in Jena gekauft und vernäht worden waren, entschlossen sich die Familien aufgrund der günstigen Wetterbedingungen, noch in derselben Nacht zu starten. Als Startplatz diente erneut jene Wiese bei Oberlemnitz, von der aus der missglückte Fluchtversuch vom 4. Juli begonnen hatte.

Bayerische Polizeistreife bestätigte Landung in der BRD

Die 8 Personen kauerten während der Fahrt mit dem Rücken zum Geländer und hielten sich an den in der Mitte stehenden 4 Propangasflaschen fest. Die Fahrt dauerte 28 Minuten, in denen eine Distanz von 18 Kilometern überwunden wurde. Der Ballon landete in einem Waldstück bei Naila im Landkreis Hof. Nach der Landung hielten sich die Frauen und Kinder zunächst im Wald versteckt, während die beiden Männer das Gelände erkundeten. Schließlich stießen sie auf eine bayerische Polizeistreife, die ihnen bestätigte, dass sie die Bundesrepublik erreicht hatten. Die Flucht war gelungen.

Die Flüchtlinge schenkten die Gondel des Ballons der Stadt Naila, die sie gemeinsam mit 10 Bahnen des Ballonstoffs an das Mauermuseum am Berliner Checkpoint Charlie weitergab. Die Ballonhülle ist seit Mai 2019 im Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg ausgestellt.

Michael Herbig verfilmte die Ballonflucht

Diese spektakuläre Flucht aus der DDR wurde von Michael Herbig im Thriller „Ballon“ verfilmt, der 2018 in den Kinos lief.

Der Bayerische Rundfunk hat der Flucht eine Reportage gewidmet, in der sich Günter Wetzel, einer der Erbauer des Ballons, an die Vorbereitungen, die Flucht und die Zeit danach erinnert.

stol/ds

stol