Es ist kurz vor Mitternacht. Draußen herrscht stockfinstere Nacht. Über den Bergen auf der orografisch rechten Talseite entlädt sich ein Gewitter. Starkregen und Hagel gehen nieder, Blitze zerreißen die Nacht, Donner grollt. <b>Agnes Zimmerhofer (</b>Bild unten) ist in der Nacht auf Donnerstag allein mit ihrem Berner Sennenhund in der Daimerhütte auf 1.861 Metern Höhe. Sie kennt die oft rauen Nächte am Berg.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1344606_image" /></div> <BR /><BR />Doch diese ist anders als alle zuvor. Der Rotbach, der nur wenige Meter neben der Hütte vorbeiführt, wird lauter, gewaltiger, bedrohlicher. Innerhalb kürzester Zeit schwillt er an, tritt über die Ufer und reißt Gestein und Geröll mit ungeheurer Wucht talwärts. In der Dunkelheit ist nichts zu erkennen. „Das war ganz schlimm“, erzählt die Hüttenwirtin gestern Vormittag am Telefon. „Als die ganze Hütte ,genaggelt„ hat, habe ich die Notrufzentrale angerufen.“<BR /><BR />Feuerwehr und Bergrettung werden alarmiert. Ein Bergretter der Stelle Ahrntal meldet sich umgehend telefonisch bei ihr. Eigentlich will er zu ihr aufsteigen, doch die Lage war mitten in der Nacht nicht einzuschätzen. „Man hat mir geraten, mich in den hintersten Winkel der Hütte zu verkriechen und dort zu bleiben“, sagt sie. Das tat sie. An ihrer Seite ihr Hund, „meine treue Seele“.<h3> Zwischen Hoffen und Bangen auf der Alm</h3>„Der Bergretter und ein paar andere haben mich die ganze Nacht am Telefon begleitet. Sie haben mich seelisch unterstützt. So habe ich das überstanden“, erzählt sie. Ob sie Todesangst hatte? „Das kann ich gar nicht sagen. Ich war wohl im Schock. Es geht einem so viel durch den Kopf, man weiß gar nicht, was eigentlich passiert.“ Seit 25 Sommern verbringt Zimmerhofer die Almsaison auf der Daimerhütte und hilft ihrem Bruder bei der Bewirtschaftung. Schon als Kind war sie unzählige Sommer dort. „So etwas habe ich aber noch nie erlebt. Auch meine Eltern haben nie von einem solchen Ereignis erzählt“, sagt sie.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1344609_image" /></div> <BR /><BR />Während sie am Vormittag noch darauf wartet, dass Fachleute entscheiden, ob sie und die Kühe auf der Alm bleiben können, kommen erste Wanderer auf dem Rückweg von der Schwarzensteinhütte vorbei. Sie haben die Verwüstungen entlang des Rotbachs gesehen und wollen nach dem Rechten schauen. Auch ihr Bruder hatte sich bereits am Morgen zu Fuß auf den Weg zu ihr gemacht.<BR /><BR />Was Agnes Zimmerhofer in der Nacht auf Donnerstag als erste hörte, war der Beginn eines gewaltigen Murabgangs. Nach einem heftigen Hagel- und Starkregengewitter in einer Höhe zwischen 2500 und 3000 Metern verwandelte sich der Rotbach in einen reißenden Strom aus Wasser, Felsblöcken, Schlamm und Holz. Auf seinem Weg talwärts riss er Wanderbrücken mit sich, füllte das Rückhaltebecken oberhalb der Ahrntaler Straße und verschüttete schließlich die Landesstraße zwischen Luttach und St. Johann meterhoch. Rund 30.000 Kubikmeter Geröll und Schlamm wurden mobilisiert.<BR /><BR />Die gute Nachricht: Kein Mensch wurde verletzt, kein Wohnhaus beschädigt. Dennoch war die Nacht für viele Menschen eine Zitterpartie.<BR /><BR />Vorsorglich wurden das Hotel Martinshof sowie drei Wohnhäuser evakuiert. Rund 120 Menschen mussten ihre Unterkünfte verlassen. „Die riesige Menge an Gestein, Geröll und Schlamm hat den Durchlass unter der Landesstraße verlegt, ist in die Ahr geflossen und hat auch dort einen Rückstau verursacht“, erklärt Feuerwehr-Abschnittsinspektor Stefan Stocker. „Die Sorge war groß, dass sich die Ahr hinter diesem Damm aufstaut und bei einem plötzlichen Durchbruch eine riesige Flut talauswärts rollt.“ Dorthin, wo auch mehrere Wohnhäuser am Ufer der Ahr stehen.<h3> Mit vereinten Kräften gegen die Gewalt der Natur</h3>Dazu kam es glücklicherweise nicht. „Die Blockade hat sich langsam geöffnet, das Wasser konnte kontrolliert abfließen“, sagt Bezirkspräsident Alois Steger. Ab Mitternacht standen rund 130 Wehrmänner aus St. Johann, Luttach, Steinhaus, Sand in Taufers, Mühlen und Prettau im Einsatz. Dazu die Bergrettung, das Weiße Kreuz mit seinem Zivilschutzzug und der Notfallseelsorge sowie die Carabinieri, ebenso die Gemeindeleitstelle und die Bezirkseinsatzzentrale. Auch die Wildbachverbauung, der Straßendienst und mehrere heimische Bauunternehmen rückten mit schwerem Gerät in der Nacht aus. Mit Baggern und Lastwagen – unterstützt von Drohnen, Scheinwerfern und Drehleitern – wurden der Durchlass unter der Landesstraße freigelegt und die gewaltigen Schutt- und Schlammmassen abgetragen.<h3> „Mit dem Rumpeln und Grollen kam die Angst“</h3>Mehrere Anrainer beobachteten am Vormittag die Aufräumarbeiten aus der Ferne. Auch <b>Hildegard Oberschmied</b> (im Bild unten) steht da. Sie wohnt seit über 20 Jahren in einem Haus am linken Ahrufer und wurde in der Nacht evakuiert. Neun Menschen sowie drei Hunde mussten das Haus verlassen. „Als ich das Grollen und Rumpeln der Steine im Bach gehört habe, bekam ich Angst“, erzählt sie. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Die Hunde hätten die Gefahr schon gespürt, bevor die Mure überhaupt das Tal erreicht hat, seien unruhig geworden und hätten gezittert, erzählen die Anrainer.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1344612_image" /></div> <BR /><BR />Die Evakuierung sei ruhig und professionell verlaufen. Zunächst seien sie von der Feuerwehr auf die andere Bach- und Straßenseite gebracht worden, gegen drei Uhr morgens dann in die Mehrzweckhalle nach Luttach. Einige konnten dort zumindest kurz die Augen schließen, andere warteten angespannt auf den Morgen. Um halb 7 Uhr früh durften sie zurück – in ihre glücklicherweise unversehrten Häuser.<BR /><BR />Dass nichts Schlimmeres passiert sei, sei den Feuerwehren und allen anderen Einsatzkräften zu verdanken, die sofort zur Stelle waren, sagen sie. Und auch den Baufirmen, die noch in der Nacht Mitarbeiter und schweres Gerät anderswo abgezogen haben. Auch Vorarbeiter Hubert Brugger und Martin Moser vom Amt für Wildbach- und Lawinenverbauung Ost standen seit Mitternacht im Einsatz. „Die Schutzbauten und der bestehende Damm orografisch rechts oberhalb der Gewerbezone haben schlimmere Folgen verhindert“, fasste Amtsdirektor Michael Baumgartner zusammen.<BR /><BR />Bis 13 Uhr gelang es, den Durchlass der Ahr zu räumen und die Straße so weit zu säubern, dass diese einspurig geöffnet werden konnte. Bis dahin war das hinterste Ahrntal von der Außenwelt abgeschnitten. Weil für Donnerstag und die nächsten Tage erneut Gewitter vorhergesagt sind, werde die Gefahrenlage in der Gisse überwacht, sagt Abschnittsinspektor Stocker. Auch Bagger bleiben vor Ort in Alarmbereitschaft. Bei erneutem Starkregen wolle man die Straße vorsorglich sperren können.<h3> Das Jahr 1878 ist plötzlich ganz nah</h3>Vielen wurde am Donnerstag etwas bewusst: Diese Geschichte wurde an diesem Ort schon einmal geschrieben. 1878 wälzte sich eine gewaltige Mure drei Tage lang durch den Rotbach ins Tal. Sie verschüttete die Schmelzanlage des Prettauer Bergwerks, das einzige Gebäude, das damals dort stand. Der Name „Gisse“, den die Örtlichkeit bis heute trägt, erinnert an diese historische Vermurung. Für einige Stunden schien diese Geschichte – trotz inzwischen massiver Schutzbauten – wieder erschreckend nah.