Dabei zeigt sich, welche Bedeutung Bozen einst für Pilger auf dem Weg nach Rom oder Santiago de Compostela hatte – und welche Spuren diese Reisenden in der Stadt hinterlassen haben. <b>von Markus Perwanger</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1363239_image" /></div> <BR /><BR />Über Bozen tobt ein Unwetter: Regen, Sturmböen, Donner und Blitz. Ein Pilger sucht Schutz in einer Ecke, er lehnt sich an die Mauer der Pfarrkirche, ist völlig durchnässt – da stürzt eine Glocke vom Turm herab, doch sie erwischt ihn nicht voll, sondern streift ihn nur. Ein Wunder, Glück im Unglück, der Mann wird verletzt, Blut strömt über sein Gesicht, doch er kommt mit dem Leben davon.<BR /><BR />So oder so ähnlich dürfte sich der Glockensturz vor 600 Jahren zugetragen haben. Es gibt, der Vollständigkeit halber, eine zweite Erzählung, wonach der Pilger nicht nur gestreift, sondern erschlagen wurde; andere wiederum sprechen von einem dramatischen Weckruf von oben, wonach der Mann, müde und der Reise überdrüssig, seine Pilgerfahrt zügig fortsetzen sollte. Doch wer weiß das schon nach so langer Zeit.<h3>Votivbild am Fuß des Pfarrturms</h3>Am Fuß des Bozner Pfarrturms jedenfalls ist seit dem 15. Jahrhundert ein Fresko zu sehen, das den Unglücksraben zeigt, ein Votivbild, das einem Meister aus dem Veroneser Raum zugeschrieben wird. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1363242_image" /></div> <BR /><BR />Dass es sich um einen Pilger handelt, ist deutlich zu erkennen: auf seiner Brust die Jakobsmuschel, neben ihm Stock, Tasche und Hut, die Geldkatze am Gürtel. Nach seiner Kleidung zu urteilen, dürfte es sich um einen wohlhabenden Mann gehandelt haben. Ob die Pilgerreise nach Rom oder Santiago de Compostela führte, lässt sich nicht mehr ergründen.<h3>Fromme Pilger, schlauer Wirt</h3>Das Fresko am Fuß des Pfarrturms weist darauf hin, dass Bozen ein fester Bezugspunkt für Pilger war, vor allem im Mittelalter. Die Stadt lag und liegt an der Nord-Süd-Achse, wer also nach Rom wollte, kam in der Regel hier vorbei. Das gilt im Besonderen für die Via Romea Germanica, den Pilgerweg, den ein Abt namens Albert vor 800 Jahren von Stade im Norden Deutschlands nach Rom nahm – und der noch heute begangen wird.<BR /><BR />Wer hingegen auf dem Jakobsweg unterwegs war, konnte entweder über Bozen und den Vinschgau oder durchs obere Inntal in Richtung Westen nach Santiago de Compostela ziehen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1363245_image" /></div> <BR /><BR />In der Bozner Pfarrkirche, im heutigen Dom, sind am Fuß der wertvollen, 500 Jahre alten Kanzel drei Pilger mit Rosenkranz, Hut, Jakobsmuschel und Stock zu sehen. Das gesamte Bildwerk war bunt bemalt, Farbreste sind noch heute auszumachen.<BR /><BR />Kurios: Ein Wirt namens Jost Ortlieb trug den Großteil der Kosten, ließ aber im Gegenzug sein Wappen – Mann mit Stock und totem Hasen – an der Kanzel anbringen, wohl mit einem Hintergedanken: Die Pilger sollten gleich erfahren, wo sie sich am Abend stärken und ausruhen konnten. Ein Fall von spätgotischem Sponsoring …<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1363248_image" /></div>