Grenzen werden geschlossen, einschränkende Anordnungen erlassen, eigene Räume für die Verstorbenen eingerichtet. Was da vor 190 Jahren geschah klingt wie ein Déjà-vu.<BR /><BR /><b>Akribische Arbeit in den Archiven</b><BR /><BR />Seit mehr als 30 Jahren hat Richard Niedermair in örtlichen Archiven, im Südtiroler Landesarchiv und hauptsächlich im Staatsarchiv von Bozen unzählige Akten, meist handschriftlich Dokumente der ehemaligen Landgerichte und des Kreisamtes studiert und als Abschrift oder fotografisch festgehalten. „Es sind dies aufschlussreiche und teils bisher unbekannte Zeitdokumente zur Ortsgeschichte“, erklärt er. Er wolle aber sein Wissen nicht für sich behalten, sondern dieses einem breiten Publikum zur Verfügung stellen. Damit war die Idee geboren, darüber eine kleine Schriftreihe zu veröffentlichen.<BR /><BR />Die erste Ausgabe „Aus der Lorenzner Chronik“ ist nun erschienen und erzählt, wie vor 190 Jahren die gefährliche Cholera von Indien nach Europa kam und erste Vorkehrungen getroffen wurden, bevor die Seuche 1836 auch in St. Lorenzen wütete: „Für die Fraktion Pflaurenz endete die Seuche in einer Tragödie.“ <BR /><BR /><b>Ausbruch der Cholera vor 190 Jahren</b><BR /><BR />Interessant dabei sei, dass es ähnliche Ereignisse wie die derzeitige Corona-Pandemie schon in früheren Zeiten gab, wie etwa die Spanische Grippe 1918 oder die Pest 1636. Genau vor 190 Jahren war es die asiatische Brechruhr – „Cholera“ genannt, die Wien erreichte und Mitte der 1830-er Jahre auch bei uns ausbrach.<BR /><BR /><embed id="dtext86-50854569_quote" /><BR /><BR />Die zahlreichen Protokolle und Schreiben geben Aufschluss, was damals passierte. Dabei ist es Richard Niedermair nach wie vor wichtig, nicht nur einzelne Dokumente zu zitieren, sondern im Kreuzvergleich mit mehreren, voneinander unabhängigen Unterlagen die Fakten zu bestätigen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="694589_image" /></div> <BR /><b>Grenzen werden geschlossen, Einschränkende Anordnungen getroffen</b><BR /><BR />Das Königreich Bayern ließ seine Grenzen weitgehend schließen und militärisch bewachen. Die Einreise nach Tirol war nur mehr eingeschränkt möglich. Laufend wurden weitere einschränkende Anordnungen getroffen, um im Ernstfall vorbereitet zu sein. Das Landgericht Bruneck hatte die Pfarreien angewiesen, „schnell Vorkehrungen gegen einen eventuellen Seuchenausbruch zu treffen und Vorschläge einzubringen.“ <BR /><BR />Es wurden eine Sanitätskommission eingesetzt, Hygienemaßnahmen vorgeschrieben, Arzneimittel organisiert – und auch für die 82 in der Armenliste der Pfarrei eingetragenen Personen musste gesorgt werden. Für die Miet- und Heizkosten, Krankenwärter und eine angemessene Verpflegung der Kranken musste die Gemeinde aufkommen. Die ärztliche Versorgung übernahm der Wundarzt Franz Sporn. Für die Aufbahrung der Verstorbenen wurden eigene Räume ausgewiesen, für die Beerdigung eigene Plätze vorgesehen. Die Bestimmungen und Vorkehrungen änderten sich laufen und wurden von der Kanzel aus verkündet.<BR /><BR /><b>Geschichte um die Zeit füllt 4 Ausgaben</b><BR /><BR />Ursprünglich dachte Richard Niedermair an eine einmalige, kleine Broschüre. Während des Schreibens kam dann immer mehr zusammen, sodass allein die Geschichte um die bewegte Cholerazeit nun insgesamt 4 Ausgaben füllt. Die nächsten Ausgaben, welche im Abstand von etwa 3 Wochen erscheinen sollen, behandeln die damalige soziale und sanitäre Situation, den Verlauf der Seuche und die unmittelbaren Folgen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="694592_image" /></div> <BR />Bei entsprechendem Interesse ist eine Weiterführung der Schriftreihe geplant, bestätigt Niedermair und hat dabei schon konkrete Themen im Kopf, wie etwas das Vereinsleben, die Häuser- und Hofgeschichte oder besondere Ereignisse.<BR /><BR />Die Druckkosten hat der örtliche Bildungsausschuss. Die Broschüre ist in einer Auflage von 100 Stück erschienen, liegt in der Bibliothek von St. Lorenzen auf und ist auch im Internet abrufbar: <a href="https://www.stl.bz.it/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.stl.bz.it</a><BR /><BR /><b>Auszüge der Bestimmungen zur Bekämpfung der Cholera</b><BR /><BR />Kundmachung des Landeshauptmannes von Tirol, Friedrich Graf von Wilczek, 24. August 1831:<BR /><BR />„Die Einreise ist für Personen, Tieren und Waren nur mehr an den Haupt-Eingangsstationen erlaubt, insofern sie mit den vollständigsten Ausweisen über die Gesundheit des Ortes, woher sie kommen, dann der Orte, durch welche sie gegangen sind, versehen sind.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="694595_image" /></div> <BR /><BR />Brief von Landrichter Franz von Lutterotti an das Pfarramt von St. Lorenzen vom 29. August 1931:<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="694598_image" /></div> <BR />„Das zu Lararethaus bestimmte Kloser Sonnenburg muß vor den dortselbst befinldichen Partheyen sofort geräumt werden, damit die Quartiere gereinigt, und als Krankenzimmer eingerichtet werden können.“<BR /><BR />„Reinlichkeit in den Häusern ist eine ebenso nothwendige Bedingung sich vor der Ansteckungs-Gefahr zu bewahren ... Vorzüglich wird das Lüften der Wohnzimmer und die Räucherung mit Klorkalk empfohlen ...“<BR /><BR />„Den reisenden Handwerksburschen ist es verbothen in Bauern-Häusern einzukehren. Nur Wirths-Häuser sind zu ihrer Aufnahme geeignet. Die Untergebenen wollen daher auf diese gesetzliche Bestimmung um so mehr aufmerksma gemacht werden, als gerade diese Klasse Menschen am geegnesten schient, den Stof des Übels zu verbreiten.“<BR /><BR /><BR /><BR />