Rhodos war zwar auch Teil des faschistischen Italien – jedoch war der Faschismus dort weniger spürbar, und den Waldarbeitern winkten Haus und Garten. Vom kurzen Glück der 80 bis 100 Südtiroler auf der Ägäis-Insel handelt übrigens auch der etwa 40-minütige Dokumentarfilm „Holzfäller für Rhodos“, den Luis Walter und Marco Sonna 2017 gedreht haben.<BR /><BR />Der Neumarkter Filmemacher Luis Walter und sein Kameramann Marco Sonna aus Leifers haben mit noch lebenden Akteuren von damals gesprochen, ebenso mit deren Nachkommen – und so ein unbekanntes Kapitel Südtiroler Zeitgeschichte erstmals beleuchtet. Wichtige Quelle und Berater für Luis Walter war Raffaele Zancanella, früherer Präsident der Bezirksgemeinschaft Fleimstal, dessen Vater ebenfalls zu den Pionieren auf Rhodos zählte. <BR /><BR />Viele, die damals auf Rhodos ein neues Leben begannen, sind inzwischen längst gestorben. Einer der vom Filmteam Befragten – Leone Degiampietro (95) – starb wenige Tage nach dem Interview. <h3> Eigene Siedlung für Fleimstaler, Südtiroler und Buchensteiner</h3>Fleimstaler, Südtiroler und Buchensteiner hatten auf der „Roseninsel“ ihr Glück versucht: Für sie wurde sogar eine eigene Siedlung errichtet – Campochiaro (heute Eleousa), erzählt Luis Walter. Bereits 1912 hatte Italien Rhodos besetzt – seit 1923 war die Insel italienisches Hoheitsgebiet. Der Statthalter des faschistischen Italien auf Rhodos, Mario Lago, ließ 1934 zunächst im Fleimstal und Umgebung qualifizierte Holzfäller und Waldarbeiter rekrutieren. Auf Rhodos herrschte damals ein wahrer Bauboom: Die Insel sollte Schaufenster Italiens vom Osten zum Westen werden, erzählt Luis Walter. „Die faschistischen Bauten, die damals errichtet wurden, stehen noch heute.“ Die Aufgabe für die Waldarbeiter bestand nicht nur darin, Bäume zu fällen, sondern die Wälder dann auch wieder aufzuforsten. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="982057_image" /></div> <h3> Warum zog es Südtiroler und Trentiner nach Rhodos?</h3>Im Fleimstal und Umgebung lebten viele von der Holzwirtschaft. Die Wirtschaftskrise traf auch die Berggebiete – Holz hatte fast keinen Wert mehr. Dabei war die Wald- und Holzwirtschaft im Fleimstal der wichtigste Wirtschaftszweig. Große Familien gerieten in Not – einige verschuldeten sich noch dazu. Was lag näher, als sich nach neuen Möglichkeiten umzusehen – noch dazu, wo man unter dem Joch des Faschismus leben musste? Kinderreiche Familien aus dem Fleimstal, aus Welschnofen, Altrei, Aldein und Buchenstein ergriffen die Chance auf eine rosigere Zukunft – zwar immer noch innerhalb des faschistischen Italien, aber mit verlockenden Perspektiven. <BR /><BR />Statthalter Mario Lago galt als moderat. Er hatte sich im Oktober 1934 mit einem Brief an den Forstinspektor im Fleimstal gewandt: Rhodos sei die einzige Ägäis-Insel mit einem Wald von beachtlicher Ausdehnung. Die Einwanderung sollte gefördert werden. Der Forstinspektor möge ihm doch bitte helfen bei der Anwerbung von Holzfällern. Bei der Auswahl sollte man genau vorgehen und Mann für Mann aussuchen – mit gesunden Familien sowie guter moralischer und politischer Einstellung.<h3> Vor allem Großfamilien brachen nach Rhodos auf</h3>Im Jahr 1935 wagten die ersten Fleimser den Schritt in die unbekannte Ferne – und reisten nach Rhodos. Mit der Bahn fuhr man ab Cavalese bis Auer, von dort dann nach Brindisi und dann mit dem Schiff nach Rhodos. Familienväter machten sich auf der Insel ein Bild von der neuen Heimat. Bald holten sie ihre Familien nach. Die Kunde vom „Paradies Rhodos“ erreichte auch jene Gemeinden, die nicht weit entfernt vom Fleimstal liegen: Welschnofen, Altrei, Aldein, ebenso Tiers und Buchenstein (Belluno). Wiederum waren es Großfamilien, die sich wegen der Not gezwungen sahen, zu neuen Ufern aufzubrechen. <BR /><BR />Zu den Auswanderern zählten die Großfamilie Luis Kompatscher (mit 13 Kindern) aus Welschnofen, die Großfamilie Devalier und die Familie Lezuo – jeweils aus Buchenstein. In Altrei verließen ebenfalls Familien ihre Heimat, um nach Rhodos zu ziehen – sie hießen Markio, Saltuari, Rossi, Hanspeter, Amort und Felicetti. Zu den lebenden Zeitzeugen, die noch befragt werden können, zählen Veneranda Devalier-Vitti (Buchenstein/Tramin), Rita Lezuo-Fleischmann (Wien/Buchenstein) und Agnes Kompatscher (Welschnofen). <BR /><BR />In den Jahren von 1935 bis 1938 wird Campochiaro als Musterdorf der italienischen Regierung auf Rhodos erbaut – und dient als Wohnsiedlung für die Forstarbeiter aus den Alpen. Weil der Boden fruchtbar ist, können die Kartoffeln 2 Mal im Jahr geerntet werden. In den Schulen wird nur auf Italienisch unterrichtet – und faschistisches Gedankengut gelehrt. Die Waldarbeiter fällen Holz, pflegen die Wälder, forsten sie auf und sind gern gesehene Zeitgenossen. Für einige Zeit trübt nichts die Idylle. Doch dann – 1936 – folgt der Paukenschlag: Gouverneur Mario Lago wird abgesetzt, der neue Gouverneur Cesare De Vecchi regiert mit eiserner Hand, hat nichts für Minderheiten übrig und setzt das antisemitische Rassengesetz um. <h3>Kein Südtiroler ist auf Rhodos geblieben</h3>1939 muss man nicht nur in Südtirol – sondern auch auf Rhodos optieren. Wer sich für Deutschland entscheidet, muss Rhodos verlassen und in die Heimat zurückkehren, wo die Waldarbeiter dann zur Wehrmacht einberufen werden. Der Zweite Weltkrieg erreicht auch Rhodos. 1943 besetzt die Sturm-Division Rhodos der deutschen Wehrmacht die Insel. Die Wehrmacht gibt bis Kriegsende den Ton an – die italienische Lokalverwaltung bleibt aber weiterhin bestehen. 1944 werden Juden inhaftiert und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Als die deutsche Wehrmacht 1945 kapituliert, bleiben die Dodekanes-Inseln (und damit auch Rhodos) zunächst ein Protektorat unter britischer Aufsicht. 1947 werden Rhodos und die Dodekanes-Inseln wieder Griechenland zugeteilt. <BR /><BR />Keiner der ausgewanderten Südtiroler ist auf Rhodos geblieben, erzählt Luis Walter. Die Südtiroler kehrten in den 1940er Jahren arm in ihre Heimat zurück. Die italienische Lira auf Rhodos hatte nach der Ankunft der Briten keinen Wert mehr. Campochiaro ist heute nur mehr eine Geisterstadt. Der Sitz des faschistischen Statthalters – erbaut als angeblicher Alterssitz für Benito Mussolini – ist eine Ruine. So manches Gebäude erinnert an den Südtiroler Baustil. <BR /><BR />Die Luis Walter-Filmproduktion „Holzfäller für Rhodos“ ist entstanden in Zusammenarbeit mit der RAI Südtirol, der IDM, dem Amt für Film und Medien (deutsche Kulturabteilung), der Stiftung Südtiroler Sparkasse und den Südtirolern in der Welt. <BR />