Montag, 25. Mai 2020

Alt, männlich und Corona-verängstigt: Rufen Sie an, wenn Sie Hilfe brauchen

Studien zeigen, dass es Männern schwer fällt, sich Hilfe zu holen oder Hilfe anzunehmen. Es ist daher wichtig, gerade den Männern und gerade in dieser Zeit der Krise erhöhte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dazu rät der psychiatrische Dienst unter der Leitung von Dr. Roger Pycha. Außerdem sollten sich Männer nicht scheuen, telefonischen Rat und Hilfe anzunehmen, auch wenn es schwer fällt.

Gerade Männer müssen in dieser Krisenzeit vermehrt unterstützt werden. Wenn Sie Hilfe suchen: die Telefonseelsorge oder Notfallpsychologie sind rund um die Uhr zu erreichen.
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Gerade Männer müssen in dieser Krisenzeit vermehrt unterstützt werden. Wenn Sie Hilfe suchen: die Telefonseelsorge oder Notfallpsychologie sind rund um die Uhr zu erreichen. - Foto: © shutterstock
Die Telefonseelsorge ist unter der Nummer 0471 052052, die Notfallpsychologie unter der Nummer 366 6209403 rund um die Uhr erreichbar. „Überwinden Sie Ihre Angst und melden Sie sich“, rät der psychiatrische Dienst allen betroffenen Männern.


Studie in Norditalien

1990 bis 2000 wurde dazu eine Studie in Norditalien durchgeführt, also in einem Gebiet, das später von Covid-19 sehr hart getroffen wurde.
Dabei verglich der berühmte Suizidforscher Diego De Leo etwa 19.000 chronisch kranke, beeinträchtigte, vereinsamte alte Menschen, psychisch Kranke, die sich nicht behandeln ließen und Betroffene, die Jahre lang auf eine Aufnahme ins Altersheim oder in soziale Einrichtungen warten mussten – allesamt über 65 – mit einer Gruppe von 20.000 unauffälligen gleich alten Menschen in Norditalien.

Eine Gruppe erhielt Hilfe, die andere nicht: Beeindruckende Unterschiede

Die erste Gruppe erhielt zweimal wöchentlich unterstützende Anrufe von Mitarbeitern des Gesundheitswesens, die sich nach ihrem Befinden erkundigten, eigentlich ziemlich oberflächlich.

Die Gruppenmitglieder hatte allerdings auch die Möglichkeit, sich selbst telefonisch jederzeit bei einer Kummernummer zu melden. Der Kontrollgruppe bot man gar nichts an.

Schon allein durch die regelmäßigen Anrufe und durch die Möglichkeit, selbst anzurufen, sank die geschätzte Suizidrate bei den kontaktierten Frauen auf ein Sechstel. Bei den Männern ergab sich keine statistische Veränderung.

Frauen schöpfen viel eher Kraft aus telefonischen Kontakten

Die Ergebnisse dieser weltbekannten Studie lassen sich laut Dr. Pycha direkt auf die jetzige Krisenzeit anwenden.

Offenbar seien Frauen eher in der Lage, aus telefonischen Kontakten Hilfe zu schöpfen. Umgekehrt riefen sie selbst auch viel lieber an, wenn sie Hilfe benötigen.

„Frauen erleben Bedürftigkeit nach Beistand nicht von vornherein als Schwäche oder Versagen. Das Sprechen mit völlig Fremden empfinden sie als erleichternd, das Anhören ihrer Ratschläge als bereichernd, das Entwickeln von Plänen und Schritten als Unterstützung. Weil sie sich weniger scheuen, eigene Schwierigkeiten offen zu legen“, so Pycha.

Männer motivieren, vermehrt Hilfe in Anspruch zu nehmen

Auf die jetzige Lage angewandt heißt das – so Dr. Roger Pycha im Gespräch mit STOL – allein stehenden oder älteren Männern jetzt besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

„Sie ansprechen, auch hartnäckig, sie öfter kontaktieren, übers Telefon, über E-Mail, Briefe, sei derzeit enorm wichtig. Sich besonders bei Älteren nach ihrem Befinden zu erkundigen, und sei es nur ganz oberflächlich und ihnen die Chance nahezulegen, anonyme Telefonhilfen in Anspruch zu nehmen. Dabei zu lernen, über eigene Empfindungen, Schwächen, Wünsche zu reden, vielleicht genau in dieser Reihenfolge. Gerade zu Menschen, die nichts von einem wissen, und deshalb unbefangen sind. Das klingt für viele Männern kitschig und für viele alte Menschen ist es ungewohnt. Deshalb brauche es beim ersten Anruf viel Zivilcourage.“

Aber es könne auch eine Investition in einen wenig bekannten Bereich sein. „Menschliche Stimmen beruhigen, wenn sie in mittlerer Tonlage schwingen. Sie verbünden, wenn sie flüstern. Sie rühren, wenn sie schluchzen. Die ganze Elektronik kann das nicht wegdividieren, zum Glück“, schließt Dr. Pycha.

stol