„Ich erwarte eine Anklageerhebung“, sagte Andrea Sempio in der TV-Sendung Verissimo auf Canale 5. Gemeint sei damit, dass es zu einer Vorverhandlung in seinem Fall komme. Ziel bleibe jedoch ein Freispruch, da es aus seiner Sicht keine ausreichenden Elemente für ein Hauptverfahren gebe. <BR /><BR />Sempio, ein 37-jähriger Freund von Chiaras Bruder Marco, steht im Verdacht, an dem Mord an der Studentin beteiligt gewesen zu sein. Für ihn ist es das dritte Ermittlungsverfahren in dem sogenannten Fall Garlasco, zugleich „das schwierigste“, wie er sagte. Er hoffe, dass es das letzte sei und bezeichnete 2025 als „das härteste Jahr“ in seinem Leben. <BR /><BR />In der öffentlichen Debatte habe sich eine Art Lagerbildung entwickelt, erklärte er. Es gebe Menschen, die auf seine Verurteilung hofften; er sei zu einem „gewünschten Schuldigen“ geworden.<h3> Sempio: „War nicht in sie verliebt“</h3>Sempio äußerte sich zudem zu zentralen Punkten der Ermittlungen, darunter seine angebliche Verliebtheit in Chiara Poggi. Eine solche habe es nie gegeben, sagte er, das sei reine Erfindung. <BR /><BR />Auch zu dem Parkticket aus Vigevano, das Sempio als Beleg für seine Anwesenheit in der Stadt am 13. August 2007, dem Tag von Chiaras Mord, vorgelegt hatte, nahm er Stellung. Er sei an diesem Tag tatsächlich in Vigevano gewesen, das Ticket habe er selbst aufbewahrt. Dass es erst ein Jahr später übergeben worden sei, liege daran, dass es erst dann angefordert worden sei. Das Ticket legte Sempio als Beweis vor, dass er sich zum Zeitpunkt des Mordes nicht in Garlasco befand. <BR /><BR />Mit Blick auf sein Privatleben sagte Sempio, er sei im Nachhinein froh, bisher keine Familie gegründet zu haben, um Angehörige nicht in die Affäre hineinzuziehen. Zugleich äußerte er den Wunsch, seinen Eltern eines Tages ein Enkelkind zu schenken. <h3> Kein Tag vergeht ohne Entwicklungen im Fall Garlasco</h3> Seit März wird gegen Sempio, einen Jugendfreund von Chiaras Bruder Marco, ermittelt. Im Fall wurde der zur Mordzeit 24-jährige Alberto Stasi, Chiaras Freund, als Täter verurteilt. Er beteuert seit jeher seine Unschuld. Er wurde sowohl in der ersten als auch in der zweiten Instanz wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Er hatte zwar kein festes Alibi, aber auch kein überzeugendes Motiv für den Mord. Erst nachdem der Kassationshof in Rom die Freisprüche aufhob und eine neue Beweisaufnahme anordnete, kam es in neuen Prozessen und erst im Jahr 2015 zu einer letztinstanzlichen Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung. Das Strafmaß wurde auf 16 Jahre Gefängnis festgesetzt. <BR /><BR />Jetzt aber sind wieder erhebliche Zweifel aufgetaucht. Möglicherweise saß Stasi die letzten zehn Jahre unschuldig im Gefängnis. Das ist zumindest die Theorie der drei Staatsanwälte in Pavia, die die früheren Ankläger inzwischen abgelöst haben. Sie rollen den Fall seit März neu auf, weil Gewebeproben unter den Fingernägeln von Chiara Poggi dank moderner DNA-Analysemethoden nun eindeutig Sempio, dem besten Freund des Bruders des Mordopfers zugeordnet werden konnten.<BR /><BR /> Stasi wurde im April in Halbgefangenschaft entlassen. Sollte er sich wirklich als unschuldig erweisen, müsste ihn der italienische Staat mit einer Millionensumme entschädigen. Die Ermittlungen, die zum Schuldspruch gegen Alberto Stasi führten, waren offenbar zum Teil schlampig geführt worden; zwei beteiligte Carabinieri sind in der Zwischenzeit verurteilt worden.