Fast zwanzig Jahre nach dem Mord an der jungen Studentin Chiara Poggi im norditalienischen Garlasco rückt der Fall – wie mehrfach berichtet – erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Neue Ermittlungen könnten eine dramatische Wende bringen: Nicht mehr Alberto Stasi, sondern Andrea Sempio – ein langjähriger Freund von Chiaras Bruder – steht nun im Fokus der Justiz.<BR /><BR />Nachdem die Staatsanwaltschaft von Pavia ihre aktuellen Ermittlungen abgeschlossen hat, kommen immer mehr Details ans Licht, die Sempio belasten und gleichzeitig Zweifel an der Schuld Stasis nähren.<h3> Weiteres Selbstgespräch aufgezeichnet</h3>Besonders brisant ist ein weiteres heimlich aufgezeichnetes Selbstgespräch Sempios in seinem Auto vom 12. Mai 2025. Dies fand einen Monat nach jenem ersten Selbstgespräch, in dem er nach Ansicht der Staatsanwälte den Mord an Chiara Poggi vor sich selbst gestanden haben soll, statt. In dieser neuen Aufzeichnung sagt er offenbar: „Als ich dort war“ (was die Ermittler als „Als ich weggegangen bin“ interpretieren), „war das Blut da.“<BR /><BR />Für die Ermittler ist dieser Satz von zentraler Bedeutung. Denn er könnte die bisherige Rekonstruktion des Tathergangs erschüttern. Alberto Stasi hatte stets erklärt, bei seiner Ankunft im Haus der Familie Poggi darauf geachtet zu haben, die bereits getrockneten Blutspuren nicht zu berühren. Sempios Aussage hingegen deutet darauf hin, dass er sich zu einem Zeitpunkt am Tatort befand, als das Blut noch frisch gewesen sein könnte.<BR /><BR />Die Staatsanwaltschaft wertet die Worte daher als möglichen indirekten Hinweis darauf, dass Sempio den Tatort unmittelbar nach dem Verbrechen verlassen haben könnte.<h3> Geheime Tagebücher und verstörende Inhalte</h3>Zusätzlich stützen sich die Ermittler auf Material aus Sempios Privatleben. Bei einer Durchsuchung wurde ein geheimes Tagebuch entdeckt, in dem er laut Ermittlern detaillierte und teils verstörende Gewaltfantasien schildert.<BR /><BR />Auch sein Internet-Suchverlauf wirft Fragen auf. Die Carabinieri sprechen von einem auffälligen und über Jahre hinweg intensiven Interesse an Gewaltverbrechen gegen Frauen, detaillierten Morddarstellungen, bekannten Kriminalfällen und Täterpsychologien sowie den Gerichtsakten zum Fall Garlasco.<BR /><BR />Besonders aufmerksam wurden die Ermittler auf Aufzeichnungen aus den Jahren 2019 bis 2021. Darin dokumentierte Sempio offenbar akribisch die Revisionsversuche von Alberto Stasi – ein Verhalten, das von den Behörden als Zeichen hoher Nervosität interpretiert wird.<h3> Zweifel am Alibi</h3>Auch Sempios früheres Alibi gerät zunehmend ins Wanken. Ein Kassenbon, der ihn zur Tatzeit entlasten sollte, steht inzwischen unter Verdacht, nachträglich manipuliert worden zu sein.<BR /><BR />Ausschlaggebend ist dabei eine weitere abgehörte Unterhaltung. Darin sagt Sempios Vater zu seiner Ehefrau sinngemäß: „Diesen Kassenbon hast du ihm gegeben.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1310481_image" /></div> <BR /><BR />Für die Ermittler könnte dies darauf hindeuten, dass der Beleg bewusst vorbereitet wurde, um Sempio zu entlasten.<h3> Neue Hoffnung für Alberto Stasi</h3>Die Ermittler äußern sich inzwischen ungewöhnlich deutlich zur damaligen Verurteilung Alberto Stasis. In internen Einschätzungen ist von einer „unverständlichen“ und „paradoxen“ Entscheidung die Rede. Zudem kritisieren sie, dass über Jahre hinweg eine starke mediale Vorverurteilung den Blick auf mögliche alternative Spuren verstellt habe.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1310484_image" /></div> <BR /><BR />Da neue forensische Analysen Stasi offenbar nicht mehr eindeutig mit dem Tatort in Verbindung bringen, wurden die Akten bereits an die zuständigen Behörden in Mailand weitergeleitet. Damit könnte der Weg für eine Wiederaufnahme des Prozesses frei sein.<BR /><BR />Sollten sich die Vorwürfe gegen Andrea Sempio bestätigen, könnte der Fall Garlasco als einer der größten Justizirrtümer Italiens in die Geschichte eingehen.