Donnerstag, 15. Oktober 2020

Notstand nahm Matilda die einzige Chance zum Überleben

Jeden Abend schaut der zweieinhalbjährige Peter in den Himmel und sucht Matildas Stern. Damit sein kleines Schwesterchen ihn sehen kann, zündet er mit seiner Mami Birgit und seinem Papi Florian eine Kerze an. Matilda wurde nur sechseinhalb Monate alt. Sie ist mit einem Herzfehler geboren – Mitte März, in der Anfangsphase von Corona. Coronabedingt wurden viele Krankenhausdienste auf ein Minimum reduziert, „Notfälle“ hatten bei der Operation in Padua Vorrang. Als Matildas Termin stand, war es zu spät. Eine Erkältung war ihr Todesurteil.

Die kleine Matilda wurde nur sechseinhalb Monate alt.
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Die kleine Matilda wurde nur sechseinhalb Monate alt.
„Dolomiten“: Frau Horrer, wie geht es Ihnen?

Birgit Horrer: Bis zur Beerdigung ist es mir besser gegangen. Da hatte ich viel zu tun. Der Alltag ist hart. Im Wohnzimmer, wo sie bis zuletzt war, ist noch alles da, sogar die Decke, auf der sie lag. Mir geht es besser, wenn ich langsam wegräumen kann, jeden Tag ein bisschen. Ich lasse Tränen zu, ich habe schwache Momente. Ich fühle mich aber nicht verloren, Matilda ist bei mir. Ich hätte mir eine Zukunft, mehr Zeit mit ihr gewünscht.

„D“: Seit wann wussten Sie von Matildas Herzfehler?

Horrer: Beim letzten großen Ultraschall einen Monat vor dem Geburtstermin wurde er sichtbar. Sie kam termingerecht am 15. März zur Welt. Nach der Geburt musste sie wegen schlechter Zuckerwerte in die Intensivstation, nach 2 Wochen bekam sie die ersten Medikamente. Die Ärzte sagten mir, sie wachse zu wenig, sie bekam eine Sonde, und ich gab ihr Muttermilch in einem Fläschchen. Jeden Tag bin ich zur Besuchszeit ins Krankenhaus gefahren. Ich habe ja noch Peter daheim, er ist zweieinhalb, dort musste es ja auch weitergehen. Am 9. April wurde Matilda entlassen. Sie hatte ihr Geburtsgewicht wieder erreicht.

„D“: Und zu Hause ging es dann gut weiter?

Horrer: Es war sehr anstrengend. Matilda sollte alle 3 Stunden essen – bis alles vorbereitet und dann wieder gereinigt war, dauerte es eineinhalb Stunden. Matilda hat oft gebrochen – auch die Sonde. Wir haben kaum geschlafen. Anfangs kam die Kinderärztin, um die Sonde wieder zu legen, dann haben wir es selbst gelernt.

„D“: Und war in der Zeit dann alles normal?

Horrer: Es war ja Lockdown. Die Kinderkrankenpflegerin vom Hauspflegedienst ist regelmäßig gekommen, wir sind alle 2 Wochen nach Bozen zur Kontrolle zur Kinderkardiologin gefahren. Ansonsten haben wir niemanden gesehen, sind auch kaum spazieren gegangen. Wir sollten die Kleine vor jeglichem Infekt schützen bis zur Operation.

„D“: Wann sollte sie operiert werden?

Horrer: Eigentlich sollte Matilda mit 3, 4 Monaten operiert werden – in Padua. Erst im Juni wurden die Dokumente von Bozen nach Padua geschickt, da kamen wir auf die Warteliste. Und von da an haben wir vor allem eines getan: Warten auf einen Anruf. Der kam aber nicht.

„D“: Was haben Sie gemacht?

Horrer: Ich habe in Bozen angerufen und nachgefragt. Da wurde mir gesagt, Ende Juli komme ein Chirurg aus Padua, ich bekäme einen Termin. Er wollte mir in 2 oder 3 Wochen einen Termin organisieren. Mitte August kam dann der Anruf: Am 4. September sei unser Termin, der wurde dann noch einmal verschoben. Es gäbe Notfälle, hieß es.

„D“: ...und dann wurde die Operation erneut verschoben....

Horrer: Ja. Auf 29. September.

„D“: Was passierte bis dahin?

Horrer: Matilda war ein fröhliches Kind, spielte mit ihrer Schildkröte, konnte sich auf die rechte Seite rollen, sich im Uhrzeigersinn drehen. Dann, wenige Tage vor dem Operationstermin, begann Matilda zu husten. Die Kinderärztin kam und schickte uns ins Krankenhaus. Wir wurden aufgenommen. Der Husten wurde schlimmer, am Dienstag, dem Tag der geplanten Operation, bekam sie Fieber. In der folgenden Nacht hustete sie, 2 Mal wurde sie blau, ich hatte Angst, sie werde ersticken. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Der Arzt wurde gerufen. Während er die Kleine behandelte, kollabierte sie. Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, sie wurde wiederbelebt. 15 Minuten lang war ich dabei. Das war der Anfang vom Abschied. Krankenschwestern haben mich hinausbegleitet und sind bei mir geblieben. Ich habe gebetet und geweint, so lange ich konnte. Um 7.05 Uhr am Mittwoch habe ich Florian angerufen.

D“: Was sagt man seinem Partner in so einem Moment?

Horrer: Ich habe geweint und gesagt: Komm bitte, bring Peter zu meiner Mama, Matilda wird wiederbelebt. Florian ist gekommen, er war sicher, sie sei tot.

„D“: Aber die Kleine kämpfte.


Horrer: Ja, nach einer Stunde kam der Arzt und sagte, sie sei zurück. Sie werde Folgen davontragen, man suche einen Platz in einer Kinderintensivstation. Um die Mittagszeit durften wir endlich zu Matilda. Sie reagierte kaum, hatte Fieber. Sie wurde am Nachmittag nach Padua geflogen.

„D“: Sie durften nicht mitfliegen?


Horrer: Nein. Ich glaube aber nicht, dass ich das alles allein durchgestanden hätte in Padua. Im Auto haben wir geredet. Wenn sie gehen will, darf sie gehen, haben wir entschieden – sie muss nicht kämpfen. Die Ärzte sagten uns gleich, sie werde sehr schwere Schäden davontragen, wenn sie überleben sollte. Am Donnerstag zeigten die Gehirnströme nur mehr eine flache Kurve, die Ärzte sagten uns, die ersten Organe geben auf.

„D“: Wie hält man solche Nachrichten aus?

Horrer: Ich habe gebetet und gehofft, oft wusste ich nicht, ob ich für sie hoffen sollte, dass sie es schafft oder dass sie gehen darf. Wir sind an dem Tag nach Chioggia an den Strand gefahren, waren für uns. Es war gut, von niemandem angeredet zu werden. Wir waren uns bewusst, worauf wir zugehen, uns war wichtig, dass sie nicht leiden müsse. Den Freitag verbrachten wir in der Stadt, wir mussten uns ablenken. Am Abend wurden wir gerufen. Um 20.20 Uhr waren wir bei ihr. Es war mir wichtig, bei ihr zu sein, wir konnten uns verabschieden. Um 20.37 Uhr wurde der Tod festgestellt. Am nächsten Tag sind wir dann heimgefahren, zu Peter.

„D“: Wie haben Sie ihm gesagt, dass Matilda gestorben ist?

Horrer: Er spielte bei meiner Mama Bus, er saß in einer Höhle. Ich kroch zu ihm hinein. Er fragte mich: Wo ist Matilda? Ich sagte, sie sei ein Engele und im Himmel. Wir haben eine Kerze angezündet und ihren Stern gesucht. Das tun wir jeden Abend. Der Tod gehört dazu, man muss weiterleben. Wir müssen sehen, dass sie da ist und da war. Wir haben Bilder und Videos, die uns an sie erinnern.

„D“: Was hat Sie bewogen, Ihre Geschichte zu erzählen? Schon allein zuhören tut weh...

Horrer: Es hat mich wütend gemacht, als ich gelesen habe, dass Südtirol seit 4 Monaten keinen Covid-Toten mehr hatte. Matilda ist nicht an Covid gestorben, aber durch Covid wurde alles andere so stark zurückgefahren, dass viele nicht die Behandlung hatten, die sie gebraucht hätten – auch sie nicht. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen sich jetzt fragen: Was muss trotz Notstands normal weitergehen – und auch so entscheiden.

„D“: Glauben Sie, Matilda würde noch leben, wäre sie operiert worden?

Horrer: Vielleicht wäre sie noch am Leben. Vielleicht aber auch nicht. Jede Operation birgt ein Risiko. Aber sie hatte nicht einmal die Chance, es zu versuchen,

Interview: Ulrike Huber

uli

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