Sonntag, 04. August 2019

Angst vor Dammbruch in Nordengland steigt

Neue schwere Regenfälle könnten das Risiko eines Dammbruchs in Nordengland erhöhen. Einsatzkräften war es zwar gelungen, bis Sonntagnachmittag ein Drittel des Wassers in dem beschädigten Toddbrook Reservoir abzupumpen. Doch sagten Meteorologen starke Niederschläge voraus, die alle Bemühungen zunichte machen könnten. Experten rechneten mit einer immensen Zerstörung, sollte der Damm brechen.

Sorge vor möglichem Dammbruch nimmt zu Foto: APA (AFP)
Sorge vor möglichem Dammbruch nimmt zu Foto: APA (AFP)

Mehr als 1.500 Einwohner des Städtchens Whaley Bridge südöstlich von Manchester waren in den vergangenen Tagen in Sicherheit gebracht worden. Weitere 55 Häuser mussten angesichts der schlechten Wetterprognose noch am Samstagabend evakuiert werden. Alle Betroffenen durften zunächst für kurze Zeit Haustiere, Medikamente und andere persönliche Gegenstände aus den Gebäuden holen. Am Sonntag wurde aber auch dies angesichts der Lebensgefahr verboten.

Einsatzkräfte versuchten verzweifelt, die Struktur des beschädigten Bauwerks aus dem 19. Jahrhundert zu stützen und den Wasserstand weiter zu senken. „Die Ingenieure sind sehr beunruhigt”, sagte Feuerwehrchef Terry McDermott. In der Grafschaft Derbyshire hatte es in den Tagen zuvor ungewöhnlich stark geregnet. Binnen 48 Stunden gab es so viel Niederschlag wie sonst in eineinhalb Monaten.

Premierminister Boris Johnson versuchte, den Einwohnern Mut zu machen. „Notfallhelfer, Ingenieure und Angehörige der Royal Air Force arbeiten rund um die Uhr, um den Damm zu reparieren”, sagte er bei seinem Besuch am Freitag. In der Kleinstadt wurden Sorgen laut: „Sollte der Damm brechen, wäre wahrscheinlich der ganze Ort weg”, sagte ein Mann der Zeitung „Derbyshire Telegraph”.

Wie viele der rund 6500 Einwohner hatten der Mann und seine Frau ihr Haus verlassen müssen - die Behörden hatten unmissverständlich gewarnt, dass Lebensgefahr bestehe. Auch die Angst vor Plünderungen der leer stehenden Häuser nahm in der Bevölkerung zu.

Feuerwehren setzten Hochleistungspumpen ein, um Wasser abzuleiten. Der Pegel muss laut Johnson um acht Meter reduziert werden. Der Premier wies die Bevölkerung an, den Anweisungen der Behörden zu folgen. Sollte der Damm brechen, dürfte die Zerstörung immens sein.

Der Pegelstand des Flusses River Goyt könne schnell steigen, sollte Wasser aus dem Staudamm austreten, teilte die Umweltbehörde mit. Experten befürchteten, dass ein beschädigter Überlauf endgültig einbrechen und „massive Überflutungen” auslösen könne. Immerhin enthalte das um 1830 gebaute Reservoir normalerweise rund 1,3 Millionen Tonnen Wasser. Die jährliche Inspektion fand nach Angaben der Binnenwasser-Verwaltung im November statt.

Zur Hilfe kam den Einsatzkräften die Royal Air Force: Ein „Chinook”-Transporthubschrauber warf Hunderte Säcke mit einer Mischung aus Sand, Kies und Schotter ab, um die Mauer des Reservoirs zu stabilisieren und an anderer Stelle Wasserläufe umzuleiten.

”Ich lebe hier schon seit 45 Jahren, aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Dass wir so in Gefahr geraten könnten, habe ich auch nicht gedacht”, sagte eine Frau der Nachrichtenagentur PA. Teile des Ortes seien „wie eine Geisterstadt”, berichtete ein Einheimischer der BBC.

Viel mehr als zu warten und zu hoffen, blieb den Einwohnern nach der Evakuierung nicht. Die meisten von ihnen waren in Notunterkünften oder bei Verwandten und Freunden untergekommen. In der Umgebung wurden auch mehrere Straßen und Bahnstrecken gesperrt.

apa/dpa

stol