Mittwoch, 17. April 2019

Architektur hautnah: Kuppelbau im Kindergarten

Architektur und Kindergarten: Wie passt das zusammen? Ganz wunderbar, wie ein Projekt im Kindergarten Neumarkt beweist. Dort bauten die Kinder nämlich gemeinsam mit den Eltern eines der Kindergartenkinder, Margit Weiss und Werner Reifner, beide Architekten, eine sogenannte geodätische Kuppel. Und erschufen damit ein Haus der besonderen Art. STOL hat mit der engagierten Mutter, Architektin und Initiatorin des Projektes, Margit Weiss, über dieses außergewöhnliche Projekt gesprochen.

Die Kinder zeigten großes Interesse für das Bauvorhaben.
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Die Kinder zeigten großes Interesse für das Bauvorhaben. - Foto: © STOL

Dem Kindergarten Neumarkt ist die Zusammenarbeit mit Familien ein besonderes Anliegen. Diese Bildungspartnerschaften mit Familien für das Kind bereichern nämlich die pädagogische Arbeit enorm. Jede Aktivität ist für sich wertvoll und einzigartig. Ein ganz außergewöhnliches Projekt wurde kürzlich von den Eltern eines der Kindergartenkinder durchgeführt. Das Ehepaar Margit Weiss und Werner Reifner, beide Architekten aus Leidenschaft mit eigenem Architekturbüro namens „Undja“, hatten die Idee, gemeinsam mit den Kindern eine sogenannte geodätische Kuppel und somit ein Spielhaus der besonderen Art zu bauen. 

Was aber ist eine geodätische Kuppel?

Die geodätische Kuppel, erfunden in den 20er Jahren, erlangte, wie Architektin Margit Weiss gegenüber STOL erklärt, durch den Architekten Richard Buckminster Fuller (1895- 1983) große Bekanntheit. Seine aufsehenerregende Kuppel Biosphère auf der Expo '67 in Montreal begeisterte durch die enorme stützenfreie Spannweite und ihre Transparenz. Buckminster Fuller war ein Visionär, verband die Konstruktion mit einer neuartigen Nutzung, hinter der ästhetisch-technischen Idee stellte er Überlegungen über Erfindungen zum Wohl der Menschheit, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit an.

„Biosphère“ US-Pavillon Expo´67 in Montreal

Geodätische Kuppeln sind Konstruktionen von sphärischen Kuppeln mit einer Substruktur aus gleichschenkligen und gleichseitigen Dreiecken, die sich durch ihre hohe Stabilität, Windstabilität und ihr günstiges Verhältnis von Material zu Volumen auszeichnen. Außerdem bieten sie vorteilhafte Schallverteilung und Luftzirkulation. Die Kugelform ermöglicht zudem eine konstante Sonnenbestrahlung während des ganzen Tages, über den Tag verteilt die geringste Sonnenlichtreflexion bei Gewächshäusern (und somit bessere energetische Nutzung in kühleren Jahreszeiten) sowie die Möglichkeit, Fenster nach Belieben zu verteilen. 

Bau-Tag im Kindergarten 

„Ich bin fasziniert von diesen Konstruktionen und eines Tages kam uns die Idee, diese Kuppeln im Kleinen nachzubauen, am Besten sogar mit meinem Sohn und seinen Freunden im Kindergarten“, erzählt Margit Weiss. Nach einigen Gesprächen und der nötigen Vorbereitung, war es dann soweit. Margit Weiss und ihr Mann Werner Reifner begaben sich gemeinsam mit den Kindern auf die Spuren von Buckminster Fuller und starteten den Kuppelbau im Garten des Kindergartens.

1-, 2-, 3-dimensional: Vom Stab zur Kuppel

Nicht aus Stahl und Acryl, wie das Original, sondern aus genial einfachen Materialien wie Gartenschlauchstücken, die mit Schrauben zu einer Art Halterung bzw. Verbindungselement fixiert werden, und Holzstäben in 2 verschiedenen Längen. Stab um Stab findet anschließend seinen Platz wie vorgesehen in den Verbindungsknoten aus Gartenschlauch, so entsteht aus den eindimensionalen Stäben zuerst ein Kreis, dann eine Krone, dann ein Kranz. Mit der zweiten Reihe wölbt sich der Kranz dann nach innen und mit dem letzten Feld in der Mitte entsteht schlussendlich die Kuppel

Gartenschlauchstücke dienen als Verbindungselement. - Foto: Privat

„Wir bauten Arbeitsstationen auf, an denen die Kinder unter Anleitung die verschiedenen Arbeitsschritte ganz alleine bewerkstelligten“, so Weiss. 

Die Kinder in Action. - Foto: STOL

So einfach, wie genial

Die Kleinen lernten, dass es für das Bauen eines Objekts einen Plan braucht, sie übten sich im Messen, Sägen, Bohren und Schrauben und so entstand innerhalb eines Arbeitstages ein etwas anderes Haus, eine neue Spiel- und Rückzugsmöglichkeit, eine Kuppel mit einem Durchmesser von etwa 3 Metern. Erst wenn das letzte Holzstäbchen gesetzt ist, ist die Kuppel stabil und kann noch weiter verziert werden.

So einfach wie genial. - Foto: STOL

„Hier konnten die Kinder dann ihrer Kreativität freien Lauf lassen“, so Weiss. Mit Begeisterung wurden die verschiedenen Öffnungen mit Stoffen, Schnüren und Wollfäden teils luftig, teils ganz verschlossen. Dies sorgt für ein zusätzliches Gefühl von Geborgenheit, wenn man sich in der Kuppel aufhält.

Unter anderem mit Wollfäden wurde die Kuppel verziert. - Foto: STOL

Kinder mit Begeisterung dabei

„Nutznießer bei so einem Projekt sind natürlich vor allem die Kinder“, so Margit Weiss. „Sie waren so eifrig bei der Sache dabei, und sahen, wie durch ihre Arbeit etwas entsteht, das beständig ist und auch hochwertig, und etwas, das sie anschließend auch nutzen können. Die Kinder waren sehr stolz, das ganz alleine erschaffen und geschafft zu haben.“

Die Kinder arbeiteten mit Begeisterung an der Kuppel. Rechts im Bild: Architekt Werner Reifner. - Foto: STOL

Projekt soll auf weitere Kindergärten ausgeweitet werden: Workshops zum Kuppelbau

Der Bau einer solchen geodätischen Kuppel soll nun in mehreren Kindergärten ermöglicht werden, da es gut mit Kindern durchführbar ist und die Begeisterung für ein solches Bauvorhaben bei den Kindern groß ist. Und auch die Kindergärtnerinnen sind sehr engagiert, tragen alle Elternprojekte mit und organisieren selbst Fortbildungen. So wurde auch Margit Weiss gebeten, ihr Fachwissen in Workshops an die interessierten Pädagogen weiterzugeben, die dort, gleich wie die Kinder, mit viel Spaß und Freude die Herausforderung „Kuppelbau“ annahmen. 

Step by Step entsteht das Grundgerüst der Kuppel. - Foto: STOL

Auch im Workshop wurde, wie schon im Kindergarten, an verschiedenen Stationen gearbeitet und nach wenigen Stunden schon war das Werk vollbracht.

Stolze Pädagoginnen: Das Werk ist vollbracht. - Foto: STOL

Einige der Pädagoginnen haben ihr neu erlangtes Wissen und Können bereits eingesetzt und ebenfalls gemeinsam mit „ihren“ Kindern eine geodätische Kuppel gebaut, die sich ideal als Spielhäuschen für Drinnen und Draußen eignet.

Architektur wird durch so ein Projekt für Kinder erlebbar, und gleichzeitig sind bei dieser gemeinsamen Aktion ästhetische Bildung und Freude am Schaffen auch die Grundlage für Kommunikation und Interaktion.

stol/vs

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