Wer kennt sie nicht, die Korrner? Weniger bekannt sind hierzulande die Jenischen. Beide Gruppen haben jedoch Gemeinsamkeiten – sie verbindet eine Geschichte voller Armut, Vorurteile und Ausgrenzung. <BR /><BR /><BR /><BR />Im Vintschger Museum (Vuseum) trafen sich Chronisten aus Südtirol und dem Bundesland Tirol. Es ging bei dem Chronistentag in Schluderns um ein Stück Vergangenheit Gesamttirols, das von Vorurteilen, Verfolgung, Ängsten und Klischees geprägt ist: Es ging um die Korrner und die Jenischen, es ging um das fahrende Volk.<BR /><BR />Geladen waren unter anderem auch Edith Hessenberger von den Ötztaler Museen und Andreas Paulmichl aus Laatsch. Die beiden sprachen über das Korrnerwesen im Vinschgau bzw. die Geschichte der Jenischen im Bundesland Tirol. Grundsätzlich handelt es sich um ein und dasselbe Phänomen, wie zu hören war. Korrner und Jenische gehörten zu verarmten Teilen der Gesellschaft, die zu Wanderhandel und bestimmten Tätigkeiten gezwungen waren. Besenbinden, Handel mit Geschirr und Textilien, Korbflechten usw. gehörten zu den Arbeiten, mit denen das täglich Brot verdient wurde.<BR /><BR />„Das war kein Spaß“, stellte Andreas Paulmichl angesichts des Alltags der einstigen Fahrenden fest. Diese hätten nichts zu lachen gehabt, sondern im Gegenteil armutsbedingt einen harten Alltag. Es habe im Vinschgau, aber darüber hinaus in Gesamttirol tausende von Betroffenen gegeben. Vieles liege im Dunkeln rund um das Korrnerwesen, z. B. wisse man nicht genau, wann die ersten von ihnen auszogen. <BR /><BR /><b>Sozial ausgegrenzt und von Armut betroffen</b><BR /><BR />Jedenfalls waren die Fahrenden nicht nur von Not, sondern auch von sozialer Ausgrenzung betroffen. Als Gründe für diese Not nannte Paulmichl die im Vinschgau praktizierte Realteilung, Bodenknappheit, Arbeitsplatzmangel und niedrige Produktivität der vor allem landwirtschaftlichen Betriebe. Mitunter sei wohl auch gebettelt worden, was maßgeblich zum schlechten Ruf der Korrner beigetragen habe. <BR /><BR />Der Zugang zu den Korrnern habe sich hierzulande mittlerweile geändert. Es waren wohl auch die Korrnerliadr von Luis Stefan Stecher, welche dazu beigetragen haben, die Fahrenden in einem anderen Licht zu sehen, sagte Helene Dietl Laganda. Dies dürfe aber nicht zu falscher Romantisierung führen, wurde daraufhin von Zuhörerseite aus eingeworfen. Das Leben als Fahrende habe nichts zu tun gehabt mit Lagerfeuerromantik und Campingurlaub.<BR /><BR /><b>Den Jenischen erging es nicht besser</b><BR /><BR />Die Jenischen – es handelt sich dabei um eine Selbstbezeichnung – bzw. deren Nachfahren im nördlichen Tiroler Landesteil hingegen kämpfen bis heute mit tief verwurzelten Vorurteilen, wie Edith Hessenberger betonte. <BR /><BR />„Jenischer“ gelte als Schimpfwort, viele Nachfahren von ihnen würden sich heute noch aus Vorsicht nicht zu erkennen geben. Sie berichtete von Bemühungen der einstigen staatlichen Obrigkeiten, die Jenischen zu assimilieren, dass man ihnen sogar die Kinder entzogen hatte und davon, dass das Phänomen des Herumziehens Ende des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht hatte. Dann habe es langsam abgenommen. <BR /><BR />Die Jenischen hätten jedenfalls eine eigene Sprache gehabt sowie eine eigene Kultur gelebt, es gebe sogar ein eigenes Wörterbuch. Ihre Lebensweise „am Rand der Gesellschaft“ habe aber leider zu starker Stigmatisierung geführt, sagte Hessenberger. Die „Vagabunden“ seien abgelehnt worden, auch weil sie unter Umständen Kosten für die Gemeinden hätten verursachen können. <BR /><BR />1863 seien in Gesamttirol 1564 „Karrenzieher“ erfasst worden – es habe sich also um ein Massenphänomen gehandelt. Hessenberger betonte, dass man bei den Fahrenden nicht von eigenen Ethnien oder Volksgruppen sprechen könne, es handle sich vielmehr um ein gesellschaftlich-soziales Elendsphänomen. <BR /><BR /><b>Es fehlt nach wie vor an Verständnis und Respekt</b><BR /><BR />Sie bedauerte, dass den Jenischen bis heute nicht der Respekt entgegengebracht werde, den sie sich verdienten. Es müsse noch viel geforscht werden, um zu verstehen, was damals geschah – und damit sie das „Stigma des Asozialen“ endgültig loswerden. In den 1970-er Jahren seien die letzten Spuren der fahrenden Jenischen verschwunden, es sei höchst an der Zeit, diesen „blinden Fleck der Geschichte“ in Tirol zu tilgen.<BR /><BR />Hessenberger ergänzte, dass es auch heute noch so sei, dass Menschen am Rande der Gesellschaft schnell stigmatisiert würden. In diesem Sinne sei Sensibilisierung im Zusammenhang mit historischen Begebenheiten wie jenen der Korrner und Jenischen auch Präventionsarbeit für Gegenwart und Zukunft. Denn es werde immer Menschen geben, die anders lebten als es die Mehrheit der Gesellschaft erwarte.