„Wir müssen jetzt handeln, nicht später“, betonte Landeshauptmann Arno Kompatscher. „Wir haben in Südtirol schon ein gutes Modell“, sagte er bei der gestrigen Vorstellung der Studie an der Freien Universität Bozen. Trotzdem müsse man etwas verändern, denn die Zukunft bringt noch mehr Schwierigkeiten mit sich. Immer mehr Menschen müssen in stationären Strukturen gepflegt werden, die Kosten steigen und das Personal wird rar: Das sind nur einige der Probleme, die Südtirol in den kommenden Jahren zu schaffen machen werden.<BR /><BR />Was muss also getan werden, damit die Pflege von älteren Menschen auch in Zukunft klappt? Das zeigt nun die Erhebung „Altern in Südtirol“, die im Zeitraum 2021-2023 von <b>Prof. Gottfried Tappeiner</b> (Universität Innsbruck), <b>Prof. Giulia Cavrini</b>, <b>Elisa Cisotto</b>, <b>Prof. Ulrike Loch</b>, <b>Nadia Paone</b>, <b>Federica Viganò</b> und <b>Prof. Alex Weissensteiner</b> (alle Freie Universität Bozen) durchgeführt wurde. Viganò, Prof. Weissensteiner und Prof. Tappeiner gaben gestern einen Überblick über die Ergebnisse.<h3> Anstieg um mindestens 33,5 Prozent</h3>Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Im Jahr 2020 gab es in Südtirol insgesamt 17.028 pflegebedürftige Menschen, aufgeteilt in 5 Pflegearten: zuhause Pflegestufe 1 (6380), zuhause Pflegestufe 2 (3927), zuhause Pflegestufe 3 (1699), zuhause Pflegestufe 4 (584) und die Pflege im Heim (4430). Die Wissenschaftler machten sowohl eine mittlere als auch eine pessimistische Schätzung über die Entwicklung der pflegebedürftigen Menschen für das Jahr 2035. Das Ergebnis: Anstieg auf 22.739 Menschen bei der mittleren (Plus von 33,5 Prozent) und Anstieg auf 25.037 Menschen bei der pessimistischen Schätzung (Plus von 47 Prozent).<BR /><BR />Die Wissenschaftler arbeiteten insgesamt sechs Modelle aus (siehe unten), wie man das Problem angehen könnte. Fest steht: Es muss etwas getan werden. Verändert man nämlich nichts am derzeitigen System, steigen die Pflegekosten jährlich um 128 Mio. Euro an. Viel schlimmer wären aber die Auswirkungen auf den privaten Bereich. Da für die Haushalte mit externen Pflegeleistungen die Kosten deutlich ansteigen würden, bedeute dies eine De-facto-Abwertung des Pflegegeldes. Ein Heimplatz würde dann finanziell attraktiver werden, was dazu führt, dass der Druck auf die stationären Strukturen immer größer wird. Und auch der Personalmangel muss bedacht werden.<h3> „Zeitnahe Entscheidung folgt“</h3>„Uns war es wichtig, Experten nach ihrer Einschätzung zu fragen. Jetzt ist es die Aufgabe der Landesregierung, zeitnah eine Entscheidung zu treffen, wie man die Pflege in Zukunft handhabt“, sagte Kompatscher und fügte hinzu: „Die Betonung liegt auf <Kursiv>zeitnah</Kursiv>.“ „Jede und jeder von uns möchte würdig, gut und selbstbestimmt älter werden. Die Weiterentwicklung der bestehenden Pflegesicherung ist daher ein notwendiger Schritt, um dies auch in Zukunft garantieren zu können“, sagte dagegen Soziallandesrätin Rosmarie Pamer.<BR /><h3> Alle sechs Modelle im Überblick</h3><b><BR />Modell 1:</b> Dieses Modell sieht vor, dass das Pflegegeld und die Beiträge an die Seniorenheime erhöht werden (insgesamt um 347 Mio. Euro). Das soll erreicht werden, indem alle Beschäftigten eine Pflegeabgabe von 100 Euro monatlich machen (damit wären 312 Mio. Euro gedeckt). Das Modell wäre einfach und solidarisch. Aber: Die Jungen zahlen für die Alten, keine soziale Differenzierung und zudem herrscht ein gewisser Zwang.<BR /><BR /><b>Modell 2:</b> Dabei wird das Pflegegeld an die einheitliche Einkommens- und Vermögenserklärung gekoppelt. Für die untere Hälfte der Einkommenspyramide ändert sich nichts, für die obere Hälfte steigt der Selbstbehalt oberhalb von Pflegestufe 1 erheblich. Obwohl dieses Modell etwas mehr soziale Gerechtigkeit bedeuten würde, zahlen nur Betroffene, reicht die Einsparung nur teilweise und ist es sehr verwaltungsintensiv.<BR /><BR /><b>Modell 3:</b> Dieses Modell sieht vor, dass die Pflegeleistungen an alle Personen in gleicher Weise – also ohne Berücksichtigung von Einkommen und Vermögen – abgegeben werden. Das Pflegegeld für die Pflege zuhause wird deutlich erhöht und es werden stationäre und teilstationäre Dienste aufgebaut. Ein großer Nachteil dieses Modells ist, dass Personen, die erst ab 55 Jahren in Südtirol ansässig werden, dieselben Dienste angeboten werden.<BR /><BR /><b>Modell 4:</b> Alle Dienste werden zu Vollkosten kalkuliert und auch verrechnet. Zu diesen Preisen gibt es je nach wirtschaftlicher Lage der Betroffenen Abschläge (bei öffentlichen Leistungen) oder Zuschüsse (private Dienstleistungen). Die 3 Probleme: Sehr hoher Verwaltungsaufwand, Qualitätsminderung durch private Anbieter und 2 große Unsicherheiten für die Bürger (ungewisse ökonomische Situation im Alter und Pflegedauer).<BR /><BR /><b>Modell 5:</b> Dieses Modell ist nur als erster Nachdenkvorschlag zu verstehen. Die grundlegenden Änderungen: Pflegegeld wird nominal auf dem aktuellen Wert eingefroren, Tagessätze in Seniorenheimen werden jährlich um 10 Prozent für Neuzugänge angehoben, Tarife für mobile Pflegeleistungen werden jährlich um die Inflationsrate zuzüglich 5 Prozent angehoben, bis kostendeckende Preis erreicht werden und es werden ein Zusatzpflegegeld eingeführt und eine einfache Versicherungspolizze angeboten (Einmalzahlung von 30.000 bis 35.000 Euro). Das Modell erfordert keine Versicherungspflicht, bietet den Bürgern aber ein Instrument an, das ihr Risiko bezüglich der Variabilität des Pflegebedarfs abdeckt.<BR /><BR /><b>Modell 6:</b> Dieses Modell geht davon aus, dass die Ausgaben für den Pflegebedarf im Landeshaushalt zwar steigen dürfen, dass ihr Anteil aber auf dem heutigen Niveau eingefroren wird. Bis 2035 würde um 35 Prozent weniger Pflegegeld ausbezahlt werden, die Kosten für Pflegedienste und Heimplätze steigen und die Kostensteigerung für die Pflege zu Hause gehen zulasten der Betroffenen. Das Positive: Auch hier kann eine Versicherung abgeschlossen werden (ist nicht Pflicht), Alt zahlt für Alt, alle zahlen für Betroffene, wer es braucht, wird unterstützt, nur einmalige Prüfung der wirtschaftlichen Lage, individuelle Ansparphase, kein Druck für stationäre Strukturen und Raumschaffung für neue Pflegeformen.