Freitag, 12. Juni 2020

„Auch Südtirol ist nicht immun gegen die Mafia“

„Es gibt heute keine Orte mehr, die völlig immun gegen die Unterwanderung durch das organisierte Verbrechen sind“, zeigt sich Franco Frattini, Präsident der 3. Sektion des Staatsrates, im Interview mit dem Tagblatt „Dolomiten“ überzeugt. Der Wohlstand mache Südtirol zu einem attraktiven Pflaster. Deshalb sei es besonders wichtig, die Bevölkerung zu sensibilisieren.

Franco Frattini: „Gefolgsleute sind für die  'Ndrangheta  austauschbar, mit dem Geschäftsverbot trifft man sie an der sensibelsten Stelle    – der Geldtasche.“
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Franco Frattini: „Gefolgsleute sind für die 'Ndrangheta austauschbar, mit dem Geschäftsverbot trifft man sie an der sensibelsten Stelle – der Geldtasche.“ - Foto: © ANSA / ANGELO CARCONI
„Dolomiten“: Als sie von der Trienter „Freeland“-Ermittlung hörten, wie erstaunt waren Sie?

Franco Frattini: Ich möchte betonen, dass dies die ersten Ermittlungsschritte sind, es obliegt der Staatsanwaltschaft und den Gerichten, zu beurteilen, ob die Betroffenen sich der ihnen angelasteten Vergehen schuldig gemacht haben. Dies vorausgeschickt: Die 'Ndrangheta in Südtirol – nun, ich muss einräumen, dass ich mir das einerseits nicht erwartet hätte. Trentino-Südtirol galt bis jetzt als einzige Region, in der das organisierte Verbrechen nicht Fuß fassen konnte – aufgrund der Gesellschaftsstruktur und der effizienten Kontrollen und Präventionsmaßnahmen. Und doch: Inzwischen bin ich zur Überzeugung gelangt, dass es heute wohl keine Orte mehr gibt, die völlig immun gegen eine Unterwanderung sind.

„D“: Was könnte die 'Ndrangheta an Trentino-Südtirol reizen?


Frattini: Es ist eine Grenzregion, schon das macht Trentino-Südtirol attraktiv. Und hier herrscht Wohlstand, und wo Wohlstand ist, da gibt es Geld. Die „neue“ 'Ndrangheta tötet seltener, aber sie verdient viel mehr. Gerade die Unterwanderung durch ihren Einstieg in die lokale Wirtschaft – vorzugsweise in kleinere und mittelständische Unternehmen – ist ihre Strategie.

„D“: Wie geht das vor sich?

Frattini: Nur ein Beispiel von vielen: Ein Unternehmer hat einen Engpass. Da kommt ein Herr daher und bietet ihm ein schnelles Darlehen an – wie sich dann herausstellt, zu Wucherzinsen. Oder er schlägt ihm gleich vor, seine Firma um einen Spottpreis zu kaufen und ihm das Geld schwarz zu geben – und damit hat die mafiöse Vereinigung schon ein weiteres Standbein in der lokalen Wirtschaft. Natürlich interessieren sich die Herrschaften aber auch für größere Stücke vom Kuchen, bei der Expo 2015 in Mailand stellten sich beispielsweise 10 Betriebe, die sich Arbeiten gesichert hatten, als unterwandert heraus.

„D“: Was passiert in so einem Fall?


Frattini: Der Regierungskommissar kann per Verfügung ein Tätigkeitsverbot im Sinne des Anti-Mafia-Kodex verhängen (siehe Info-Kasten). Damit wird das Unternehmen komplett blockiert. Allerdings hat die 'Ndrangheta viel Fantasie: Da wird nicht selten die Tätigkeit dann unter einem anderen Namen wieder aufgenommen. Die Ermittler müssen also noch mehr Fantasie entwickeln, um ihnen das Handwerk zu legen.

„D“: Und die Rekurse zu diesen Verfügungen landen letztinstanzlich bei Ihnen...


Frattini: Ja, von Juli 2019 bis Jahresende waren es 71 Fälle, heuer bis jetzt schon 69. Etwa 90 Prozent der Verdachtsfälle bestätigen sich, was zeigt, wie gut die Ermittler arbeiten. Gefolgsleute sind für die 'Ndrangheta austauschbar, mit dem Geschäftsverbot trifft man sie aber an der sensibelsten Stelle – der Geldtasche.

„D“: Welche Branchen sind besonders gefährdet?

Frattini: Einmal all jene Firmen, die öffentliche Aufträge übernehmen, das geht von Bau- und Erdbewegungsbetrieben über die Abfallbewirtschaftung bis zum Transportsektor, aber auch Restaurants und Bars sind für das organisierte Verbrechen attraktiv, nicht zu vergessen Spielhallen – alles, was nicht so ins Auge fällt, und natürlich Drogengeschäfte. Und dann gibt es noch die Unterwanderung unter dem sozialen Deckmäntelchen, sie übernehmen beispielsweise einen kleinen Amateur-Fußballclub oder die Leitung eines Tierheims.

„D“: Wie kann sich Südtirol am besten schützen?


Frattini: Die Operation „Freeland“ hat die Alarmglocken schrillen lassen, jetzt ist es besonders wichtig, die Bevölkerung zu sensibilisieren. Neben dem Einsatz der Ordnungskräfte und der Justiz braucht es auch eine konstante soziale Kontrolle.

Interview: Roberta Costiuc



rc

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