Montag, 24. August 2020

Auf eigenen Beinen zurück ins Leben

Ob Krankenpflegerin, AVS-Vizevorsitzende, Gemeinderätin, im Sängerbund bei Chören, Stiftungen und Vereinen – Margareth Ploner strotzte vor Energie und Elan. Anfang April dieses Jahres holte das Coronavirus die 71-jährige Tierserin aber brutal von den Beinen. „2 Mal bin ich dem Tod nur knapp entronnen“, sagt sie am Montag im Interview mit dem „Tagblatt Dolomiten“.

Margareth Ploners Leben hing an einem seidenen Faden.
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Margareth Ploners Leben hing an einem seidenen Faden.
Ein schattiger Platz direkt neben ihrem über alles geliebten Gemüsegarten in Tiers. Margareth Ploner hat sich auf das Gespräch genau vorbereitet, einen Kalender dabei. „Damit ich die Daten nicht durcheinander bringe. Mir fehlt eigentlich ein halbes Jahr komplett“, sagt sie. „Das ist wie ein Film, den man einmal näher und einmal von der Ferne sieht.“ Und bittet gleich um Nachsicht, wenn sie mal nicht mehr weiterwisse. Denn auch Monate nach der schweren Erkrankung leide sie manchmal noch immer unter Wortfindungsstörungen.

Und dann beginnt sie zu erzählen. Angefangen habe alles am Morgen des 15. Februar mit einem stechenden Schmerz im unteren Rückenbereich. Eine Ischias-Entzündung, war sie, die selbst 30 Jahre lang Krankenpflegerin war, überzeugt. Nachdem alle Schmerzmittel nicht halfen, sei sie doch ins Krankenhaus, wo man sie mit einer Schmerztherapie versorgte. Doch der starke Schmerz ließ nicht nach. „Am 24. Februar wurde ich schließlich zum Glück stationär aufgenommen“, erzählt sie. Anfang März wurde sie dann vom Krankenhaus zur Schmerz- und Physiotherapie in eine Privatklinik überstellt.

Rund einen Monat lang verbrachte sie dort. „Mit wechselnden Zimmerkolleginnen“, erzählt Ploner. In der Zeit habe sie versucht, den anderen Patienten Mut zu machen, wenn sich unter denen Panik verbreitete. Sie war froh und dankbar dort sein zu können und habe sich, wohl auch durch die Schmerztherapie, die kleine Erfolge brachte, die ganze Zeit über gut gefühlt und habe sich vermeintlich in Sicherheit gewogen. Auch an Fieber könne sie sich nicht erinnern. Und von Angst konnte ebenfalls keine Rede sein. An die letzten Tage in der Klinik könne sie sich nur mehr verschwommen erinnern. Ihre Familie habe aber wohl gemerkt, dass etwas mit ihr nicht stimme.

Dann kam der 7. April. „Da standen plötzlich Sanitäter vom Weißen Kreuz vor mir, völlig vermummt“, lacht Ploner rückblickend. „Ich habe noch gescherzt, wohin denn die Reise gehe, etwa zum Mond?“ Die Fahrt führte direkt ins Krankenhaus. Ein sofort durchgeführter Corona-Test war positiv.

Nur Stunden später war Margareth Ploner in der Covid-19-Intensivstation. Sediert und intubiert. Wohl in letzter Minute, denn ihre Lunge war zu dem Zeitpunkt bereits sehr stark geschädigt. „Bevor ich in den Tiefschlaf versetzt wurde, habe ich noch meiner Tochter – sie studiert selbst in München Medizin – eine Mitteilung geschickt, dass es nix Schlimmes sei und sie sich keine Sorgen machen soll.“

Es sollte für über einen Monat der letzte Kontakt zwischen Mutter und Tochter sein. 28 Tage lang kämpften Margareth Ploner, ihre Ärzte und Pfleger auf der Bozner Covid-19-Intensivstation ums Leben der 71-Jährigen. „Nach einigen Tagen schien sich die Gesamtsituation leicht gebessert zu haben“, erzählt sie. Da habe man versucht, sie aufwachen zu lassen. Doch Fehlanzeige. Erneut hing ihr Leben am seidenen Faden, Ploner musste wieder sediert und intubiert werden. „2 Mal bin ich am Abgrund gestanden“, ist sich die 71-Jährige sicher. „Und obwohl ich das nicht bewusst mitbekommen habe, ist das im Unterbewusstsein wohl abgespeichert.“

Nur so ließen sich die schrecklichen Albträume erklären, die sie dann in der Aufwachphase hatte. Die Bilder habe sie noch heute mehr als deutlich vor sich.

Mit unglaublich viel Gefühl begleitet und betreut

Dank medikamentöser Behandlung und dem Bemühen verschiedenster Ärzte hörten die Albträume auf. Dann aber begann der lange Weg zurück ins Leben. „Ich musste von Null auf wieder stehen und gehen lernen, hatte beim Reden Schwierigkeiten“, berichtet Ploner. „Mir fielen zwar die richtigen Worte ein, aber ich konnte sie nicht formulieren.“

Rückblickend sei sie einfach nur dankbar. „Nur dem professionellen Handeln und dem unermüdlichen Einsatz der Ärzte und des Pflegepersonals der Intensivstationen, der Anästhesie und dem Team der Covid-Infektionsabteilung, sowie anderer Schutzengel im Bozner Krankenhaus, habe ich mein Leben zu verdanken“, sagt sie bewegt.

Allein sei sie sich nie vorgekommen. „Denn trotz des enormen Druckes, welche die Situation bestimmt mit sich brachte, haben sie mich mit unglaublich viel Gefühl, Menschlichkeit und Liebe begleitet und betreut“, sagt Ploner. Das habe ihr mindestens so viel Kraft und Antrieb gegeben, wie das Wissen, dass ihre gesamte Familie hinter ihr stand, und die unzähligen Gebete und guten Gedanken ihrer Freunde halfen ihr. Das steht für sie außer Frage. Dann treten doch noch Tränen in Ploners ansonsten stets lachende Augen. Nämlich in dem Moment, in dem sie von ihren ersten Gehversuchen erzählt.

„Das erste Mal auf den eigenen Füßen stehen und ein paar Schritte gehen – das war ein unglaubliches, unbeschreibliches Gefühl“, sagt sie leise. Beinahe so unbeschreiblich wie an jenem Tag Anfang Juni, als sie das Spital auf eigenen Beinen wieder verlassen konnte. „Meine Tochter und ich sind zusammen über die Schwelle geschritten und haben zusammen geweint vor Freude“, erzählt sie.

Tour zum Ortler mit Tochter Barbara als Motivation


Ihre Barbara sei es auch gewesen, die ihr all die Zeit hindurch besonders viel Kraft gegeben hat. „Ihr habe ich nämlich zum 30. Geburtstag eine Tour auf den Ortler geschenkt. Sie hat mich immer wieder motiviert, mich daran erinnert und gemeint, dass sie die Tour unbedingt mit mir machen wolle“, sagt Ploner. Und das Lachen kehrt wieder zurück: „Heuer wird das wohl nix mehr – vielleicht nächstes Jahr.“

Bis dahin sollten die „kleineren und größeren Wehwehchen“, wie Ploner sie nennt, dann auch alle definitiv verschwunden sein. Noch immer fehlt ihr nämlich ein Teil des Geschmacks- und Geruchssinnes. „Am Anfang hatte ich gar keinen. Jetzt sind wir vielleicht bei 40 Prozent“, sagt Ploner. Auch mit dem Gehen sollte es dann wieder zu 100 Prozent klappen. „Jetzt ist es schon noch so, dass die ersten Schritte nach dem Aufstehen noch immer sehr unsicher sind“.

Und auch das Gefühl in Beinen und Füßen sei noch nicht zur Gänze zurück. Dafür habe sie absolut keine Atemprobleme mehr. Und das sei das größte Geschenk. Eine Psychologin habe ihr gesagt, sie müsse sich viel Zeit geben. „Weil der Kopf geht voraus, und der Körper soll ihm folgen. Nur braucht das eben seine Zeit“, sagt Ploner.

Und der Kopf bzw. was drauf ist, ist es auch, was ihr momentan den beinahe größten Kummer bereitet. „Man weiß es nicht genau, aber ich nehme an, dass aufgrund der Erkrankung mir büschelweise die Haare ausgefallen sind ... meine schönen Locken ... aber auch die wachsen wieder nach, ich habe gelernt, dass das was war, Vergangenheit ist und ich in die Zukunft schauen muss und will“, sagt Ploner mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Anfang September muss sie für mehrere Kontrollen ins Krankenhaus zur Visite, kein ungutes Gefühl. Dann werde sich vielleicht auch zeigen, ob und wie viele Antikörper sie habe. „Denn wenn es braucht, würde ich sofort Blutplasma spenden, mit dem an Covid-19 Erkrankte behandelt werden könnten“, sagt sie. „Jeder Einzelne sollte sich aktiv einbringen, das sind wir schon alleine den Menschen schuldig, welche um die Leben der Erkrankten kämpfen.“

Dass die Zahlen wieder steigen beunruhigt sie. Sie verstehe nicht, wieso sich so viele Menschen unvernünftig verhalten, als ob es das Virus nicht mehr geben würde. „Aber wer das nicht am eigenen Leib oder im engsten Bekanntenkreis erfahren hat, begreift das wohl nicht“, so Ploner und mahnt, unbedingt die Schutzmaßnahmen einzuhalten. „Man muss dabei nicht fanatisch oder hysterisch sein, aber bitte mit Hausverstand, ein kleiner Aufwand, den jeder Einzelne erbringen kann“.

em