Im Interview spricht sie über erste Erfahrungen, die Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung und die Bedeutung der Traumabewältigung.<BR /><BR /><b>In Ihrer neuen Funktion an der Seite des Generalvikars Eugen Runggaldier stehen Sie für einen Neubeginn hinsichtlich der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. Wo wollen Sie ansetzen?</b><BR />Johanna Brunner: Ich würde weniger von Neubeginn, sondern von einer Weiterentwicklung sprechen. Vor mir waren schon viele Menschen in der Diözese mit diesem Thema betraut. Nach der Prozessanalyse im Fall Don Carli hat der Generalvikar Eugen Runggaldier diese Stabsstelle geschaffen und ist an mich herangetreten. Wo ich anfangen möchte? Gefühlt überall! Bei den vielen wichtigen und drängenden Themen gilt es, Prioritäten zu setzen. Zu den wichtigsten Themen zählt die Betroffenenbeteiligung. <BR /><BR /><b>Kann man sagen, mit der Ihnen anvertrauten, neu geschaffenen Stelle sind Sie der Beweis dafür, dass es die Kirche ernst meint mit der Aufarbeitung?</b><BR />Brunner: Nein, es geht hier nicht nur um meine Funktion oder um meine Person. Damit würde man auch der Diözese die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens absprechen, die von Anfang an da war. Aber in so einem Thema gibt es Schritte nach vorn und oft auch welche zurück. Natürlich, mit den Fehlentscheidungen in der Personalie Don Carli ging ein Vertrauensverlust einher. Es geht nun darum, in diesem diffizilen und komplexen Thema den Faden wieder aufzunehmen, die Umsetzung der Empfehlungen der Anwaltskanzlei Westpfahl, Spilker und Wastl voranzutreiben, damit die Betroffenen merken: „Es tut sich etwas, wir werden gehört, der Diözese ist es ernst mit der Aufarbeitung.“ Dass der Generalvikar das Thema zur Chefsache gemacht hat, geht in die richtige Richtung.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1249023_image" /></div> <BR /><b>Welches Bild konnten Sie sich seit Amtsantritt vor knapp drei Wochen machen?</b><BR />Brunner: Es war bereits eine sehr lehrreiche Zeit, in der ich mich mit vielen Fragen und Bereichen auseinandersetzen und auch konkrete Schritte setzen konnte. Nach dem Rücktritt von Gottfried Ugolini, der an mehreren Stellen das Gesicht der Aufarbeitung in der Diözese ist, war es notwendig, seine Funktionen auf mehrere Schultern aufzuteilen. Auch in der Steuerungsgruppe des Projektes „Mut zum Hinsehen“ war ich bereits eingebunden – der Projektabschluss ist in den kommenden sechs Monaten geplant. <BR /><BR /><b>Vielfach wirkt es unverständlich, wie schwer sich die Kirche mit der Aufarbeitung tut. Woran liegt das?</b><BR />Brunner: Es spielen mehrere Ursachen eine Rolle. Das Thema sexueller Missbrauch ist grundsätzlich schwierig und heikel – ganz egal, in welchem Umfeld dieses passiert. Abhängigkeiten und Loyalitäten spielen hier eine Rolle, und wenn man den Finger in die Wunde legt, bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Und speziell die Kirche mit ihren althergebrachten Logiken und ihrem hierarchischen Aufbau ist damit überfordert, wie die Prozessanalyse auch klar aufgezeigt hat. Denn jegliche Fragen nach Abläufen und Entscheidungen und der Verantwortung konzentrieren sich bei hierarchischen Systemen schnell auf die Spitze. <BR />Fällt es als Frau besonders schwer, einen Bewusstseinswandel in der männlich und hierarchisch geprägten Kirche voranbringen zu wollen?<BR />Brunner: Ich bin in der Diözese nicht mehr die einzige auf Ebene der Amtsleitung – das ist schon mal positiv. Es ist nicht so, dass ich mich als Frau ausgegrenzt fühlen würde, vielmehr muss man dieses System genauer unter die Lupe nehmen. Ein System, das nach hierarchischen, patriarchalen, oft auch männerbündnerischen und klerikalen Gesichtspunkten funktioniert. <BR /><BR /><b>Sie selbst sind ausgebildete Traumapädagogin. Welchen Wert hat es für die Missbrauchsopfer, wenn sie sich nach vielen Jahren öffnen können?</b><BR />Brunner: Die allermeisten Betroffen sagen, sie verspüren eine riesige Erleichterung, wenn sie über die Geschehnisse sprechen können. Allerdings birgt das sich Öffnen auch das Risiko, dass einem nicht geglaubt wird. Die Täter-Opfer-Umkehr passiert leider häufig. Für Betroffene ist diese Erfahrung etwas vom schlimmsten, das ihnen passieren kann, denn dann geht alles von vorne los. <BR /><BR /><b>Gerade deshalb ist die 2010 eingerichtete Ombudsstelle von großer Bedeutung?</b><BR />Brunner: Absolut. Deren Aufgabe besteht darin, Betroffene anzuhören, ihnen Glauben zu schenken und zusammen mit ihnen gewünschte Schritte in die Wege zu leiten, sodass ein heilsamer Prozess beginnen kann. Hierbei ist zu sagen, dass Betroffene sich im Schnitt sieben- bis achtmal versuchen anzuvertrauen, ehe es ihnen tatsächlich gelingt. Das gilt auch für betroffene Kinder. Außerdem umfasst die Schweigezeit im statistischen Mittel 20 Jahre, eben weil ein sich Anvertrauen oft so riskant und voraussetzungsreich und daher für manche lange undenkbar ist. <BR /><BR /><b>Hohe Welle schlägt nun der Fall rund um den Pfarrer Anno Schulte-Herbrügge, der berichtet hat, vor rund 40 Jahren im Deutschorden in Lana Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden zu sein. Inwieweit ist die Diözese auch für die Ordensgemeinschaften zuständig?</b><BR />Brunner: Rein rechtlich gesehen sind die Orden eigene juristische Personen, die Diözesanleitung hat darauf keinen Zugriff. Aber es gibt auch Überschneidungen, etwa wenn Ordenspriester diözesane Dienste übernehmen. Und wenn sich Betroffene, die durch Ordensangehörige sexuelle Gewalt erleben mussten, bei der Ombudsstelle melden, so werden auch sie begleitet und bei den nächsten Schritten unterstützt. <BR /><BR /><b>Wie viele Meldungen gab es bei der Ombudsstelle seit der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens?</b><BR />Brunner: Wie mir der Präventionsbeauftragte Gottfried Ugolini mitgeteilt hat, sind dort seitdem 32 Meldungen eingegangen. Zeiten, in denen das Thema medial sehr präsent ist, sind in der Regel auch Phasen, in denen wir höhere Meldezahlen verzeichnen.