Dienstag, 22. Oktober 2019

„Aufdecken und Aufarbeiten“: Tagung zum Thema Missbrauch in der Kirche

Der Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche stand am Dienstag im Fokus einer Tagung im Bozner Pastoralzentrum.

„Aufdecken und Aufarbeiten“: Dienstag fand eine Tagung zum Thema Missbrauch und Prävention in der Kirche statt. - Foto: © d
Die Diözese Bozen-Brixen setzt sich offen und ernsthaft mit dem Thema Missbrauch auseinander. Sie will den betroffenen Menschen gerecht werden und alles daran setzen, um Wohl und Schutz der Minderjährigen zu gewährleisten.



Die Diözese hat dazu die Fachstelle für die Prävention und den Schutz von Minderjährigen vor sexuellem Missbrauch und anderen Formen von Gewalt sowie eine unabhängige Ombudsstelle für die Personen, die einen Missbrauch durch Priester und Ordensleute erlitten haben, eingerichtet. Ombudsfrau Maria Sparber, berichtete einleitend, dass seit ihrem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren 23 Fälle von Missbrauch, die zum großen Teil Jahre und Jahrzehnte zurückliegen, an sie herangetragen worden seien.



Die Fachstelle hat wie schon in den vergangenen Jahren auch heuer wieder eine Expertentagung organisiert. Unter dem Titel „aufdecken und aufarbeiten“, ging es heute in den vier Fachreferaten um den Prozess vom Verschweigen hin zu einem verantwortlichen Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche. „Die diesjährige Tagung wollte durch den Einblick in Erfahrungen aus dem Ausland und durch die neuen Leitlinien der italienischen Bischofskonferenz die Verantwortung im Umgang mit den Missbrauchsfällen und die Aufgabe der Prävention aufzeigen und ausbauen“, erklärt Gottfried Ugolini, Leiter der diözesanen Fachstelle für Prävention, das Ziel der heurigen Tagung.


„Es darf im Kampf gegen Missbrauch keinen Schlussstrich geben

Waltraud Klasnic, von 1996 bis 2005 Landeshauptfrau der Steiermark und seit 2010 unabhängige Opferschutzanwältin der österreichischen katholischen Kirche, sagte, dass es „im Kampf gegen Missbrauch und Gewalt keinen Schlussstrich geben darf“. Als in den ersten Monaten des Jahres 2010 massiv Missbrauchsfälle im Bereich der katholischen Kirche bekannt wurden, bat Kardinal Christoph Schönborn Waltraud Klasnic, sich als Opferschutzanwältin der Betroffenen anzunehmen. Klasnic, engagiert in zahlreichen sensiblen sozialen Angelegenheiten wie etwa der Hospizbewegung, sagte unter der Voraussetzung absoluter Unabhängigkeit zu und sie stellte eine ehrenamtlich wirkende Kommission zusammen, der renommierte Persönlichkeiten aus Recht, Psychiatrie, Psychologie und Pädagogik angehören.

Hilfeleistungen für Betroffene

Diese Kommission erarbeitete ein Reglement, wonach Betroffene Hilfeleistungen in vier Kategorien (5.000, 15.000, 25.000, mehr als 25.000 Euro) erhalten können. Es wird nach einer groben Plausibilitätsprüfung und ohne Verjährung im Zweifel immer im Sinne der Betroffenen entschieden – es gibt also hier einen entscheidenden Unterschied zu Gerichtsverfahren, wo es genau umgekehrt ist. Auf dieser Basis hat die Opferschutzkommission unter dem ebenfalls ehrenamtlichen Vorsitz von Waltraud Klasnic bis 30. Juni 2019 2022 positive Entscheidungen getroffen. Die katholische Kirche Österreichs hat alle Beschlüsse der Kommission mit Zahlungen in der Höhe von knapp 23 Millionen Euro und der Zuerkennung von rund 62.000 Therapiestunden umgesetzt.


„Es bedarf einer Offenheit, die manchmal schmerzhaft ist


Frater Gregor Beilhack OSB, Internatsdirektor an der Benediktinerabtei Ettal in Bayern hat in seinem Referat aus Sicht einer kirchlichen Einrichtung den mühsamen und zugleich befreienden Weg der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen - angefangen mit der Konfrontation bis hin zu einer sinnvollen Prävention - nachgezeichnet. „Die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch und Misshandlung in Institutionen ist notwendig, bedarf einer Offenheit, die manchmal auch schmerzhaft ist, und stellt eine große Herausforderung für alle Beteiligten dar. Dennoch ist die ehrliche Bereitschaft der Institution zu Selbstkritik und „orrectio fraterna„ unabdingbar, um die Fälle von Missbrauch und Misshandlung wirklich anzuerkennen und aufzuarbeiten, und so den Weg in die Zukunft positiv zu gestalten“, sagte Frater Gregor.

Als Betroffener von Missbrauch sprach Robert Köhler, Verhandlungsführer des Vereins der Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer. „Zielsetzung einer Aufarbeitung ist die Befriedung der Betroffenen, das Erkennen der Ursachen von Missständen und die Ableitung von Maßnahmen in der Zukunft. Für die Betroffenen muss es möglich werden mit erhobenem Haupt durch eine Eingangstüre der Einrichtung, in der sie geschädigt wurden, zu gehen und freundlich empfangen werden“, war die die Kernaussage seines Referats.

Das Referat von Anna Deodato, Mitglied des Vorstandes des Dienstes zum Schutze Minderjähriger der italienischen Bischofskonferenz, stand unter dem Motto „Die Wunden verjähren nie“. Deodato ging in ihrem Vortrag auf die neuen Leitlinien der italienischen Bischofskonferenz ein, die die von Papst Franziskus eingebrachte Perspektive widergeben: vor jeder Initiative im Bereich des Missbrauchs von Minderjährigen und schutzbedürftigen Erwachsenen ist demnach ein aufmerksames und echtes Anhören der durch Missbrauch verwundeten Personen notwendig. „Unser Herz muss bereit sein, ihren Schmerz aufzunehmen, damit das Gewissen erwacht und eine echte Veränderung hervorbringt, die zu mehr pastoraler Transparenz, Verantwortung und Einsatz führt. Die ganze Kirche, jedes Mitglied, muss sich für die Prävention verantwortlich fühlen und dafür engagieren“, sagte Deodato.


„Für wen entscheiden wir uns, für die Starken oder für die Schwachen?

Neben den Referaten von Waltraud Klasnic, Gregor Beilhack OSB, Robert Köhler und Anna Deodato diskutierte Bischof Ivo Muser in einer Gesprächsrunde mit den Vortragenden. „Für wen entscheiden wir uns, für die Starken oder für die Schwachen? Das ist die zentrale Frage für uns Christen“, fragte Bischof Muser in die Runde und gab selbst die Antwort: „Gott entscheidet sich für die Schwachen. Wir stellen uns nicht auf die Seite der Institution, um nach außen ihr Bild zu retten; wir stellen uns auf die Seite der Opfer.“Der Bischof zeigte sich davon überzeugt, dass „die Konfrontation mit schmerzhaften und schrecklichen Erfahrungen sowie bewusstes Zuhören helfen, über Menschen zu sprechen und nicht über Fälle.“ Es bedürfe konkreter Schritte, um den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, sagte Bischof Muser: „Vorbeugung und Prävention sind unsere größte Herausforderung. Wir müssen alles Menschenmögliche tun, wir müssen uns mit den verschiedenen Akteuren auf allen Ebenen und mit allen Institutionen vernetzen und das Bewusstsein bei denjenigen wecken, die in der Kirche Verantwortung tragen.“

Als nächstes konkretes Ziel kündigte Fachstellenleiter Ugolini dann eine Studie auf diözesaner Ebene zum Thema Missbrauch an, um Hinweise zu sammeln, Risikofaktoren zu verstehen und dann Schutzmaßnahmen auszuarbeiten.

stol