Kahle Bäume ragen in den Himmel, eine dünne Schicht aus Laub und Schnee bedeckt den Boden. Vor uns türmen sich verlassene, rotbraune Backsteinhäuser auf, die ein dunkles Geheimnis zu verbergen scheinen. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, als mir bewusst wird, wo ich mich gerade befinde: im Konzentrationslager Auschwitz.<BR /><BR />Umringt von dichtem Stacheldraht sehe ich nach wenigen Schritten das Lager-Tor vor mir. Darüber in eisernen Buchstaben festgeschrieben „Arbeit macht frei“, eine zynische Lüge. Hinter dem Drahtzaun hindurch, zwischen den Reihen der Backsteinhäuser, folgen wir der Fremdenführerin in ein erstes Gebäude. Der rote Boden ist von Rissen durchzogen, die schmutzigen grauweißen Wände sind von der Zeit gezeichnet. Das Fenster bietet nicht mehr als einen trüben Blick auf das nebenstehende Gebäude, das ebenso trostlos erscheint. Mit wackeligen Beinen steige ich über die Treppen in den oberen Stock.<BR /><BR />„Fotos sind in diesem Raum verboten“, erklingt die Stimme der Fremdenführerin durch die Kopfhörer. Ihre Worte rücken immer weiter weg, als ich vor einem Ausstellungsstück stehe: Hinter der Vitrine häufen sich Berge von abgeschnittenen Haaren, die den Todgeweihten vor ihrer Ermordung abgeschoren wurden – 50 Pfennig kostete ein Kilo damals. Mein Herz rast. Vorbei an zusammengeschmolzenen Brillen, jüdischen Gebetstüchern, Prothesen und Töpfen gelange ich zum Koffer von Ludwig Steinberg, einem der wenigen Holocaust-Überlebenden, sowie dem Schuh seines 8-jährigen Sohnes Amos, der im Konzentrationslager ums Leben kam. In unserer Gruppe fließen erste Tränen. Ich versuche mich – so gut es geht – zusammenzureißen.<BR /><BR />Ich blicke in Gesichter, die vielmehr betrübt als interessiert wirken – lange ist es her, dass ich ein Lächeln gesehen habe. Mit noch wackeligeren Beinen gelange ich wieder in das untere Stockwerk, vorbei an Fotos der Ermordeten und hinaus in einen Hof, dessen Präsenz unheimlich furchteinflößend wirkt. „Dies ist die Todeswand“, höre ich die Fremdenführerin sagen. Es gab Tage, da wurden 200 Menschen an dieser Wand innerhalb kürzester Zeit erschossen. Die Gräueltaten dieses Ortes nehmen eine andere, aber nicht weniger schreckliche Dimension an, als wir die Gaskammer und das Krematorium erreichen – den Ort, vor dem ich mich am meisten gefürchtet habe. In dem fensterlosen Raum, zwischen den abgenutzten, grüngrauen Wänden, wirkt der Tod nach wie vor allgegenwärtig.<BR /><BR />Wir sind erleichtert, dass wir diesen Ort endlich verlassen dürfen. Der Schock ist jeder und jedem Einzelnen anzusehen. Auch mir fehlen die Worte. „Es ist erschreckend, dass diese Ereignisse erst 80 Jahre her sind“, sagt Elisabeth zu mir, als wir in den Bus einsteigen. Nächster Stopp: Birkenau.<BR /><BR /> <a href="https://www.jugenddienst.it/de/projekte-der-arbeitsgemeinschaft-der-jugenddienste/promemoria-auschwitz-4385.html" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier erfahren Sie mehr über das Projekt „Promemoria Auschwitz: Zug der Erinnerung“, an dem unser Redakteur Jakob Pramstaller teilnimmt.</a>