<b> Herr Tarfusser, Sie sind nun wieder zurück in der Heimat, der schreckliche Anschlag liegt zwei Tage zurück. Wie geht es Ihnen?</b><BR />Philipp Tarfusser: Ich bin immer noch fassungslos und habe keine Worte für das, was passiert ist. Seit besagter Nacht schwirren Bilder durch meinen Kopf, die ich erst noch verarbeiten muss. Wenn ich an das Geschehene denke, sind da vor allem Trauer und Wut. Gleichzeitig bin ich aber auch dankbar, dass mir selbst nichts passiert ist. Ich hatte einen riesengroßen Schutzengel, denn es hätte auch mich treffen können. <BR /><BR /><b>Sie waren zum Zeitpunkt des Anschlags nur wenige Meter vom Tatort entfernt. Wie haben Sie die Schreckensminuten erlebt?<BR /></b>Tarfusser: Ich war gerade auf dem Rückweg in mein Hotel und ließ den Tag und vor allem die Emotionen Revue passieren. Kurz zuvor war ich auf dem Konzert von Sarah Connor, die einer wunderbaren Veranstaltung voller positiver Energie die Krone aufgesetzt hatte. Als ich an der Kreuzung in der Nähe des Parks vorbeikam, hörte ich plötzlich Motorenlärm und gleich darauf das angsterfüllte Geschrei zahlreicher Menschen. Da ich seit Jahren auch als freiwilliger Sanitäter tätig bin, habe ich mich fast schon reflexartig verpflichtet gefühlt, erste Hilfe zu leisten. Ich sah Leute, die auf der Straße lagen und andere, die komplett aufgelöst waren. Deshalb bin ich nicht gleich geflüchtet. Später, als das Sondereinsatzkommando und die Rettungskräfte schon vor Ort waren, habe ich schließlich auch noch mit der Polizei gesprochen, die nach Augenzeugen gesucht hat. <BR /><BR /><b> Haben Sie sofort verstanden, was da gerade passiert ist?<BR /></b>Tarfusser: Nein, überhaupt nicht. Am Anfang herrschte totales Chaos und ich habe lange Zeit geglaubt, es handle sich um einen schrecklichen Unfall. Dass es ein Terroranschlag war, wurde mir erst im Laufe der Zeit klar. Vor Ort fehlten mir schlicht und einfach die Zusammenhänge. Und ganz ehrlich: Ich hätte niemals auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass so etwas im Rahmen dieser Veranstaltung möglich sein könnte. <BR /><BR /><b>Begleitet einen, wenn man auf eine Großveranstaltung geht, nicht der Gedanke, dass es zu Ausschreitungen kommen könnte?</b><BR />Tarfusser: Klarerweise muss man davon ausgehen, dass in einer Millionenmetropole wie Berlin auch radikal denkende Menschen leben, die theoretisch zu so einer Tat fähig sind. Nichtsdestotrotz waren die Stadt und der CSD für mich vom ersten Augenblick an ein sicherer Ort. Ich habe bei einer Veranstaltung selten ein so großes Polizeiaufgebot gesehen, auch die ergriffenen Sicherheitsmaßnahmen waren äußerst gut durchdacht. Tief beeindruckt war ich außerdem vom Verhalten der Menschen vor Ort, die überaus freundlich und respektvoll miteinander umgegangen sind. Umso krasser war und ist deshalb der Kontrast zu dem, was am Samstagabend passiert ist.<BR /><BR /><b> Im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmenden, die die Nachricht vom Attentat erst später erreichte, haben Sie als Augenzeuge einen ganz anderen Bezug zum Geschehenen. Kommt Ihnen Ihre langjährige Erfahrung als Rettungssanitäter bei der Verarbeitung der schrecklichen Bilder zugute?</b><BR />Tarfusser: Als Einsatzkraft habe ich mir über die Jahre gewisse Strategien erarbeitet, die natürlich auch im privaten Rahmen helfen. Die Tatsache, dass ich bereits einige Extremsituationen erlebt habe, erleichtert die Aufarbeitung. Ich weiß, wie sich Emotionen und Gefühle mit der Zeit entwickeln können und kann nach und nach den Blickwinkel und die Perspektive auf Erlebtes ändern. Allerdings macht es schon einen signifikanten Unterschied, ob man als Rettungskraft an den Tatort gerufen wird oder persönlich in das Geschehen involviert ist. In ersterem Fall weiß man zwar oftmals ebenfalls nicht, was einen vor Ort erwartet, trotzdem folgt man einem gewissen Protokoll. Man muss funktionieren. Anders ist es, wenn man als Privatperson Teil des Ganzen wird und indirekt einen Schaden davonträgt. <BR /><BR /><b> Wie geht es nun für Sie persönlich weiter?<BR /></b>Tarfusser: Ich konnte gestern Gott sei Dank wieder in mein gewohntes Umfeld zurückkehren und das Geschehene ein Stück weit in Berlin zurücklassen. Trotzdem kreisen meine Gedanken noch immer um das Attentat. Es wird wohl eine Weile dauern, bis ich das alles wirklich zuordnen kann. Deshalb bin ich umso mehr dankbar für die Menschen in meinem Umfeld, die sich sofort über mein Befinden erkundigt haben und mir eine wichtige Stütze in diesem Prozess sind. So wirklich loslassen wird mich der Zwischenfall aber noch lange nicht. Dafür wirft er zu viele Fragen auf.<BR /><BR /><b> Inwiefern?<BR /></b>Tarfusser: Wenn so etwas passiert, stelle ich mir – wie viele andere sicherlich auch – als erstes die Frage nach dem Warum. Ich versuche zu verstehen, was die Gründe für eine solche Tat sein mögen und was Menschen damit bezwecken wollen. Zudem macht es mir Sorgen, wie das Geschehene auf politischer Ebene instrumentalisiert und missbraucht wird – auch hier in Südtirol. Vor allem das rechte Lager tut so, als seien diejenigen, die auf einer Veranstaltung wie dem CSD für Menschenrechte und Gleichberechtigung einstehen, Schuld daran, dass Radikale überhaupt im Land sein dürfen. Jegliche Einstellung und Gesinnung wird sofort einem extremen politischen Lager zugeordnet, komplexe Thematiken werden dadurch pauschalisiert und ideologisiert. Dabei hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Das, was am Ende dabei herauskommt, ist nichts anderes als eine weitere Spaltung in der Gesellschaft – und die gilt es abzuwenden. <BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/suedtirolerin-erlebt-terror-in-berlin-wir-hatten-traenen-in-den-augen" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Auch eine weitere Südtirolerin hat das Attentat in Berlin aus nächster Nähe erlebt. Hier lesen Sie alle Details.</a>