Unscheinbar reihen sich die Mauern in das Gefüge der Altstadt ein. Lediglich die große Eingangspforte deutet auf die Klosteranlage hin: Für die beiden Universitätsstudentinnen und Schwestern Prime Rose Nakate und Immaculate Naminembe ist das Mutterhaus der Tertiarschwestern in Brixen ein Zuhause auf Zeit geworden. Hier verbringen sie ihre Sommerferien. „Die beiden widmen sich insbesondere der Pflege und Betreuung der älteren Mitschwestern. Dabei scheuen sie keine Herausforderung“, ist Provinzvikarin Sr. Maria Francesca Hofer voll des Lobes. <h3> Ein ungewöhnlicher Habit</h3>Die Arbeit ist nicht einfach. „Jede Schwester möchte deine Aufmerksamkeit haben. Manche ältere Menschen benötigen ähnliche Fürsorge und Begleitung wie Kinder“, berichtet Sr. Prime Rose. Im ersten Sommer in Brixen lebten neun pflegebedürftige Schwestern im Kloster, jetzt sind es sechs. Wenn Sr. Prime Rose und Sr. Immaculate mit ihnen spazieren gehen, werden sie immer wieder auf ihren hellblauen Habit angesprochen. Es ist eine ungewöhnliche Farbe. Nicht selten fragen Passanten dann: „Woher kommt ihr?“ Die beiden gehören den „Good Samaritan Sisters of Nalukolongo“ an, einer Ordensgemeinschaft in Uganda, deren Wirken von dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter inspiriert ist.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342257_image" /></div> <BR />Seit 2021 studieren sie in Rom. Es war der Comboni-Missionar Pater Anthony Kibira, der die beiden Schwestern nach Südtirol vermittelte. „Wir haben uns an ihn gewandt und ihn gefragt, ob er einen Ort kennt, wo wir in unseren Sommerferien sein können, einen Ort, an dem wir von den Mitschwestern akzeptiert werden“, erzählen sie. In Brixen wurden sie mit offenen Armen aufgenommen. <h3> Familie statt Hierarchie</h3>Die beiden waren davon beeindruckt, wie bescheiden die Leiterinnen des Klosters waren: In Uganda ist das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern hierarchisch geprägt. In Südtirol haben sie das Gegenteil erlebt: „Hier haben wir gelernt, dass Führung auch bedeutet, den Menschen zu dienen, für die man Verantwortung trägt“, berichten die Schwestern. Der Umgang miteinander ist sehr familiär. Gemeinsam unternimmt man auch Ausflüge. So fuhren Sr. Prime Rose und Sr. Immaculate bei ihrem Besuch 2023 das erste Mal mit einer Seilbahn. „Da hatte ich zunächst schon ein banges Gefühl“, erinnert sich Sr. Immaculate. Nach der Wanderung schmerzten ihr dann die Füße, weit zu gehen war sie nicht gewohnt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342260_image" /></div> <h3> Mehr als Sommergäste</h3>Weil sie sich bei den Tertiarschwestern in Brixen so wohl und herzlich aufgenommen fühlten, kehrten die beiden Frauen in den folgenden Jahren immer wieder zurück – nicht nur im Sommer, sondern auch zu Weihnachten. „Es war so kalt“, sagt Sr. Immaculate und lacht. Nicht nur die Temperaturen sind im Vergleich zu ihrer Heimat ganz anders: In Uganda dauert die Weihnachtsmesse mehrere Stunden, hierzulande nicht so lange. Die Mitschwestern zu Hause sind ganz neugierig, sie fragen Sr. Prime Rose und Sr. Immaculate nach ihren Erfahrungen. Einige weitere neue werden sie vielleicht in den nächsten Wochen noch sammeln. Bis Ende September werden sie in Brixen bleiben. <h3> <b><BR />Sr. Prime Rose Nakate</b></h3><div class="img-embed"><embed id="1342263_image" /></div> kam 1986 als fünftes und jüngstes Kind ihrer Familie in Uganda zur Welt. Als kleines Mädchen hätte sie sich nie vorstellen können, Ordensfrau zu werden. Sie wurde nicht religiös erzogen. „Unsere Familie war wohlhabend. Wir brauchten Gott wahrscheinlich nicht“, erzählt sie. Als sie sieben Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern. Sr. Prime Rose fragte sich: Worauf kann ich mich stützen? Wer verlässt mich nicht? Sie begann, allein in die Kirche zu gehen. Dort fand sie Frieden. Nach ihrem Schulabschluss sollte Sr. Prime Rose die Universität besuchen, doch sie entschied sich dagegen. „Mein Gefühl sagte mir, dass ich eine andere Aufgabe übernehmen muss – die Armen unterstützen.“ Ihre Mutter und auch der Leiter der Pfarrei waren von ihrer Entscheidung nicht begeistert. Doch Sr. Prime Rose ließ sich davon nicht abbringen. Allein suchte sie die Schwestern der Ordensgemeinschaft „The Good Samaritan Sisters of Nalukolongo“ auf und bewarb sich um die Aufnahme. Auch die damit verbundenen Kosten bezahlte sie selbst. <BR /><BR /><b>Pläne, heimlich aus dem Kloster zu fliehen</b><BR /><BR />Die Ausbildungszeit war schwierig. In der Gemeinschaft gab es keine Freiheit mehr, Sr. Prime Rose musste lernen, ein Leben nach bestimmten Regeln zu führen. „Ich hatte mir alles anders vorgestellt und dachte darüber nach, nach Hause zurückzukehren.“ Sie hatte schon Pläne geschmiedet, um heimlich das Kloster zu verlassen, als ihre Mama sie besuchte. Diese gab ihr folgenden Rat mit: Wenn man Neues lernt, sammelt man im Leben nicht nur gute Erfahrungen, sondern manchmal auch harte. Das überzeugte ihre Tochter und sie beendete ihre Ausbildung. <BR />Im Jahr 2009 trat sie als Schwester in den Orden ein. <BR /><BR /><b>Die Entscheidungen treffen andere</b><BR /><BR />Nachdem sie einige Jahre ältere Menschen und Arme betreut hatte, studierte sie in Uganda Philosophie und Theologie. Im Jahr 2021 schickte man sie nach Rom, um ihre Studien fortzusetzen. Am Anfang war alles neu: die Sprache, das Essen. „Nudeln und Reis waren die Hauptmahlzeiten. Das waren wir nicht gewohnt. In Uganda essen wir verschiedene Arten von Bananen, Kartoffeln und Maniok“, berichtet sie. Die Studienwahl fiel auf „Kanonisches Recht“, obwohl sie eigentlich viel lieber Psychologie studiert hätte. „Das bleibt mein Traum“, sagt sie. Letzten Endes treffen die Entscheidungen die Oberinnen der Ordensgemeinschaft. <BR />Nächstes Jahr wird sie ihr Studium abschließen. Dann wird sich zeigen, welche neue Aufgabe für sie vorgesehen ist. „Auch das bedeutet das Schwesternsein. Manche Dinge muss man akzeptieren lernen“, so Sr. Prime Rose.<h3> <b>Sr. Immaculate Naminembe</b></h3><div class="img-embed"><embed id="1342266_image" /></div> wurde 1984 geboren und wuchs in einer kinderreichen, gläubigen Familie in Uganda auf. Als sie 13 Jahre alt war, starb ihre Mutter. Neun Kinder waren nun Halbwaisen, zwei von ihnen nahm ein Priester bei sich auf. Sr. Immaculate war eine davon. Bald half sie in der Sakristei mit. „Schon damals sprachen sie mich mit „Schwester„ an“, blickt sie zurück. Nach Beendigung der weiterführenden Schule wurde sie von einem Seminaristen angesprochen, ob sie nicht in einen Orden eintreten wolle. Sr. Immaculate überlegte nicht lange: Sie wollte diesen Weg einschlagen, aber welche Ordensgemeinschaft war die richtige für sie? Es gab eine lange Liste möglicher Gemeinschaften. <BR /><BR /><b>Warum sie Menschen in Armut helfen will</b><BR /><BR />Eine sprach Sr. Immaculate sofort an: jene der „Good Samaritan Sisters of Nalukolongo“. Diese Schwestern kümmern sich hauptsächlich um Menschen in Not und mit Beeinträchtigungen. „Ich bin arm. Deshalb will ich jenen helfen, die so sind wie ich“, erklärt sie ihren Beweggrund. Als sie sich für das Bewerbungsgespräch zum Haus der Gemeinschaft begab, sah sie ältere Menschen, Menschen ohne Beine. „Hier muss ich bleiben. Hierher hat Gott mich gerufen“, dachte sie sich. Sie konnte die Ausbildung antreten, die Kosten nur stemmen, weil die Leitung eine Zahlung in Raten akzeptierte. Es war keine einfache Zeit, es gab viel Arbeit. Sr. Immaculate überlegte sich eines Tages, sich frühmorgens davonzuschleichen. Sie hatte ihren Koffer schon gepackt, doch dann verschlief sie es. „Der Heilige Geist hat mich bedeckt“, schmunzelt sie. <BR /><BR /><b>Der Alltag ist herausfordernd</b><BR /><BR />Im Jahr 2006 legte sie ihre Profess ab. Sie arbeitete zunächst in den Einrichtungen der Gemeinschaft und kümmerte sich um Kranke und ältere Menschen. „Wir waren zu dritt und betreuten 20 Personen. Dazu kommt, dass die hygienischen Standards in Uganda ganz anders sind als in Europa. Die Pflege muss mit einfachen Mitteln und von Hand ausgeführt werden“, sagt sie. Danach studierte sie an einer Universität in Uganda Bildungswissenschaften. Als Lehrerin arbeitete sie aber nie, weil dann beschlossen wurde, dass Sr. Immaculate nach Rom gehen soll. 2021 begann sie dort das Studium der Religionswissenschaften, mittlerweile absolviert sie den Masterstudiengang „Theologische Missionswissenschaft“. Jeden Tag fährt sie vom Studentenheim in Castelgandolfo außerhalb Roms mit dem Zug in die Hauptstadt. „Pendeln, lernen, den Besuch den hl. Messe – das braucht Kraft“, sagt sie. Aber in ihrer Gemeinschaft erwarten sie, dass man immer wieder den Ort wechselt.