<BR /><BR />Südtirol, Herbst 2021. Adrian (Name von der Redaktion geändert) aus Rumänien ist auf dem Weg nach Südtirol. In Bozen hatte ihm ein sogenannter „Vermittler“ eine Arbeitsstelle bei einem Apfelbauern besorgt. Ohne die Ausstellung eines Vertrags beginnt Adrian für den Bauern Äpfel zu klauben.<BR /><BR />In einem kleinen Schuppen unweit der Apfelfelder teilt er sich abends mit den zahlreichen auch aus dem Osten Europas stammenden Arbeitern ein Bettenlager und zwei Duschen. Ab und an bekommt er vom Vermittler etwas Geld, um sich Essen und zu kaufen. Ansonsten ist er auf sich alleine gestellt.<h3> Forschungsprojekt gegen Ausbeutung</h3>Was Adrian zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Er wird ausgebeutet – und das seit Beginn seiner Reise. „Die illegalen Vermittler spielen das Kommunikationsmedium zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer. Auch Auszahlungen laufen über sie. Und davon profitieren diese Vermittler natürlich. Denn wie viel des verdienten Geldes letztendlich beim Arbeitnehmer ankommt, kann der Arbeitgeber nicht nachweisen“, erklärt Mauro Melissano, der Koordinator des Präventionsprojekts „FARm“. <BR /><BR />Seit zwei Jahren untersucht das Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit den Universitäten von Verona, Bozen, Trient und Mailand die Ausbeutungsverhältnisse von Arbeitskräften im Landwirtschaftssektor, mit Fokus auf die drei Regionen Lombardei, Veneto und Trentino-Südtirol. <BR />Bis heute trafen die Beteiligten des Projekts bereits 170 von insgesamt 20.000 ausländischen Saisonarbeitern im Trentino und in Südtirol, um mit ihnen über die bestehenden Arbeitsverhältnisse zu sprechen. <BR /><BR /> Da das Projekt hauptsächlich auf die Ausbeutung von Arbeitskräften in der Landwirtschaft ausgerichtet ist, habe man sich im Rahmen der Untersuchungen in Südtirol auch eingehend mit Vertretern der Gewerkschaften und des Südtiroler Bauernbundes ausgetauscht. <BR />Dass es in vielen weiteren Wirtschaftssektoren Fälle von Ausbeutung gebe, sei allerdings nicht unbeachtet geblieben, so Melissano. Man spreche konkret vom Tourismus, dem Gastgewerbe und dem privaten Pflegedienst.<h3> Verbale und physische Gewalt</h3> Immer wieder bekommt Adrian während seiner Arbeitszeit Besuch vom Vermittler. Dieser zwingt ihn, schneller zu arbeiten. Verbale Drohungen folgen – und schon bald setzt der Vermittler physische Gewalt ein. Irgendwann hält Adrian die Drohungen und die Übergriffe nicht mehr aus und gesteht in einem Telefongespräch seinen Verwandten zu Hause, in welch prekären Verhältnissen er sich befindet. Zu seinem Unglück hört der Vermittler das Telefongespräch mit. Bevor der Rumäne daraufhin endgültig die Ordnungshüter verständigen kann, ist er abermals der heftigen physischen Gewalt seines Vermittlers ausgesetzt. <BR /><BR />Wie Mauro Melissano zu diesem Fall (den er sehr gut kennt) betont, grenze es an ein Wunder, dass Omar überhaupt die Polizei verständigt hatte. Der Großteil der ausgebeuteten Arbeitskräfte lasse nämlich all die Gewalt über sich ergehen – aus Angst vor den Vermittlern. Melissano ergänzt: „Auch Sprachbarrieren und unübersichtliche Arbeitsverhältnisse führen zu einem zusätzlichen Resignationsverhalten.“<h3> Fehlende Wertschätzung begünstige Ausbeutung</h3>Dass die Wirtschaft in hohem Maße von zugewanderten Arbeitskräften abhängig sei, bestätigt Melissano. Besonders die Landwirtschaft sei auf Saisonkräfte aus dem Osten Europa und in geringer Zahl auch auf Arbeiter aus Asien und Afrika angewiesen.<BR /><BR />In Südtirol leben aktuell 50.792 Ausländer. Was die Herkunft betrifft, so stammt etwa die Hälfte aus EU-Ländern, die andere Hälfte aus Nicht-EU-Ländern Europas. Es folgen Asien (9807), Afrika (7236), Amerika (2264) und Ozeanien (19). Wie in den Vorjahren bilden Albaner die größte Gruppe, gefolgt von Deutschen, Pakistanern, Marokkanern und Rumänen (Quelle: IDOS Statistisches Jahrbuch zur Einwanderung 2021). Die gesellschaftliche Bedeutung von ausländischen Arbeitskräften stehe jedoch im Widerspruch zur fehlenden Anerkennung ihrer Arbeit in Bezug auf Entlohnung, Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Wertschätzung, betont Melissano. <BR /><BR /><embed id="dtext86-54490958_quote" /><BR /><BR />Diese Umstände würden Arbeitsausbeutung begünstigen, meint der Koordinator des Präventionsprojekts „FARm“. Dabei nehme die Ausbeutung der Arbeitskräfte immer wieder unterschiedliche Formen an: „Ausbeutung reicht von unregelmäßiger Arbeit und menschenunwürdigen Unterkünften bis hin zur illegalen Vermittlung und Versklavung von <BR />Arbeitskräften.“<h3> Südtirol weniger stark betroffen</h3>Im Vergleich zu anderen Regionen Italiens habe man im Rahmen des Forschungsprojektes „FARm“ in der Region Trentino- Südtirol relativ wenig Ausbeutung von Arbeitskräften im Landwirtschaftssektor beobachtet. Die Arbeitsbedingungen seien in Südtirol deshalb so gut, weil die Landwirte in der Regel Kleinbauern sind, im Vergleich zu anderen Gebieten Italiens, wo die durchschnittliche Fläche 20 Hektar betrage und die Arbeitgeber meist auf Vermittler zurückgriffen. <BR /><BR />„Außerdem gibt es hier gar einige landwirtschaftliche Unternehmer, die seit mehreren Jahren dieselben Leute einstellen und sogar so weit gehen, dass sie die Kinder derjenigen einstellen, die früher für sie gearbeitet haben. Das liegt daran, dass sich im Laufe der Jahre gute Beziehungen entwickeln und die Arbeiter sich auf ihre Arbeit spezialisieren“, so Melissano, der auch für den gemeinnützigen Verein „La Strada – Der Weg“ tätig ist. Erst kürzlich hat der Verein ein Projekt abgeschlossen, bei dem Menschen mit Migrationshintergrund im Bereich des Weinbaus eine spezifische Ausbildung erhalten haben. Denn die Nachfrage nach erfahrenen landwirtschaftlichen Arbeitskräften in der Region sei groß. <BR /><BR />Auch wenn es in Südtirol nur wenige Fälle von Arbeitsausbeutung gebe, seien Präventionsarbeit und Informationsvermittlung dringend notwendig, um rechtswidrige Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Arbeitgebern, Vermittlern und Arbeitnehmern aufzulösen. Denn: „Jedes Opfer ist eines zu viel“, gibt Melissano abschließend zu bedenken. <BR /><BR />