Montag, 15. Mai 2017

Bahnbrechendes Gerichtsurteil: Tumor als Berufskrankheit

Provoziert Mobilfunk Tumore? Diese Angst scheint ein Gerichtsurteil nun zu bestätigen. Richter in Italien haben einen Tumor als Berufskrankheit eines Vieltelefonierers anerkannt. Dabei sind Forscher längst nicht sicher, ob es einen Zusammenhang gibt.

Richter in Italien haben einen Tumor als Berufskrankheit eines Vieltelefonierers anerkannt.
Richter in Italien haben einen Tumor als Berufskrankheit eines Vieltelefonierers anerkannt. - Foto: © shutterstock

Von einem Tag auf den anderen schienen die Stimmen seiner Frau und seines Sohnes ganz weit weg. Es war an einem Wintermorgen vor sieben Jahren, als Roberto Romeo feststellte, dass er nicht mehr richtig hören konnte. Damals arbeitete der Manager für einen großen Telekommunikationskonzern, telefonierte 15 Jahre lang mehrere Stunden am Tag mit dem Handy am Ohr. Die Ursache für seine Beschwerden: ein Tumor, ein sogenanntes Akustikusneurinom.

Seit der Operation, bei dem der Hörnerv des rechten Ohres entfernt werden musste, ist der Italiener auf einem Ohr taub. Romeo zog gegen seinen Arbeitgeber vor Gericht – und bekam Recht. Die Richter in Ivrea in Italien bestätigten einen Kausalzusammenhang zwischen seiner Handynutzung und der Erkrankung. Nun bekommt Romeo eine monatliche Invalidenrente. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Gerichtsurteil bestätigt Zusammenhang zwischen der Handynutzung und einer Tumorerkrankung

Die Krux an der Entscheidung: Richter haben den Zusammenhang zwischen der Handynutzung und einer Tumorerkrankung nun bestätigt. Doch ob dieser tatsächlich besteht, dahinter setzen Forscher immer noch ein großes Fragezeichen. Seit etwa 20 Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft mit dem Thema. Es gibt viele Fragen, aber keine definitive Antwort, die die vielen anderen ablösen würde.

Die US-Krebsbehörde sagt zwar, dass es eine begrenzte Zahl an Studien gibt, die Hinweise auf einen statistischen Zusammenhang zwischen der Nutzung des Mobiltelefons und dem Risiko für einen Gehirntumor gefunden haben. „Aber die meisten Studien haben keinen Zusammenhang gefunden.“ Das Problem: Die Mobilfunktechnologie ist relativ jung, abschließende Aussagen zu Langzeitwirkungen können noch nicht gemacht werden.

Warnung vor Verallgemeinerungen

Paolo Crosignani war als Physiker und Mediziner im Fall Romeo der Sachverständige, der die Richter beraten hat. Er warnte in der italienischen Zeitung „La Stampa“ vor einfachen Verallgemeinerungen. „Oft hängt das Risiko, wie bei so vielen Dingen, von der Dosis ab.“ Romeo habe die meiste Zeit ein altes Handy genutzt, das höhere Radiofrequenzen aussendete als etwa Smartphones. Außerdem habe es sich bei seinem Tumor um eine seltene Form gehandelt.

Ein Akustikusneurinom ist ein meist gutartiger Tumor, der von Zellen des Hör- und Gleichgewichtsnervs ausgeht. Als bösartig – und damit als Krebs – wird ein Tumor bezeichnet, wenn die Tumorzellen in benachbarte Gewebe einwachsen, dabei umliegendes Gewebe zerstören und Tochtergeschwülste (Metastasen) bilden.

Jeder sollte eigene Strahlenexposition einschränken

Der Fall Romeo ist ein Einzelfall. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte sich aber jeder so wenig wie möglich Strahlen aussetzen, raten Experten. Jeder Einzelne kann seine Strahlenexposition durch relativ einfache Verhaltensmaßnahmen verringern. Das heißt: Festnetz statt Mobiltelefon, SMS schreiben statt telefonieren – oder mit einem Headset sprechen, damit der Abstand des Geräts zu Kopf und Körper größer wird. „Um die Aufnahme der Strahlung zu reduzieren, hilft jeder Zentimeter.“

Auch Romeo sagt, er wolle nicht, dass das Urteil nun Angst verbreite. Vielmehr habe er auf einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem Handy aufmerksam machen wollen.

dpa

stol