Seither ist Thomaser verzweifelt am Rechnen – und kommt zu keinem guten Ergebnis: „Die neuen (EU-)Richtlinien spiegeln unsere Realität nicht wider.“ Seit 30 Jahren hat sich „ihre“ Sozialgenossenschaft Albatros mit Sitz in Meran eben diese Arbeitseingliederung benachteiligter Personen auf die Fahnen geschrieben. Ihre Hauptklientel: Haftentlassene, Personen mit Sucht- sowie mit psychischen Problemen. Bei und über Albatros finden sie Arbeitsmöglichkeiten unter anderem in den Bereichen Gartenbau und Gebäudereinigung, die Sozialgenossenschaft verfügt aber auch über eine Tischlerei und übernimmt die Altkleidersammlung. <BR />Bislang werden bei den Landesförderungen alle sog. benachteiligten Personen gleich behandelt. Doch eben das wird sich – nach einer Übergangsphase – ändern. Diese endet mit dem 1. Jänner 2027, nämlich dann, wenn die römische Reform des Behindertengesetzes für alle Provinzen und Regionen in Kraft tritt. Derzeit ist es in ausgewählten Provinzen in der Probephase.<BR /><BR />„Künftig zählt für eine Förderung nur mehr eine zertifizierte Beeinträchtigung“, weiß Thomaser. Und so fällt der Großteil ihrer Angestellten durch den Rost. „Es könnte sein, dass zumindest chronisch Suchtkranke eine Zertifizierung bekommen können. Da wird man abwarten müssen, bis die zuständige Ärztekommission in Rom die – neuen – Voraussetzungen für eine anerkannte Invalidität festlegt“, erklärt Thomaser. Doch damit ist es noch nicht getan, denn für eine Zertifizierung muss man ansuchen. „Erstens brauchen diese Personen dabei sicherlich Unterstützung – durch den Dienst für Suchterkrankung. Und zweitens ist es nicht jedermanns Sache, sich den „Stempel„ Invalide aufdrücken zu lassen“, weiß sie. <BR /><BR />Und: „Haftentlassene fallen hier komplett raus“, gibt sie zu bedenken. Für diese gibt es künftig nur mehr die Finanzierungsschiene über das neue de-minimis-System, das für einen Dreijahreszeitraum eine maximale Förderung von 300.000 Euro vorsieht (dieser Teil der neuen Richtlinien ist bereits in Kraft). Doch aus diesen Geldern müssen auch die Investitionen für Fahrzeuge, Maschinen und notwendige Arbeitsmittel bestritten werden. „Und für Tutoren, Sozialpädagogen, Direktion und Verwaltung gibt es gar keine eigenen Beiträge mehr“, klagt die Direktorin. Bliebe die Möglichkeit, die Preise für die Kunden zu erhöhen. „Bei uns läuft wenig über Ausschreibungen, da die Preise grundsätzlich zu tief und die Bürokratie zu hoch sind. Preiserhöhungen im privaten Sektor sind immer mit dem Risiko des Kundenverlustes verbunden“, klagt Thomaser. Die dringend notwendige energetische Sanierung des Firmensitzes ist so nicht umsetzbar, sagt Thomaser, und auf eine Sekretariatskraft wird man bei Albatros künftig auch verzichten.<BR /><BR />Langfristig wird das nicht reichen, denn dann sind auch die Rücklagen aufgebraucht: „Wir werden in Zukunft bei neuen Projekten und Einstellungen Personen mit Zertifizierung bevorzugen“, kündigt Thomaser schweren Herzens an. Denn für „ihre“ bisherige Klientel fällt damit der „Rettungsanker“ weg. Ohne Job und ohne Renteneinzahlungen bleibt vielen dann wohl nur die Sozialhilfe.