Donnerstag, 14. April 2022

Benno Neumair: „War immer ganz allein“

Am 5. Mai ist vor dem Bozner Schwurgericht ein Schlagabtausch der psychiatrischen Gutachter zu erwarten. Benno Neumairs Verteidiger sind überzeugt, dass ihr Mandant nur eingeschränkt zurechnungsfähig sei. Am jüngsten Verhandlungstag seien zahlreiche Indizien für Benno Neumairs Persönlichkeitsstörung und andere Wahrnehmung ans Licht gekommen.

Benno Neumair im Gerichtssaal von Bozen. - Foto: © GROPPO

Wie berichtet, hatten am Dienstag Benno Neumairs Ex-Freundin aus Neu-Ulm und seine Schwester Madé im Zeugenstand ausgesagt. Sie schilderten eine Reihe von Episoden, die charakteristisch für Benno Neumair gewesen seien: seinen Hang, zu lügen, zu manipulieren, anderen die Schuld zuzuweisen und schnell auszurasten, aber auch, dass er dazu neigte, schnell in Tränen auszubrechen und dann Zuspruch und Akzeptanz zu suchen.

Weinerliches Kind und selbstbewusster Mann

Nachdem seine Ex-Freundin Nadine Reiter von verschiedenen Vorfällen berichtet hatte, bei denen Benno Neumair sich zwiespältig verhalten hatte, fragte Verteidiger Angelo Polo, ob sie den Eindruck gehabt habe, dass es 2 Bennos gebe – das weinerliche Kind und den selbstbewussten Mann, und Reiter bejahte dies.

Auch Madé Neumair hatte eingeräumt, dass ihr Vater einmal gesagt habe, es gebe „einen netten Benno und einen unzuverlässigen“. Nach Ansicht von Polo und seines Kollegen Flavio Moccia bestehe kein Zweifel, dass ihr Mandant unter einer Persönlichkeitsstörung leide – eine Störung, die auf eine eingeschränkte Zurechnungs- und Schuldfähigkeit hinauslaufe.

Schlagabtausch der Experten zu erwarten

Für den Gutachter der Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger ist Benno Neumair hingegen voll einsichts- und willensfähig. Zu einem zweigeteilten Schluss kamen die 3 Amtsgutachter: nur teilweise zurechnungsfähig beim Mord an Bennos Vater Peter Neumair, und sich seiner Tat voll bewusst beim Mord an seiner Mutter Laura Perselli.

Da die Ergebnisse so weit auseinanderklaffen, ist am 5. Mai mit einem regen Schlagabtausch der Experten zu rechnen.

Ob dabei auch die Differenzialdiagnose eine Rolle spielen wird, die nach Benno Neumairs Einlieferung in die Psychiatrie in Günzburg im Juli 2020 ausgestellt wurde, wird sich zeigen. Die Ärzte hatten auf ein „paranoides Syndrom“ befunden.

Madè Neumair: „Benno hatte ihr an den Kopf geworfen, sie sei verantwortlich für all sein Unglück“

Madé Neumair hatte betont, dass die Eltern beide Kinder immer gleich liebevoll behandelt und entsprechend ihrer Charaktereigenschaften gefördert hätten. Benno Neumair schien dies aber ganz anders empfunden zu haben. Gegenüber seiner Freundin hatte er sich über das schwierige Verhältnis zu den Eltern beklagt. Auf ihre Frage, ob er an Selbstmord denke, habe Benno gesagt, er könne es nicht ausschließen. Geglaubt habe sie ihm das aber nicht, hatte Reiter im Zeugenstand erklärt.

Auch andere Hinweise kamen ans Licht, wonach Benno Neumair die Realität anders wahrgenommen haben könnte – weshalb auch immer. So sei er in Diskussionen oft sehr laut geworden und habe nicht selten einen bedrohlichen Blick aufgesetzt. „Benno ist in der Wohnung herumgelaufen und hat mir Vorwürfe gemacht, dass ich nicht in der Lage wäre, eine Beziehung zu führen, egoistisch sei und keine Rücksicht nähme“, erinnerte sich Reiter. Dabei sei er es gewesen, der versucht habe, sie zu vereinnahmen und von ihren Freunden zu isolieren.

Und dann war da das andere Gesicht des Benno Neumair: Ein junger Mann, der leicht in Tränen ausbrach und sein Gegenüber bat, ihn in den Arm zu nehmen, um Trost zu finden und sich angenommen zu fühlen.

Schuldzuweisungen von Benno hatte es auch in den Tagen unmittelbar vor dem Doppelmord in der Runkelsteiner Straße 22 in Bozen gegeben. Wie Madé Neumair berichtete, sei ihre Mutter beunruhigt gewesen. „Benno hatte ihr an den Kopf geworfen, sie sei verantwortlich für all sein Unglück“, sagte die Schwester.

Benno Neumairs Antwort: „Ich war immer ganz allein“

Bezeichnend für Benno Neumairs Empfinden scheint die Reaktion zu sein, die er zeigte, als ihn seine Tante Michaela Neumair besuchte, nachdem er unter Mordverdacht im Gefängnis gelandet war. Laut Verteidiger Angelo Polo habe die Tante Benno gefragt, ob er sich darüber im Klaren sei, dass seine Schwester nun ganz allein dastehe. Benno Neumairs Antwort darauf war: „Ich war immer ganz allein.“

rc

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