„Wir haben leider keine Leben gerettet. Aber wir haben geholfen, die Opfer zu ihren Familien zurückzubringen. Das war für uns das einzige Ziel, das zählte.“<BR /><BR />Mit diesen Worten blickt Patrik Grönqvist auf einen Einsatz zurück, der ihn und sein Team vier Tage lang im Indischen Ozean forderte. Der 54-Jährige arbeitet im Hauptberuf als Feuerwehrmann und zählt zu den erfahrensten Rettungs- und Technischen Tauchern Europas. <BR /><BR />Gemeinsam mit seinen Kollegen Sami Paakkarinen und Jenni Westerlund leitete er die Bergung von Monica Montefalcone, ihrer Tochter Giorgia Sommacal, Federico Gualtieri und Muriel Oddenino. Die vier waren gemeinsam mit Gianluca Benedetti bei einem Tauchgang in der Meereshöhle von Dhekunu Kandu ums Leben gekommen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320288_image" /></div> <BR /><BR />Für ihren Einsatz wurden die drei Finnen inzwischen von Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella mit dem Verdienstorden der Italienischen Republik ausgezeichnet. Grönqvist reagiert auf die Ehrung gewohnt bescheiden. „Man hat uns Helden genannt, aber wir sind nur Taucher.“<h3> Ein Einsatz, bei dem jeder Fehler tödlich sein konnte</h3>Schon vor ihrer Ankunft war klar, dass die Mission außergewöhnlich gefährlich werden würde. Ein einheimischer Militärtaucher war bereits bei einem Bergungsversuch ums Leben gekommen. „Das war ein harter Schlag. Da wurde uns klar, dass es an uns hängenbleiben würde“, erinnert sich Grönqvist.<BR /><BR />Der Hilferuf erreichte das finnische Team während eines Aufenthalts in Schweden. Viel Zeit zum Überlegen blieb nicht.<BR /><BR />„Wir hatten vielleicht fünf Minuten, um zu entscheiden. Ich war noch nie dort und bin eigentlich an das Tauchen in eiskaltem Wasser gewöhnt, nicht an warme Gewässer. Ich habe aus dem Bauch heraus zugesagt.“<BR /><BR />Obwohl Grönqvist seit mehr als drei Jahrzehnten in Extremumgebungen wie überfluteten Minen und Höhlensystemen taucht, beschreibt er den Einsatz auf den Malediven als besonders belastend.<BR /><BR />„Wenn man hineingeht, um Opfer zu bergen, bleibt die Höhle trotzdem eine Höhle.“ Der Unterschied zu einer Rettungsmission bestehe lediglich darin, dass kein Zeitdruck mehr herrsche. Die Risiken seien jedoch dieselben. „Jeder Fehler kann tödlich sein.“<h3> Die entscheidende Entdeckung tief in der Höhle</h3>Zu Beginn verfügte das Team lediglich über eine grobe Skizze der Unterwasserhöhle. Das erste Ziel bestand deshalb darin, die Struktur der Tunnel zu verstehen und Hinweise auf den Verbleib der Vermissten zu finden. Der entscheidende Moment kam erst kurz vor Ende des ersten Tauchgangs.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320291_image" /></div> <BR /><BR />„Wir hatten die linke Seite und mehrere kleine Seitengänge überprüft und waren bereits auf dem Rückweg, als wir eine kleine Öffnung bemerkten, die parallel zum Haupttunnel verlief.“ Dort entdeckten die Taucher ungewöhnliche Spuren im Sediment auf dem Höhlenboden. Die Retter folgten den Spuren – und fanden schließlich die Vermissten.<BR /><BR />„Es war eine Erleichterung, weil wir genau dafür aus Finnland angereist waren. Aber gleichzeitig war es unendlich traurig.“<BR /><BR />Für die späteren Ermittlungen könnte eine Beobachtung von besonderer Bedeutung sein: Die Leichen lagen nur wenige Meter voneinander entfernt und wurden dicht beieinander gefunden. Dieser Umstand könnte wichtige Hinweise auf die letzten Minuten der Gruppe liefern.<h3> Als plötzlich ein Tigerhai auftauchte</h3>Die Gefahr ging während der Bergung nicht nur von der engen und unübersichtlichen Höhle aus. Auch außerhalb des Höhleneingangs warteten Risiken.<BR /><BR />Im Inneren begegnete das Team mehreren kleineren Ammenhaien. Am dritten Einsatztag tauchte jedoch ein deutlich größeres Problem auf: ein Tigerhai. „Während der Bergung näherte er sich einem Körper, der bereits an der Führungsleine gesichert war. Er schien angriffsbereit.“<BR /><BR />Trotz der angespannten Situation behielten die Taucher die Kontrolle.<BR />„Wir haben uns langsam bewegt, den Hai nicht direkt fixiert und ihn schließlich weggedrängt.“ Ob er Angst gehabt habe? Die Antwort des erfahrenen Höhlentauchers fällt knapp aus: „Unter Wasser ist Besonnenheit kein Mut, sondern Erfahrung.“<h3> Spezialisten für Einsätze, die andere ablehnen</h3>Grönqvist, Paakkarinen und Westerlund gehören weltweit zu einer kleinen Gruppe von Spezialisten für komplexe Höhlenbergungen.<BR /><BR />Internationale Bekanntheit erlangte das Team bereits 2014. Damals bargen die Finnen in einer norwegischen Unterwasserhöhle die Leichen zweier verunglückter Taucher aus extremer Tiefe. Viele Experten hatten die Bergung zuvor für unmöglich gehalten. Die außergewöhnliche Mission wurde später im Dokumentarfilm „Diving into the Unknown“ festgehalten.<h3> Welche Fehler zur Tragödie geführt haben könnten</h3>Zur Ursache des Unglücks äußert Grönqvist zwar keine endgültigen Schlussfolgerungen, nennt jedoch mehrere Faktoren, die nach seiner Einschätzung eine entscheidende Rolle gespielt haben könnten. „Mit dieser Art von Ausrüstung in diese Höhle zu gehen, war keine gute Idee.“<BR /><BR />Er vermutet, dass die Sicht beim Versuch, die Höhle wieder zu verlassen, dramatisch schlechter wurde. Wahrscheinlich sei feines Sediment vom Boden aufgewirbelt worden, wodurch die Sicht nahezu vollständig verloren ging. Ohne leistungsstarke Lampen werde es in einer solchen Situation extrem schwierig, den Ausgang wiederzufinden.<BR /><BR />Besonders kritisch bewertet er jedoch einen Verstoß gegen eine der wichtigsten Regeln des Höhlentauchens. „Sie hatten keine Führungsleine gelegt. Das ist die Regel Nummer eins beim Höhlentauchen.“<BR /><BR />Anders als beim Tauchen im offenen Meer könne man sich in einer Höhle nicht einfach an die Oberfläche orientieren. Wer die Verbindung zum Ausgang verliere, gerate schnell in eine lebensgefährliche Situation.<BR /><BR />„Man benötigt eine spezielle Ausbildung, die richtige Ausrüstung und muss die Regeln strikt befolgen“, sagt Grönqvist. Gerade in extremen Umgebungen entscheide genau das darüber, ob ein Taucher wieder an die Oberfläche zurückkehrt – oder nicht.