Samstag, 17. Oktober 2015

Bergwerk Schneeberg: Die Erz-Operation

Klingt komisch, ist aber so. Geht es nach einem kanadischen Investor soll das Bergwerk Schneeberg aktiv werden – nach über 30 Jahren Stillstand. Das Land ist skeptisch und prüft den Vorschlag. Dazwischen steht Johannes Bauer. Der Lagerstättengeologe aus Nordtirol ist als Berater bei den Verhandlungen tätig und findet: Das Ganze ist „zumindest überprüfenswert“.

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Südtirol Online: Herr Bauer, erklären Sie kurz: Wie ist der Stand der Dinge?

Johannes Bauer: Es ist noch die Abklärung mit den Stellen der Südtiroler Landesregierung erforderlich. Details kann ich zum jetzigen Zeitpunkt daher nicht nennen. Grundsätzlich kann man aber sagen: Buntmetalle, und da gehören Blei und Zink dazu, kosten seit Einstellung des mitteleuropäischen Bergbaus ungefähr das Fünf-, Sechsfache als damals. Dadurch gibt’s auch in Mitteleuropa – und da gehört der Schneeberg dazu – wieder eine wirtschaftliche Basis, um sich für diese Lagerstätten zu interessieren.

STOL: Wer genau hat Interesse?

Bauer: Ein kanadischer Partner. Kanadische Unternehmungen sind weltweit tätig. Auch die Bewertung von Lagerstätten erfolgt zum Teil nach kanadischen Gesetzen und Normen.

STOL: Wie kam’s zum ersten Kontakt?

Bauer: Ich bin vom Fach, bin selbst Konsulent für Mineralwirtschaft. Schon in der Ausbildung habe ich das Bergwerk Schneeberg gekannt, damals war es noch in Betrieb (der Betrieb wurde 1985 eingestellt; Anm.d.Red.). Dies ist jetzt mit ein Grund dafür, warum ich mich wieder dafür interessiere.

STOL: Wann wurde die Idee, das Bergwerk zu reaktivieren, geboren?

Bauer: Konkrete Überlegungen gibt’s seit 2014.

STOL: Wie genau schaut der Plan einer möglichen Reaktivierung aus?

Bauer: Vorausgesetzt man hat die zivilrechtlichen und behördlichen Bewilligungen, startet man mit einer Prospektion, damit man überhaupt in die Nähe von Erzvorräte kommt. Die werden dann durch eine Exploration nachgewiesen. Wenn ausreichend Erzvorräte vorhanden sind, braucht man wenigstens 15 Jahre Betrieb, um die doch erheblichen Investitionen wieder reinzukriegen.

STOL: Sie sprechen von „erheblichen Investitionen“. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das?

Bauer: Für die Exploration sicher zweistellige Millionenbeträge und für den Bergbau-Ausbau zwei- bis dreistellige Millionenbeträge. Beim Bergbau wird die Lagerstätte schrittweise abgebaut. Das heißt, Sie müssen nicht einmal investieren, sondern ständig.

STOL: In 15 Jahren könnte man die Kosten amortisiert haben.

Bauer: Ja. Wobei das nicht heißt, dass es nach 15 Jahren zu Ende sein muss. Die Erfahrung zeigt: Wenn’s die Lagerstätte hergibt und die Preise ihr heutiges Niveau einigermaßen halten, dann hat man für Jahrzehnte einen hochwertigen Industriebetrieb, der auch in die Umgebung ausstrahlt. Die gesamte Region profitiert: Da gibt’s Einkommen, einheimische Zulieferer, einheimische Arbeiter. Es ist ein langfristiges Impulsprogramm.

STOL: Wie viele Arbeitsplätze würden geschaffen?

Bauer: Ich schätze 50 bis 100.

STOL: Bergbau gilt derzeit nicht als besonders attraktiv, innovativ und umweltfreundlich. Was entgegnen Sie den Kritikern?

Bauer: Ich argumentiere sachlich. Fast vor Ihrer Haustüre befindet sich der größte Wolfram-Bergbau der westlichen Welt, nämlich in Mittersill in Salzburg, am Rand des Nationalparks. Den gibt‘s dort seit 40 Jahren – in Einklang mit der Gemeinde, den Bürgern und dem Naturschutz. Im Kurort Oberwiesenthal im Erzgebirge hat vor zwei Jahren ein Schwerspat-Bergwerk geöffnet. Das stört dort niemanden. Ein großer Teil des Betriebes – sowohl in Mittersill als auch in Oberwiesenthal – findet unter Tage statt.

STOL: Betrieb unter Tage ja, aber auch der Abtransport muss erfolgen. Was das Bergwerk Schneeberg anbelangt, dürfte wohl das Wipptal die Lastkraftwagen abkriegen.

Bauer: Die fahren doch nicht mit dem Erz durch Südtirol, das wird an Ort und Stelle aufbereitet. Der Abtransport würde nur geringe Mengen betreffen. Das sind ein paar Lkw am Tag.

STOL: Sie erwarten sich keinen Aufschrei von Touristikern und Umweltschützern?

Bauer: Die werden in den gesamten Prozess eingebunden. Wir starten keine isolierten Aktionen.

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STOL: Hat man mit den Gemeinden Ratschings und Moos gesprochen?

Bauer: Die Gemeinden sind dafür. In einer Gemeinde gibt’s sogar einen Gemeinderatsbeschluss, in dem erklärt wird, dass man dem Bergbau positiv gegenüberstehe, wenn die Interessen der Umwelt, der Bürger, der Gemeinden, der Natur gewahrt bleiben. Mein erster Kontakt waren die Gemeinden.

STOL: Zuerst die Gemeinden, dann das Land?

Bauer: Ich brauche doch nicht, mit dem Land reden, wenn die Gemeinden dem Projekt nicht positiv gegenüber stehen. Ich will niemanden ein Projekt aufzwingen.

STOL: Die Gemeinde Moos ist jene, die den Gemeinderatsbeschluss gefasst hat. Was ist mit Ratschings?

Bauer: Dort liegt eine positive Absichtserklärung vor. Im Prinzip sind weder Beschluss noch Absichtserklärung ein rechtlicher Vertrag. Alles ist vorbehaltlich des Bewilligungsverfahrens, das die Südtiroler Landesämter und -behörden führen.

STOL: Wie bewerten Sie die bisherigen Rückmeldungen von Seiten des Landes Südtirol?

Bauer: Es gibt sehr gute Gespräche mit dem Land. Aber das Ergebnis kann ich nicht vorwegnehmen.

STOL: Wie hoch stehen die Chancen, dass am Schneeberg wieder Erz gefördert wird?

Bauer: Das hängt von zwei Komponenten ab. Das eine ist die Politik: Stimmen die Behörden zu? Das andere das Naturpotenzial: Sind die Vorkommen so groß, dass man einen modernen Betrieb machen kann?

STOL: Beide Antworten auf diese Fragen stehen noch aus?

Bauer: Ich bin überzeugt, dass das Ganze überprüfenswert ist. Die Partner wollen vernünftige Projekte, kein leeres Gehäuse.

Interview: Petra Gasslitter 

stol