<BR /><BR /><b>Herr Landesrat, wohin geht man künftig in Bozen, wenn man ärztliche Hilfe braucht: zum Hausarzt, zum ärztlichen Bereitschaftsdienst, ins Ambulatorium für Grundversorgung in der Notaufnahme, in die Notaufnahme oder ins neue Gemeinschaftshaus?</b><BR /><BR /><BR />Dr. Hubert Messner: Bei lebensbedrohlichen oder sehr dringenden Problemen geht man weiterhin in die Notaufnahme, die aber keine Erste Hilfe ist. Das wird oft verwechselt. Bei Beschwerden, die nicht akut gesundheitsgefährdend sind, muss man grundsätzlich zuerst zum Hausarzt. Ist die Praxis geschlossen, kann man den Hausarzt auch außerhalb der Ordinationszeiten bis 20 Uhr kontaktieren. Ist er nicht erreichbar, wendet man sich künftig an die Gemeinschaftshäuser. Erreichbar sind sie über die neue Nummer 116117, die bald eingeführt wird. <BR /><BR />Michael Mayr: Der ärztliche Bereitschaftsdienst und der Dienst des Ambulatoriums für Grundversorgung in der Notaufnahme werden künftig dort angeboten.<BR /><BR /><BR /><b>Bevor man ins Gemeinschaftshaus geht, muss man bei nicht dringenden Beschwerden anrufen?</b><BR /><BR /><BR />Messner: Ja. Wer nach der Eröffnung des Gemeinschaftshauses in Bozen die Nummer 116117 wählt, wird von Ärztinnen und Ärzten beraten. Das kann eine telefonische Beratung sein – ähnlich wie beim Hausarzt – oder eine erste Abklärung der Beschwerden. Dabei wird auch entschieden, ob der Patient ins Gemeinschaftshaus kommen soll, sollte der Hausarzt außerhalb seiner Sprechzeiten sein. Kann der Patient nicht selbst ins Gemeinschaftshaus, gibt es eine mobile Einheit für Hausbesuche. Die Gemeinschaftshäuser übernehmen damit künftig die Betreuung außerhalb der Ordinationszeiten des Hausarztes.<BR /><BR /><BR /><b>Die Nummer verbindet mich direkt mit dem Gemeinschaftshaus?</b><BR /><BR /><BR />Messner: Korrekt. Die Nummer ist eine direkte Anlaufstelle für medizinische Beratung bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden. Man wird dort von Ärztinnen und Ärzten beraten und bei Bedarf an eines der beiden zuständigen Gemeinschaftshäuser weitergeleitet. Geht man anschließend hin, ist das Personal bereits informiert.<BR /><BR /><BR /><b>Warum wird es in Bozen zwei Gemeinschaftshäuser geben und wann öffnen sie?</b><BR /><BR /><BR />Messner: Der Staat gibt vor, dass es pro 25.000 bis 50.000 Einwohnern ein Gemeinschaftshaus geben muss. Deshalb sind in Bozen zwei vorgesehen: Das erste Gemeinschaftshaus im Gesundheitssprengel Gries-Quirein am Löw-Cadonna-Platz in der Amba-Alagi-Straße öffnet im Mai. Das zweite Gemeinschaftshaus ist derzeit auf dem Krankenhausareal im Bau und wird 2027 öffnen. Personen, die spontan in die Notaufnahme fahren, obwohl kein lebensbedrohliches Problem vorliegt, können so ins Gemeinschaftshaus ausweichen. Mit der Einführung der Gemeinschaftshäuser, unter anderem auch in Eppan, Leifers und Neumarkt, wird die Notaufnahme von nicht dringenden Fällen entlastet und soll nur medizinische Notfälle abdecken. Denn derzeit entfallen an Wochentagen zwischen 8 Uhr und 20 Uhr 50 bis 60 Prozent der Zugänge auf geringfügige Beschwerden.<BR /><BR /><BR /><b>Was unterscheidet die beiden Bozner Gemeinschaftshäuser?</b><BR /><BR /><BR />Messner: In Gemeinschaftshaus am Spital wird es im dritten Stock sogenannte Intermediärbetten geben. Akutpatienten, die noch besonderer Pflege oder therapeutischer Maßnahmen bedürfen, können vom Krankenhaus dorthin verlegt werden. Von dort können die Patienten über fünf wohnortnahe Einsatzzentralen, die heute schon funktionieren, dann den Hausarzt bzw. den Hauspflegedienst verständigen und ihn nach Hause bringen oder aber ins Wohnheim überstellt werden.<BR /><BR /><BR /><b>Wann haben die Gemeinschaftshäuser geöffnet?</b><BR /><BR /><BR />Messner: In Bozen an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr.<BR /><BR /><BR /><b>Der Dienst ist zweisprachig?</b><BR /><BR /><BR />Mayr: Jeder öffentliche Dienst muss zweisprachig angeboten werden. <BR /><BR /><BR /><b>Was, wenn nur ein Arzt, der nicht zweisprachig ist, im Einsatz ist?</b><BR /><BR /><BR />Mayr: Der Dienst muss zweisprachig sein, damit die Menschen in ihrer Muttersprache sprechen können. Wenn ein Arzt oder eine Ärztin die zweite Sprache nicht spricht, kann das zum Beispiel über das Pflegepersonal abgedeckt werden. <BR /><BR /><BR /><b>Welche Ärzte werden in den Gemeinschaftshäusern eingesetzt?</b><BR /><BR /><BR />Mayr: Der Dienst soll in erster Linie über Hausärzte abgedeckt werden, die sich dazu bereit erklären. Wenn für bestimmte Zeiten keine Allgemeinmediziner verfügbar sind, wird der Sanitätsbetrieb für den Dienst andere Ärzte einsetzen.<BR /><BR /><BR />Messner: Neben den Allgemeinmedizinern gibt es in den Gemeinschaftshäusern auch Fachärzte für chronische Erkrankungen mit einem Betreuungspfad.<BR /><BR /><BR /><b>Betreuungspfad bedeutet?</b><BR /><BR /><BR />Messner: Ein Betreuungspfad legt in einem genauen Ablauf fest, wie eine bestimmte chronische Erkrankung wann und wo behandelt wird. Grundsätzlich werden die Patienten vom Hausarzt betreut, der als Ausgangspunkt dient. Bestimmte Untersuchungen werden künftig jedoch von Fachärzten in den Gemeinschaftshäusern durchgeführt, um die Patienten möglichst vom Krankenhaus entkoppeln. Über den sogenannten Betreuungspfad gibt es eine gezielte Betreuung von chronisch erkrankten Patienten, zum Beispiel bei Diabetes, chronischen Lungenerkrankungen, Rheuma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Südtirol haben 31 Prozent der Bevölkerung chronische Erkrankungen, bei den Über-65-Jährigen sind es sogar 78 Prozent.<BR /><BR /><BR />Mayr: Heute muss sich ein Patient mit einer chronischen Erkrankung oft selbst um seine Termine kümmern. Er rotiert um die verschiedenen Dienste herum. Der Betreuungspfad ändert das: Die Dienste rotieren um den Patienten, nicht umgekehrt. Im Gemeinschaftshaus werden die regelmäßigen Untersuchungen gebündelt. Der Patient bekommt einen Termin, bei dem alle Visiten stattfinden, die er zu diesem Zeitpunkt für sein Krankheitsbild braucht. <BR /><BR /><BR /><b>Wie viele Ärzte werden in den zwei Gemeinschaftshäusern arbeiten?</b><BR /><BR /><BR />Mayr: Im Ambulatorium für kleinere Dringlichkeiten wird immer ein Arzt anwesend sein, auch wenn die mobile Einheit zu einem Hausbesuch fährt. Für Patienten mit chronischen Erkrankungen werden die Fachärzte je nach Bedarf und nach Termin eingesetzt. Ein Facharzt, der zu einem Betreuungspfad gehört, wird also nicht rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche vor Ort sein, sondern nur an bestimmten Tagen, je nach Bedarf der Patienten mit chronischen Erkrankungen.<BR /><BR /><BR /><b>Sie verhandeln derzeit mit den Hausärzten, die in den Gemeinschaftshäusern arbeiten sollen. Was ist der Stand der Dinge?</b><BR /><BR /><BR />Messner: Die Verhandlungen laufen. Ein Ergebnis gibt es noch nicht. <BR /><BR /><BR /><b>Im Gemeinschaftshaus arbeitet auch Pflegepersonal, das ohnehin knapp ist. Reicht das Personal für diesen neuen Dienst aus, oder muss es aus anderen Diensten abgezogen werden?</b><BR /><BR /><BR />Messner: In vielen Sprengeln steht bereits Personal zur Verfügung. Dieses verschwindet ja nicht, sondern bleibt entweder bestehen oder wird, wie etwa in Leifers, von einer bestehenden Struktur in das Gemeinschaftshaus verlegt. Dort wird es sowohl Krankenpfleger als auch Sozialbetreuer geben, die zusammenarbeiten, um Ressourcen effizient zu nutzen. Zusätzlich werden für die Gemeinschaftshäuser neue Stellen ausgeschrieben. Neben Pflegekräften gibt es dort auch Sozialbetreuer und die Hauskrankenpflege, deren Personal ebenfalls aufgestockt wird. <BR /><BR /><BR />Mayr: Grundsätzlich reden wir von einer Verlagerung von Tätigkeiten, die derzeit im Krankenhaus stattfinden, auf die Gemeinschaftshäuser, um das Spital mittelfristig zu entlasten. <BR /><BR /><BR /><b>Was passiert, wenn ein Patient nach der Einführung der Gemeinschaftshäuser in die Notaufnahme kommt, obwohl es kein Notfall ist?</b><BR /><BR /><BR />Messner: Zuerst müssen wir die Menschen informieren und sensibilisieren. Sobald das neue System funktioniert, wird für solche Fälle ein Ticket eingeführt – ähnlich dem blauen Kodex für nicht dringliche Fälle, wie es ihn heute bereits gibt. Aber zu Ihrer Frage: Ein solcher Patient würde an das Gemeinschaftshaus auf dem Krankenhausareal verwiesen. Kommt er dem nicht nach, muss er das Ticket bezahlen. Im Gemeinschaftshaus ist die Behandlung kostenlos. <BR /><BR /><BR />Mayr: Für einen solchen Patienten ist die Lösung künftig sehr einfach. Wenn die Praxis des Hausarztes offen ist, ruft er dort an. Außerhalb der Ordinationszeiten ruft er die Nummer 116117 an und wird vom Gemeinschaftshaus beraten, das ihm erklärt, wohin er gehen muss. Diese Nummer wird nach und nach eingeführt. <BR /><BR /><BR /><b>In Bozen sind derzeit von 70 Hausarztstellen 57 besetzt, 13 sind nicht besetzt. Ärztekammerpräsidentin Astrid Marsoner betont, dass die Hausärzte ohnehin schon unterbesetzt sind und eine zusätzliche Arbeit in den Gemeinschaftshäusern nicht sehr attraktiv ist.</b><BR /><BR /><BR />Messner: Ich weiß nicht, ob die Zahlen stimmen. Ein Hausarzt betreut maximal 1500 Patienten, das sind mehr als im italienischen Durchschnitt.<BR /><BR /><BR />Mayr: Die staatlichen Vorgaben sehen vor, dass mehr Stellen ausgeschrieben werden müssen – im Verhältnis von einer Hausarztstelle pro 1200 Personen. Daraus ergibt sich die Differenz. Ich betone, dass es in Bozen keinen Patienten ohne Hausarzt gibt. Vor zehn Jahren betreuten einzelne Hausärzte noch bis zu 2500 Patienten. Zudem müssen die Hausärzte in Bozen die Betreuungskontinuität nicht übernehmen. Deshalb ist die Lage weniger dramatisch, als die Zahlen vermuten lassen, und es gibt durchaus Spielräume für Hausärzte. <BR /><BR /><BR />Messner: Das Ambulatorium in der Notaufnahme hat genügend Ärzte und dieser Dienst wird wie gesagt in das Gemeinschaftshaus am Löw-Cadonna-Platz verlegt. Das gilt auch für den ärztlichen Bereitschaftsdienst, den es bereits seit Langem gibt. Das erste Gemeinschaftshaus bedeutet für die Hausärzte also keinen Mehraufwand. Ein anderes Thema ist das zweite Gemeinschaftshaus in Bozen, das 2027 eröffnet.<BR /><BR /><BR /><b>Die Gewerkschaften sagen, dass es im Ambulatorium in der Notaufnahme genügend Ärzte gibt, da dort besser bezahlt wird als beim ärztlichen Bereitschaftsdienst.</b><BR /><BR /><BR />Mayr: Im Ambulatorium in der Notaufnahme bekommt ein Arzt 65 Euro pro Stunde, im ärztlichen Bereitschaftsdienst 28 Euro und trotzdem gibt es auch dort genügend Ärzte.<BR /><BR /><BR /><b>Ärztekammerpräsidentin Dr. Marsoner kritisiert, dass in den Gemeinschaftshäusern auch Ärzte in Ausbildung zum Einsatz kommen.</b><BR /><BR /><BR />Messner: Ärzte in Ausbildung können, müssen aber nicht. Das ist mit der Akademie, die die Claudiana-Studenten ausbildet, noch zu klären. Wichtig sind die Qualitätssicherung und die Struktur der Ausbildung sowie die Tutorinnen und Tutoren. Ob es für jedes Gemeinschaftshaus einen Tutor gibt, ist Teil der laufenden Verhandlungen mit den Hausärzten.<BR /><BR /><BR />Mayr: Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung haben die Möglichkeit, bereits während der Ausbildung ein Hausarztambulatorium zu eröffnen und bis zu 500 Patienten zu übernehmen. Das sehen die gesamtstaatlichen Richtlinien so vor. Sie haben auch die Möglichkeit, auf Stundenbasis in den Gemeinschaftshäusern zu arbeiten – darüber entscheiden sie selbst. Wenn man ihnen zutraut, eigenständig in ihren Hausarztambulatorien zu arbeiten, kann man ihnen das auch im Gemeinschaftshaus zutrauen, wo sie mit Pflegepersonal und Fachärzten zusammenarbeiten.<BR /><BR /><BR /><b>Überspitzt formuliert könnte man sich fragen, ob ein Patient in einem Gemeinschaftshaus bei Ärzten in Ausbildung ein „Versuchskaninchen“ ist?</b><BR /><BR /><BR />Mayr: Überhaupt nicht. Ein Arzt in Ausbildung betreut bis zu 500 Patienten. Sind sie deshalb „Versuchskaninchen“? Nein.<BR />Messner: Ein Arzt in Ausbildung hat ein abgeschlossenes Studium und ist damit bereits Arzt. Er kann grundsätzlich auch privat arbeiten. Die Ausbildung umfasst einen theoretischen und einen praktischen Teil: Für angehende Fachärzte findet sie im Krankenhaus statt, für Allgemeinmediziner beim Hausarzt oder – mit einem Tutor – im Gemeinschaftshaus. Dort arbeitet er unter Supervision am Patienten.<BR /><BR /><BR /><b>Sind die Gemeinschaftshäuser die Antwort für die Probleme der Gesundheitsversorgung?</b><BR /><BR /><BR />Messner: In Südtirol sind wir seit vielen Jahren sehr auf die Akutversorgung, auf das Krankenhaus ausgelegt. Deshalb müssen wir die Krankenhäuser entlasten und versuchen, die wohnortnahe Versorgung aufzubauen, um das gesamte System für die Zukunft aufrecht zu erhalten. Ich bin vom Konzept Gemeinschaftshaus vollkommen überzeugt. Ich denke, dass das die Zukunft der Gesundheitsversorgung ist. <BR /><BR /><BR />Mayr: Die Entwicklung hin zum Gemeinschaftshaus findet in vielen Ländern weltweit statt. In den skandinavischen Ländern ist das bereits Standard, andere Staaten, auch Österreich, folgen diesem Beispiel. Die teuerste Versorgung ist die Krankenhausversorgung. Die Menschen sollen so weit wie möglich präventiv – deshalb die Betreuung für chronische Erkrankungen – und außerhalb des Krankenhauses betreut werden. Die Polyambulatorien sind heute im Krankenhaus untergebracht, weil das so Tradition war, gehören dort aber als Struktur der wohnortnahmen Versorgung nicht hin.