Donnerstag, 24. Januar 2019

Bildungsarmut in Südtirol: Ein verstecktes Leid

Der heutige 24. Januar steht ganz im Zeichen des Menschenrechtes auf Bildung: Sie ist für viele Kinder der Schlüssel dafür, der Armut zu entkommen. Dennoch – immer noch haben 265 Millionen Kinder und Jugendliche keine Möglichkeit, die Schule zu besuchen oder abzuschließen. Doch Bildungsarmut gibt es auch in Südtirol.

Jedes sechste Kind ist in Südtirol von Armut betroffen.
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Jedes sechste Kind ist in Südtirol von Armut betroffen. - Foto: © shutterstock

Die Chancengerechtigkeit der Bildungssysteme muss weltweit verbessert werden – das fordern die Vereinten Nationen. Immerhin können 265 Millionen Kinder keine Schule besuchen, beziehungsweise abschließen. 617 Millionen können weder lesen noch schreiben.

Mit der Verabschiedung der Globalen Nachhaltigkeitsagenda hat die Weltgemeinschaft sich verpflichtet, bis 2030 für alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sicherzustellen. Um darauf aufmerksam zu machen, wurde der 24. Januar zum Welttag der Bildung erklärt.

Auch in Südtirol kein seltenes Phänomen

Doch was vielleicht nach weit entfernten Problemen klingt, ist oft näher, als man glaubt. Denn jedes sechste Kind in Südtirol ist arm. Selten sieht man es den Betroffenen an, die Kinder und Jugendlichen leiden im Stillen. Armut in Südtirol hat viele Gesichter: Arm ist jener Junge, der nur kaltes Wasser hat, um sich zu waschen und um dessen warme Mahlzeiten sich niemand kümmert. Arm ist jenes Mädchen, das keine Geburtstagseinladungen annehmen kann, weil das Geld für ein Geschenk fehlt. Arm sind jene Kinder, die keinen Platz zum Hausaufgabenmachen haben, die weder ins Kino, noch in ein Museum oder in den Sportverein gehen können, die nie ein Kleidungsstück bekommen, das sie sich wünschen. Arm sind jene Jugendlichen, die mangelhaft ernährt, übergewichtig und motorisch unterentwickelt sind und deren Zähne nicht kontrolliert werden.

Oft sei Einkommensarmut mit einer unzureichenden schulischen und beruflichen Qualifikation verbunden. Auch gesundheitliche Probleme kämen oft dazu. Die daheim erlernten Verhaltensweisen würden den Anforderungen des Arbeitsmarktes häufig nicht entsprechen, sagt Paula Maria Ladstätter.

Armut isoliert und schließt aus 

Arme Familien leben häufig isoliert. Die Folgen sind vernichtend: Wer in Armut aufwächst, ist meist schlechter in die Gesellschaft integriert. Paula Maria Ladstätter erfährt es bei der Arbeit täglich: „Diesen jungen Menschen fehlt das Selbstwertgefühl“, sagt sie. Jugendliche Unbeschwertheit sei nicht gegeben, wenn sich im Leben ständig alles ums Überleben drehe. „Aussicht auf Erfolg ist da nicht gegeben", sagt sie. Das münde oft in Depression, Suchtverhalten oder Gewalt.

Bildungs- und Einkommensarmut werden häufig vererbt. Die Schule spielt im Leben junger Menschen eine bedeutende Rolle: Von Anfang an werden Leistungserfolg und Leistungsversagen definiert. „Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche haben bereits beim Eintritt in das Bildungssystem ungleiche Bedingungen“, erklärt Südtirols Kinder- und Jugendanwältin Paula Maria Ladstätter. Auch die Schulabbrecherquote steige mit der finanziellen Armut.

16 Prozent der Familien leben in Armut 

Vor einem Jahr hat eine Studie des Arbeitsförderungsinstituts AFI, der Michael-Gaismair-Gesellschaft und des Sozialforschungsinstitutes Apollis aufgeschreckt: 16 Prozent der Familien in Südtirol leben an der Armutsgrenze (Erhebungsjahr 2015). Jedes 6. Mädchen und jeder 6. Junge in Südtirol ist also von Armut betroffen. Diesen Familien steht weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens gleich großer Südtiroler Haushalte zur Verfügung.

Die Kinder- und Jugendanwältin Paula Maria Ladstätter spricht darüber im Beitrag der Sendung „Südtirol Heute“.

stol/ape

stol