Montag, 29. Juni 2020

Bischof Muser: „Unser Sonntag: Kein Tag wie jeder andere“

Ab dem kommenden Sonntag, 5. Juli, dürfen die Geschäfte in Südtirol an Sonn- und Feiertagen wieder geöffnet halten. Dazu bezieht Diözesanbischof Ivo Muser Stellung.

Bischof Ivo Muser spricht sich gegen die Sonntags- und Feiertagsöffnungen aus.
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Bischof Ivo Muser spricht sich gegen die Sonntags- und Feiertagsöffnungen aus. - Foto: © Thomas Ohnewein
„Durch den öffentlichen Schutz unserer Sonn- und Feiertage gewinnen und verdienen wir letztlich alle. Wir Menschen brauchen mehr als Konsum, klingende Kassen, Hektik und pausenlose Betriebsamkeit. Offene Geschäfte an Sonn- und Feiertagen werden sicher geschlossen, wenn sie nicht in Anspruch genommen werden“, ist Bischof Muser überzeugt.

Die Stellungnahme des Bischofs endet mit einem Appell an die Politik: „Ich bitte jene, die politische Verantwortung in Südtirol tragen, dass sie sich mit Nachdruck einsetzen für den Schutz unserer Sonn- und Feiertage und für eine neue gesetzliche Regelung.“

Die Stellungnahme von Diözesanbischof Ivo Muser im Wortlaut

Am Sonntag, 5. Juli 2020, ist es wieder soweit. Leider! Geschäfte dürfen auch in Südtirol an Sonn- und Feiertagen wieder öffnen.
Schon oft habe ich für den Schutz unserer Sonntags- und Feiertagskultur geworben. War es umsonst? Trotzdem werde ich nicht müde, für dieses Anliegen meine Stimme zu erheben – weil es um den Menschen geht und weil das Gemeinwohl viele Stimmen braucht.

Wir brauchen mehr als Konsum und Profit

Wir dürfen keine Sklaven der Arbeit und des Konsums sein. Wir dürfen uns nicht vom Konsumieren her definieren. Die Mentalität des „immer Mehr“ macht abhängig und krank. Sonn- und Feiertage sind ein hohes Menschheitsgut!

Menschen, die nicht mehr feiern können, die nicht mehr abschalten und innehalten können, die nicht mehr imstande sind, das Sein vor das Tun und vor das Haben zu stellen, nehmen Schaden an ihrer Seele. Wir brauchen den Sonntag und unsere Festtage mit ihren sozialen, familiären, kulturellen und religiösen Chancen!

Wir Menschen brauchen mehr als Konsum, klingende Kassen, Hektik und pausenlose Betriebsamkeit. Alle Zeiten dem Profit und dem Konsum zu unterwerfen, das ist die Untergrabung von menschlichen, religiösen, sozialen Möglichkeiten. Es besteht heute die große Gefahr, dass Menschen von allem den Preis kennen, aber nicht mehr den Wert, um es mit Oscar Wilde zu sagen. Wie wichtig wäre es, weniger über Preise zu reden und uns wieder mehr auf verbindende und verbindliche Werte zu einigen. Wenn das Streben nach dem Immer-mehr-haben im Vordergrund steht, gibt es in unserer Gesellschaft nur mehr Gewinner und Verlierer und damit weniger Solidarität und viel Neid.

Wir brauchen mehr als individuelle, private Freizeit. Durch den öffentlichen Schutz unserer Sonn- und Feiertage gewinnen und verdienen wir letztlich alle.

Der Sonntag braucht heute bewusste Entscheidungen, oft sogar ein Schwimmen gegen den Strom. Es braucht die Entschiedenheit und die Zivilcourage von uns allen! Offene Geschäfte an Sonn- und Feiertagen werden sicher geschlossen, wenn sie nicht in Anspruch genommen werden.


Notwendige und nicht notwendige Arbeiten

Auch an Sonn- und Feiertagen müssen Menschen arbeiten: Im sozialen und karitativen Bereich, in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, in der öffentlichen Sicherheit, aber auch im Tourismus und in den vielen Formen der Dienstleistung. Ich bitte aber darum, wieder mehr zu unterscheiden zwischen notwendigen und nicht notwendigen Arbeiten an unseren Sonn- und Feiertagen. Das gilt auch für die Landwirtschaft. Es macht sehr nachdenklich, wenn auch in der Landwirtschaft oft der Sonntag zu einem Werktag verkommt.

Gesetzliche Regelungen sind wichtig und sie machen deutlich, wo wir gesellschaftlich stehen und von welchen Werten wir uns leiten lassen. Noch wichtiger sind Überzeugungen und das konkrete Verhalten, das sich aus der eigenen Überzeugung ergibt.

Das Geschenk des christlichen Sonntags

Der christliche Sonntag ist eine heilsame, eine geradezu therapeutische Unterbrechung. Er will uns an die Leichtigkeit und Gelassenheit derer erinnern, die sich von Gott angenommen wissen. Diese von Gott geschenkte Freiheit zum Leben ist für Christen „Thema Nummer 1“. Wir können und brauchen uns nicht selbst zu legitimieren.

Das hat Gott schon längst getan durch seinen auferstandenen Sohn Jesus Christus. Dafür steht der Sonntag! Er ist sein Tag – und damit der Tag, der uns Menschen gehört und der uns gut tut.
Alle Zeiten dem Profit und dem Konsum zu unterwerfen tut uns Menschen wirklich nicht gut! Deshalb meine Bitte: Halten wir den Sonntag – damit der Sonntag unserem Leben und Zusammenleben Halt gibt!

Dank und Bitte

Ich danke allen Verbänden, Organisationen und Gruppen die sich für den Schutz des Sonntags und der Feiertage einsetzen. Es ist ein Anliegen, das nicht nur die christliche Gemeinschaft, sondern die ganze Gesellschaft betrifft. Ich danke allen, die dafür ihre Stimme erheben und auch konkrete Zeichen setzen.

Ich bitte jene, die politische Verantwortung in Südtirol tragen, dass sie sich mit Nachdruck einsetzen für den Schutz unserer Sonn- und Feiertage und für eine neue gesetzliche Regelung.

stol

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