Weshalb er sich zu diesem drastischen Schritt gezwungen sah und dass seine Geschichte beileibe kein Einzelfall ist, zeigt dieser Bericht auf. <BR /><BR />Zupackende Hände, fester Blick und eine pragmatische Art – Josef Wolcan verkörpert den Inbegriff des bodenständigen, traditionellen Metzgers. Klar, die vielen Berufsjahre prägen, das körperbetonte Metier hinterlässt unweigerlich Spuren. Mit großem Arbeitseifer hat er seine Tätigkeit vorangetrieben, den Traditionsbetrieb neben der Pfarrkirche in Blumau über viele Jahre mit seiner Mutter und seiner Partnerin geführt. Mit Jahresende aber hat er ein letztes Mal die Fleischtheke geputzt, die Rollos heruntergezogen und den Laden dichtgemacht. Für immer.<BR />„Natürlich tut es weh, den Betrieb zusperren zu müssen, aber uns war es nicht mehr möglich, kostendeckend zu arbeiten“, nennt er das Kind beim Namen. Die betriebswirtschaftliche Kalkulation spricht eine schonungslose Sprache: der Strom, die Lagerung, die Maschinen, die Produkte sowieso – alles sei teurer geworden. <BR /><BR /><b>Die Regel war die 90-Stunden-Woche</b><BR /><BR />Man könne nicht mehr mithalten. Dazu die vielen Bestimmungen und bürokratischen Auflagen, die Zeit und Energie kosten und einem die Arbeit erschweren. Und Wolcan ist keiner, der sich vor der Arbeit scheut, im Gegenteil: „Im Regelfall habe ich 90 Stunden in der Woche gemacht, weil ich es gewohnt war, sieben Tage in der Woche zu arbeiten.“ Neben seiner Tätigkeit im Betrieb, wo ihm noch seine Mutter und seine Freundin unterstützt haben, führte er am Sonntag auch noch Viehtransporte durch – lange Zeit zum Schlachthof in Kastelruth, letzthin nach Bozen. <BR />Mehr als 20 Jahre führte er die an der stark befahrenen Hauptstraße gelegene Metzgerei, durch den Tod seines Vaters Erwin musste er schon mit Mitte 20 den Betrieb übernehmen. <BR /><BR /><b>Gründung anno 1894 durch Ururgroßvater Josef</b><BR /><BR /><BR />In seine Zeit fiel dann auch das bemerkenswerte Jubiläum: Im Jahr 2019 wurde das 125-jährige Jubiläum gefeiert, an die bemerkenswerte Geschichte erinnern Plaketten, alte Fotos sowie eine Auszeichnung der Handelskammer. Josefs Ururgroßvater, der ebenfalls Josef hieß, aber mit Nachnamen Lobis, hatte den Betrieb 1894 gegründet, die jüngste seiner drei Töchter heiratete David Wolcan, der die Tätigkeit fortsetzte. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1272192_image" /></div> <BR />Bereits als Schulbub half indessen Josef Wolcan – seines Zeichens die fünfte Generation – im elterlichen Betrieb aus, seine Lehre absolvierte er in Völs bei Hubert Pramstrahler, ehe er den Meister in der Despar-Zentrale in Bozen erwarb. „Unser Fleisch haben wir von den umliegenden Bauern bezogen, in all den Jahren entwickelte sich ein wertvolles Vertrauensverhältnis“, beteuert er und fügt hinzu, dass es ihm auch an Kunden nie gemangelt hat. Zur Stammklientel zählten Einheimische genauso wie Gäste, beliefert wurden sehr wohl auch Restaurants, Gastbetriebe sowie Kindergärten der Umgebung. „Prinzipiell lässt sich sagen, dass man früher einfach mehr verdient hat, weil, wie gesagt, die Kosten niedriger waren“, sagt er etwas ratlos.<BR /><BR /><b>Schleichender Rückgang der Metzgerbetriebe</b><BR /><BR />Seine persönliche Geschichte ist beileibe kein Einzelfall. Der Blick in die Statistik offenbart eine rückläufige Tendenz der Metzgerbetriebe in Südtirol: Im Jahr 2012 wurden hierzulande laut Handelskammer noch 172 Metzgereien gezählt, im Jahr 2024 waren es nur mehr deren 140. Die tatsächliche Anzahl dürfte noch niedriger sein, weil man in dieser Auflistung auch Speckselcher und Erzeuger berücksichtigt. Dieses Traditionshandwerk ist verstärkt unter Druck geraten. Ursachen gibt es mehrere, sie reichen von den großen Fleischtheken in den Supermärkten über Imagefragen bis hin zu sich wandelnden Essgewohnheiten. Und dann ist da noch der fehlende Nachwuchs, der sich kaum noch für das Auslösen, Selchen oder Wursten begeistern kann. <BR /><BR /><b>Neue Anforderungen für das Berufsbild</b><BR /><BR />Sehr wohl gibt es aber auch Vertreter der Zunft, die mit frischen und teils unkonventionellen Ideen zeigen, dass der Metzgerberuf sehr wohl eine Zukunft hat (siehe Interview anbei). Außerdem macht sich vielerorts auch die Bevölkerung für die Nahversorgung stark. Ein erwähnenswertes Beispiel ist Latsch: Seit etwa vier Jahren gibt es im Vinschger Ort mit immerhin 5.200 Einwohnern keine Metzgerei mehr, nun deutet alles auf die Eröffnung einer neuartigen Selbstbedienungsmetzgerei hin. Der Zutritt zum Laden, der Einkauf und die Bezahlung sollen per App und Smartphone erfolgen, die Fleisch- und Wurstwaren sind vakuumverpackt. Eine Umfrage im Dorf, ob man denn so eine „App“-Metzgerei überhaupt haben wolle, förderte ein deutliches „Ja“ zutage. Nun liegt der Ball beim Betreiber.<BR /><BR />Ein neuer Lebensabschnitt bricht indessen für Josef Wolcan an. „Ich werde beim Schlachthof in Bozen anheuern, sobald die Umbauarbeiten fertig sind“, lässt er wissen. Seine Partnerin dagegen hat eine Stelle als Sozialbetreuerin angenommen. Zurück bleibt indessen eine Leere im Dorf und in der Dorfgemeinschaft von Blumau.