Das Verhalten von Ewald Kühbacher trägt laut Pycha alle Kennzeichen einer so genannten Amoktat, „eines Kampfes- und Tötungsrauschs, der zum großen Glück nach tragischem Beginn nicht ganz zielgerichtet war“. <BR /><BR />„Eine Amoktat ist das mehrfache (auch nur versuchte) Töten von Menschen, die zufällig in den Bannkreis des Täters geraten. Er selbst entwickelt dabei einen Tötungs- oder Kampfrausch, sein Bewusstsein ist eingeengt auf die Verwendung seiner Waffen gegen einen vermeintlichen Feind, den er um jeden Preis nicht immer ganz gezielt bis zur völligen Erschöpfung bekämpft“, erklärt Dr. Pycha.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1064010_image" /></div> <BR /><BR />„Zuletzt ergibt er sich manchmal, vereinzelt auch ohne sich an seinen begangenen Gräueltaten zu erinnern. Oft aber richtet er die aufgestaute Aggression gegen sich selbst, und nimmt sich mit der eigenen Waffe in aussichtsloser Situation das Leben, oder versucht den Suizid.“ Vermutlich geschehe das im Moment eines verzweifelten Zusammenbruchs im Kampf oder in dem Augenblick, in dem der Täter aus der abgespalteten Zweitwirklichkeit in die Realität zurückgleitet und zu erkennen beginnt, was er angerichtet hat, so Pycha.<BR /><BR />„Amoktaten sind extrem selten. Sie betreffen meist jüngere Männer, die sozial sehr zurückgezogen leben, selbstunsicher wirken und narzisstisch hochgradig verletzlich sind“, weiß der Psychiater.<h3> „Späte Rache kann ein wichtiges Motiv sein“</h3> „Aggressionen werden meist nicht aktiv gezeigt oder im Sport abgeführt, sondern in passiver Weise gestaut. Das erhöht den Druck der Kränkung und kann dennoch von außen kaum wahrgenommen werden. Mehrfach kehrten Ex-Schüler an ihre Schulen zurück, wo sie vermeintliche schwere Zurücksetzung erlebt hatten, und richteten dort ein Blutbad an. Späte Rache kann ein wichtiges Motiv sein“, erklärt Pycha.<BR /><BR /> Laut dem Suizidforscher Armin Schmidtke aus Deutschland hätten rund 10 Prozent aller Amokläufe einen terroristischen Hintergrund. „Man will dabei geplant Schrecken verbreiten und ahmt deshalb den Tötungsrausch nach“, so Pycha. „Eventuell vereinigt ein Selbstmordattentat sogar beides, den Blutrausch und das eigene Ende.“<BR /><BR />Wer dem bewusstseinseingeengten Täter sehr nahe kommt, habe meistens keine Chance. „Er wird nicht als Helfer, sondern als unerbittlicher Feind erkannt, auch wenn er Gutes tun will. Das galt für die unglückliche grundgütige Frau Jud genauso wie für Feuerwehr und andere Einsatzkräfte“, so Pycha. „Das soll uns in Zukunft nicht abhalten, zu helfen. Das soll das ausgezeichnete Südtiroler Volontariat nicht in Frage stellen, sondern ihm in manchen Fällen Vorsicht zur Seite stellen. Als Helfer achte ich immer auch auf mich selbst, so gut ich eben kann. Außerordentlich selten gibt es tödliche Irrtümer wie den vorliegenden. Öfter aber gibt es aggressive Reaktionen auf das Helfen wollen. Mitarbeiter der Psychiatrien, an der Ersten Hilfe, an Geriatrien und in Pflegeheimen wissen das genau.“<h3>Tragischer Auslöser</h3>Was die Verkettung in Innichen so tragisch mache, sei laut Pycha wohl der Auslöser. „Ein zunehmend pflegebedürftiger Vater, und ein zunehmend davon überforderter Sohn. Der, typisch männlich, nicht laut um Hilfe schreit, nicht zu delegieren gelernt hat, nicht Freunde und Bekannte um Rat und Beistand fragt. Sondern irgendwann, vielleicht im Streit und nach mehrfachem Erwägen dieser extremen Lösung, das in die Tat umsetzt, was er beruflich als Wachmann kann und darf: Den Umgang mit Waffen“, ist Pycha überzeugt. <BR /><BR />„Er hätte vieles Anderes tun können, aber das ist jetzt müßig. In die Zukunft gedacht, sind wir alle gut beraten, Fürsorgeleistung für Ältere genauso zu üben wie für unsere Kinder“, so der Psychiater abschließend.