Südtirol Online: Herr Podrecca, Sie stehen heute vor dem Bozner Bahnhof und blicken in die Zukunft, auf Ihr realisiertes Projekt. Was sehen Sie?Boris Podrecca: Einen großen, abgeschlossenen städtischen Boulevard. Heute blicke ich auf graue Mauern sobald ich aus dem Bozner Bahnhof trete und nach rechts schaue. In zwanzig Jahren, sofern unser Projekt realisiert wird, stehen am selben Ort – bis zur Rittner Seilbahn und weiter – schöne Wohn- und Bürobauten inklusive Grünflächen. Und das alles ohne städtischen Verkehr. STOL: Sie belassen den Bozner Bahnhof an seiner Stelle, die Gleise wandern zum Eisackufer. Warum?Podrecca: Wir wollten den Boznern nicht das alte Bahnhofsgelände entreißen. Jeder Bozner, bewusst oder unbewusst, identifiziert sich mit diesem Ort. Allerdings: Der Bahnhof trägt die Aura einer Ideologie, die heute keiner mehr mag. Um aber eine Zäsur zu vermeiden und das alte Gebäude für die Bozner zu erhalten, haben wir beschlossen, dieses umzufunktionieren – in ein Informationszentrum, inklusive Ticketschalter und Cafeteria.STOL: Sie haben sich mit Ihrem Projekt gegen Stararchitekten wie Libeskind, Zucchi oder van Berkel durchgesetzt. Was hat Ihrer Meinung nach den Ausschlag gegeben? Podrecca: Das Fehlen von Augenschmaus, von Spektakel. Wir wollten keinen karamellierten Masterplan machen, von dem man ölige Finger bekommt, wenn man etwas eintaucht. Der Masterplan ist ein Rahmenplan. Erst die Architektur, die sich in diesen einfügt, vervollständigt das Ganze. So ein Projekt wird nicht in zwei Jahren realisiert, sondern in zwanzig oder dreißig, denn Geld ist – offen gesagt – nicht viel vorhanden. Der Masterplan muss also Elastizität beweisen. Über diese verfügen, um sicherzugehen, dass keine Bauetappe zum Invaliden eines probablen urbanistischen Finishs wird. Jedes Stück muss eine abgeschlossene Einheit darstellen. Und genau diese Elastizität haben wir ermöglicht. Ästhetik und Augenschmaus passen mit der Realität nicht immer zusammen. In Urbanistik-Fragen braucht es Realisten. STOL: Setzen wir die Rundreise fort: Der alte Bahnhof bleibt bestehen, die Gleise wandern in Richtung Eisackufer. Podrecca: Wir haben die Schienenharfe verlegt, d. h. die Bahngleise von morgen bewegen sich auf Höhe des bestehenden Bahnhofes in einer Rechtskurve Richtung Eisackufer. Diese leichte Kurve stellt für einen modernen Bahnhof kein Problem dar. Im Gegenteil, man spart dadurch u. a. an Länge. Der Gedanke dahinter: Wir wollten mittels Verlegung der Gleise und durch den städtischen Boulevard Bozen ein Shake-Hand zwischen der alten und der neuen Stadt ermöglichen - diese zwei Teile zu einem Zusammenwachsen zwingen, um eine Zäsur zu verhindern. Dadurch entsteht eine erweiterte Temporalität in der Architektur des Bozner Bahnhofes: Jeder Reisende, jeder Besucher kann parallel mehrere Zeiten ablesen. STOL: Betreten wir den Bozner Bahnhof: Was erwartet den Reisenden? Podrecca: Er gelangt über eine Treppe in ein Untergeschoss zu den Gleisen. Darüber erhebt sich die gläserne EFTE-Membranen-Bahnhofsüberdachung. Sie ist in ihrer Wellenform dem Bergzug der Dolomiten angepasst. Es findet sozusagen ein Transfer der Landschaft in die Muskulatur des Daches statt. Das Dach ist ein Maßanzug für Bozen, seine Form unterliegt der urbanen Morphologie, die spezifisch ist für den Ort. Darunter befindet sich eine Plaza. STOL: Geht es nach Ihnen, soll der Bahnhof zu einem „pulsierendes Herzstück“ werden. Podrecca: Eine andere Welt, in der man neben dem herkömmlichen Bahnhof auf ein Einkaufszentrum, Restaurants und Kaffeehäuser trifft. Aber auch auf eine Art Campus - ein geballter Bildungsraum mit Schulen und Ausbildungsstätten schwebt mir vor. In unser Projekt haben wir außerdem eine Kunsthalle eingeplant, die Gästen und Einheimischen Kunsterlebnisse der besonderen Art bieten soll. Und: Bozen muss mehr für seine Jugend tun. Das fällt mir immer mehr auf. Deshalb haben wir in unser pulsierendes Herzstück Diskotheken platziert. Orte, an denen die Jugendlichen sich austoben, Lärm machen können, wo es niemanden stört. Dieses Bahnhofsareal mit seinem vielen Funktionen soll zu einem Ort der Begegnung werden. Ein Ort, in dem der narrative Parcours zum Flanieren, zur Auseinandersetzung mit Neuem und Alten einlädt. STOL: Die Rundreise im Bahnhofsinneren endet zunächst hier. Wir verlassen den Bahnhof wieder und gehen Richtung Bozner Boden und Rentsch. Podrecca: In Richtung der neuen Wohnzonen sozusagen. Sie sollen sich links und rechts der heute bestehenden Gewerbezone ausdehnen. Mit eingeplant sind Gewerbebauten und Flächen für das Handwerk und öffentliche Einrichtungen. Genau dort, auf der Achse, wo heute die Bahngleise verlaufen, soll eine Naherholungszone entstehen – mit Minigolf-Plätzen, Spielplätzen, Radwegen. Grünoasen, die das städtisch beruhigte Spazierengehen möglich machen. STOL: Sie schließen aus, dass der neue Bozner Bahnhof zu einem zweiten „Potsdamer Platz“, einem Fremdkörper inmitten der Stadt, werden könnte? Podrecca: Kein „zweiter Potsdamer Platz“. Absolut ausgeschlossen. Das genaue Gegenteil davon. Allerdings: Ich kann nur in der Architektur das Beste vom Besten leisten. Was auf die Architektur, angefangen bei der Realisierung, folgt, wird von sozio-ökonomischen den Bedingungen beherrscht, die ich nicht beeinflussen kann. Ich habe einen Maßanzug für Bozen entworfen, keine Konfektion. Das was ich gemacht habe, ist nicht wiederholbar, jede Stadt hat seine eigenen Bedürfnisse. Ich verrate ihnen trotzdem was ich mir vorstelle, wenn ich die Augen schließe: Dass mein Projekt Wirklichkeit wird, getragen und bevölkert von einer gehobenen Mittelschicht. STOL: Laut Bozens Bürgermeister Spagnolli soll der Bahnhof zu einer Verkehrsdrehscheibe werden. Podrecca: Genau. Er ist der neue Kristallisationspunkt von Bozen. Der Waltherplatz war es lange, der neue heißt Bahnhof. Bozen muss im Laufe dieser Entwicklung sein geografisches Beiseite-Geschobensein ablegen. Damit meine ich: Der Bahnhof ist nicht nur mehr Bahnhof, ein Verkehrsknotenpunkt. Er muss in der Zeit Veräußerung, in der wir leben, zum Erlebnismeer werden. STOL: Wie lange haben Sie an Ihrem Projekt getüftelt? Podrecca: Sehr lange, verbunden mit vielen Kosten. Wir haben zwar 100.000 Euro gewonnen, gekostet hat uns das Projekt das Doppelte. Wettbewerbe sind immer ein Verlustgeschäft, wenn nicht gebaut wird. STOL: Glauben Sie, dass gebaut wird? Podrecca: Meine Einschätzungen sind die eines Fatalisten. Ich hoffe, dass in Bozen dieser zündende Moment Wirklichkeit wird, der die Weiterentwicklung dieses Projektes ermöglicht. Der Wille Bozens, sich nicht dem Dornröschenschlaf hinzugeben, nicht zum Loser zu werden, sondern sich als Winner zu zeigen. STOL: Wie hoch schätzen Sie die Kosten ein? Podrecca: Das wissen die Ökonomen (lacht). Interview: Johanna Gasser