Freitag, 20. Dezember 2019

Botschaft vom Bischof: „Das menschlichste aller Feste“

Den Ruf nach mehr Menschlichkeit stellt Bischof Ivo Muser in den Mittelpunkt seiner Weihnachtsbotschaft 2019. „Vor allem die jungen Menschen, die so wichtig sind für unsere gemeinsame Zukunft, bitte ich zu diesem Weihnachtsfest, dass sie sich in unserer Gesellschaft für Menschlichkeit und Frieden einsetzen“, schreibt der Bischof. Die Botschaft im Wortlaut.

Der Bischof stellt die Menschlichkeit in seiner Weihnachtsbotschaft in den Mittelpunkt.
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Der Bischof stellt die Menschlichkeit in seiner Weihnachtsbotschaft in den Mittelpunkt. - Foto: © Diözese Bozen-Brixen
„Von der Krippe aus verkündet Jesus mit sanfter Macht den Aufruf zum Teilen mit den Geringsten als dem Weg zu einer menschlicheren und solidarischeren Welt, in der niemand ausgeschlossen und an den Rand gedrängt wird.“ Diese Worte stehen im Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus „Admirabile signum“, das er am 1. Adventssonntag 2019 veröffentlicht hat und mit dem er einlädt, über die Bedeutung und den Wert der Weihnachtskrippe nachzudenken.

Zum Christsein gehört immer der Schutz der Schwachen - wer immer diese sind. Ein ungenierter Kult des Starken und eine sich abgrenzende „Wir-sind-wir-Mentalität“ sind dem Weihnachtsgeheimnis diametral entgegengesetzt.

Heinrich Böll, der deutsche Schriftsteller, dem ganz bestimmt nicht ein Nahverhältnis zur Kirche nachgesagt werden kann, sagte einmal: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache; und mehr noch als Raum gab es Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen ...“

Frieden wollen, lernen und tun


Weihnachten sagt uns: Gott selber will uns begegnen als Mensch, im Kind von Betlehem, in den Worten und Zeichen Jesu von Nazareth, im Gekreuzigten auf Golgotha. Gott wird Mensch, damit wir uns als Menschen annehmen und begegnen, damit wir menschlich bleiben.

Zu dieser Menschlichkeit, für die Gott selber sich in der Menschwerdung Jesu entschieden hat, gehört auch die Bereitschaft, den Frieden zu lernen und zu tun. Während wir vielleicht alle uns manchmal die Frage stellen, was wir schon tun können, wenn es um den Frieden in den Krisen- und Kriegsgebieten der Erde geht, findet niemand von uns so leicht Entschuldigungsgründe, wenn es um den Frieden konkret bei uns geht: In Ehe und Familie, zwischen den Generationen, in der eigenen Nachbarschaft und Verwandtschaft, in unseren Schulen, Betrieben, Pfarrgemeinden, Dörfern und Städten.
Welche konkreten Schritte sollte ich – gerade ich - an diesem Weihnachtsfest tun?

Was bedeutet es, in Südtirol den Frieden zu wollen, zu lernen und zu tun? Gestalten wir als Menschen des Friedens unser Leben und Zusammenleben – nicht rückwärtsgewandt, sondern mit dem gemeinsamen Blick nach vorne? Nur im Dialog und im Hinhören aufeinander lassen sich geschlagene und noch offene Wunden benennen und verbinden. Das Provozieren und das Abwerten der Anderen bringen uns nicht weiter.

Erreichtes und gemeinsam Erarbeitetes darf nicht aufs Spiel gesetzt werden, indem unnötig und polemisch Öl ins Feuer geworfen wird. Möge es uns geschenkt sein, mit Entschiedenheit Einheit in der Vielfalt zu wollen – hier bei uns und in einem gemeinsamen Europa, wo verschiedene Kulturen, Sprachen und religiöse Bekenntnisse sich begegnen und gegenseitig bereichern.

Wir brauchen verbindende und versöhnende Zeichen


Möge unser Zusammenleben geprägt sein vom festen Willen, aus der leidvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu lernen, die auch Südtirol durch die beiden Weltkriege, durch 2 diktatorische Systeme und durch die unselige Option verwundet und geprägt hat. Wir brauchen heute konkrete, verbindende und versöhnende Zeichen, die uns helfen, die Geschichte gemeinsam zu lernen, zu erzählen, zu deuten und zu verzeihen. Eine wahrhaftige Einstellung kann uns dabei helfen: Auf allen Seiten gab es Opfer und Täter! Heute haben wir alle Tag für Tag die Möglichkeit, in unserem Denken, Reden und Tun Friedensstifter oder Friedensvergifter zu sein.

Vor allem die jungen Menschen, die so wichtig sind für unsere gemeinsame Zukunft, bitte ich zu diesem Weihnachtsfest, dass sie sich in unserer Gesellschaft für Menschlichkeit und Frieden einsetzen. Ich tue es mit den Worten aus meinem „Brief an die Jugendlichen unserer Diözese“ vom März 2018: „Gebt der Hoffnungslosigkeit keinen Platz in euren Herzen und lasst nicht zu, dass Resignation sich in eurem Leben breitmacht. Vielmehr: Fasst euch ein Herz und beginnt mit dem ersten Schritt! Überall auf der Welt und auch in unserem Land haben Menschen mit solchen kleinen, ersten Schritten den Weg bereitet für Großes.“

Allen wünsche ich ein Weihnachtsfest mit kleinen, ersten Schritten zur Menschlichkeit und zum Frieden – inmitten der konkreten Beziehungen, die unser Leben ausmachen! Ich danke allen, die solche weihnachtlichen Schritte wagen und gehen – im häuslichen, familiären, gesellschaftlichen und politischen Alltag.

Feiern wir Weihnachten, das Fest der Menschwerdung Gottes, als das menschlichste aller unserer Feste und lernen wir vom Geburtstagskind, menschlich miteinander umzugehen!

stol