Der Bozner Ivan Tancevski ist Leitender Oberarzt in Innsbruck und ein Meister seines Faches. Im Interview spricht er über die neuesten Erkenntnisse zum Coronavirus, aber auch über eine Gefahr für die Lungen, die sehr viel mehr unterschätzt wird.<BR /><BR />Eine Sportverletzung: Das war es, das dem Bozner Ivan Tancevski gezeigt hat, dass die Medizin der ideale Bereich für ihn sei. Ein Bereich, der Wissenschaft und soziale Interaktion kombiniert. Diese Entscheidung hat Tancevski, der mittlerweile Leitender Oberarzt an der Universitätsklinik Innsbruck (Innere Medizin II, Pneumologie) ist, nie bereut.<BR /><BR /><BR /><b><Fett_DinPro>Herr Dr. Tancevski, als Leitender Oberarzt an der Uniklinik Innsbruck beschäftigen Sie sich nicht nur mit dem Coronavirus, sondern auch intensiv mit dem Thema Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Eine der häufigsten Todesursachen weltweit und doch oft unter dem Radar. Warum?</Fett_DinPro></b><BR />Dr. Ivan Tancevski: Die Hauptursachen für diese Erkrankung sind Luftverschmutzung – vor allem in ärmeren Ländern –, offene Feuerstellen im Innenraum und aktives wie passives Rauchen. Bei uns in Europa ist sicherlich der Nikotinkonsum die wichtigste Ursache für COPD. Es ist im Grunde ein gesellschaftliches Problem, dem zu wenig Aufmerksamkeit zuteilwird. Hier würde ich mir verstärkt Kampagnen wünschen. Zudem sollten COPD-Selbsthilfegruppen öffentlich unterstützt werden. So könnte man die Menschen auf die Ursachen und Folgen aufmerksam machen. Rauchen kann schließlich dazu führen, dass man sauerstoffpflichtig wird – so etwas sieht man auf den Abschreckbildern auf Zigarettenpackungen nicht. Die Erkrankung beginnt etwa ab dem 40. Lebensjahr; wenn ich bis dahin viel geraucht habe, steigt das Risiko stark an – das ist vielen aber nicht bewusst. Dabei ist COPD die dritthäufigste Todesursache weltweit. Man könnte mit dem richtigen Bewusstsein für die Erkrankung nicht nur viele Todesfälle vermeiden, sondern auch dem Gesundheitssystem große Kosten ersparen. <BR /><BR /><BR /><b><Fett_DinPro>Betroffene sind auch bei einer Corona-Infektion eine Risikogruppe. Wie sehr haben Sie das zuletzt auch in ihrer Arbeit gemerkt?</Fett_DinPro></b><BR />Dr. Tancevski: Was wir gleich zu Beginn der Pandemie gemerkt haben, ist, dass Patienten mit einer chronischen Lungenerkrankung nicht mehr ins Krankenhaus gekommen sind. Denn sie hatten Angst, dass sie sich hier infizieren und an einer Lungenentzündung sterben könnten. Für uns war das allerdings ein großes Problem, da wir so keine Übersicht mehr hatten, wie es diesen Patienten geht und ob sie Hilfe benötigten. Wir haben uns dann mit anderen Experten auf globaler Ebene ausgetauscht und gesehen, dass dieses Phänomen weltweit aufgetreten ist. Deshalb haben wir begonnen, entgegenzuwirken, indem wir alle von uns betreuten Patienten regelmäßig angerufen und uns über ihren Gesundheitszustand informiert haben. Anschließend haben wir Tipps gegeben und empfohlen, wann sie unbedingt ins Krankenhaus müssen. Das hat den Patienten spürbar Sicherheit gegeben.<BR /><BR /><embed id="dtext86-55724550_quote" /><BR /><BR /><BR /><b><Fett_DinPro>Die Auswirkungen von Covid-19 auf die Lungen war häufig Thema. Wie genau verhält es sich damit?</Fett_DinPro></b><BR />Dr. Tancevski: Unsere Forschungsgruppe in Innsbruck hat weltweit als erste eine prospektive Studie zum Verlauf von Covid-19-Erkrankungen gestartet. Das bedeutet, dass wir ab April 2020 insgesamt 150 Patienten in unsere Studie aufgenommen haben, die wir weiterhin beobachten. Bei diesen Patienten gab es entsprechend regelmäßig Nachkontrollen. Dabei ging es vor allem um Patienten aus der ersten Covid-19-Welle, die Tirol besonders getroffen hatte. <BR />Was wir am Ende beobachten konnten war, dass sich glücklicherweise auch nach überstandener Infektion mit einer schweren Sars-CoV-2-Variante, wie es jene im Frühjahr 2020 ganz klar war, die Lungenveränderungen im Durchschnitt bereits nach 55 Tagen zur Hälfte zurückgebildet haben. Innerhalb von knapp zwei Monaten hat sich also in der Lunge viel verbessert. Die zuerst herrschende Befürchtung, dass die Lunge durch die neuartige Corona-Erkrankung vernarben würde (Lungenfibrose), hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. <BR />Das hat weltweit viel Aufmerksamkeit erregt. Da hingen meine Kollegen und ich eine Zeit lang zeitgleich etwa mit der „New Yorks Times“ und der „BBC“ am Hörer. TV-Auftritte in nationalen und internationalen Sendern folgten. Es war einfach eine gute Neuigkeit, dass nach überstandener Erkrankung nicht gravierende Folgeschäden in der Lunge bleiben würden, die das Leben der Betroffenen drastisch verkürzt hätten. Nach über zwei Jahren können wir sagen, dass ein kleiner Teil der zu Beginn der Pandemie erkrankten Patienten zwar noch über Atembeschwerden klagt, der Großteil aber vollständig genesen ist. <BR /><BR /><BR /><b><Fett_DinPro>Warum haben Sie sich für diese Arbeit entschieden und worin liegt nach wie vor die Faszination?</Fett_DinPro></b><BR />Dr. Tancevski: Ich habe das „WissLyz“ in Bozen besucht und mich damals schon für die Wissenschaft begeistert, insbesondere den Bereich Biologie. Doch ich habe auch den Umgang mit Menschen als spannend und bereichernd empfunden. Kurz vor der Matura habe ich mir dann das Schlüsselbein gebrochen. Bei meinem Aufenthalt im Krankenhaus war ich von den Abläufen und Möglichkeiten fasziniert. So kam in mir der Gedanke auf, dass die Medizin eigentlich genau der Bereich wäre, in dem sich meine Interessen vereinen könnten. So habe ich mich auch für dieses Studium entschieden. <BR />Dass ich nun an der Uniklinik bin, freut mich umso mehr – denn schließlich bin ich so weiterhin sowohl im wissenschaftlichen als auch praktischen Bereich als Arzt verwurzelt. Ich habe viel erreicht, wichtige Auszeichnungen für meine wissenschaftliche Arbeit erhalten – mein Antrieb ist aber nach wie vor, immer meine bestmögliche Leistung abzurufen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-55724551_quote" /><BR /><BR /><BR /><b><Fett_DinPro>Was haben Sie sich für die Zukunft noch vorgenommen?</Fett_DinPro></b><BR />Dr. Tancevski: Ich bin mittlerweile Mitte 40 und reif für den nächsten Schritt. Die Zukunft kann ich mir hier in Innsbruck gut vorstellen, aber beispielsweise auch in Südtirol in einer leitenden Funktion. Wenn sich etwas Interessantes bzw. das Richtige für mich ergeben würde, kann ich mir auch vorstellen, nach Südtirol zurückzukehren und hier mein Wissen einzubringen. Ich sehe mich immer als Südtiroler – egal, wo ich bin.<BR /><BR /><BR /><b><Fett_DinPro>Die Verbindung zu Südtirol haben Sie nun angesprochen. Wie oft fahren Sie noch über den Brenner?</Fett_DinPro></b><BR />Dr. Tancevski: Ich habe Familie und Freunde in Bozen. Ich bin dankbar, dass meine Heimatstadt von Innsbruck aus nicht so weit entfernt ist, da ich doch ein starker Familienmensch bin. Während der ärgsten Pandemie-Phasen habe ich meine Verwandtschaft ganz bewusst nur sehr gezielt besucht, um sie nicht einer Gefahr auszusetzen. Schließlich habe ich lange Zeit die größte Covid-19-Station Westösterreichs geleitet und war in täglichem Kontakt mit dem Virus. Ich habe dadurch auch großen Respekt vor diesem Erreger entwickelt. Ich werde versuchen, nun regelmäßiger nach Südtirol zu fahren. Die Verbindung ist auf jeden Fall sehr stark.<BR />