Hier sind Antworten aus drei Blickwinkeln. <BR /><BR />Der Regens des Priesterseminars, der Pastoraltheologe an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Brixen und ein Priester, der in diesem Jahr ein rundes Weihejubiläum feiert, sprechen über Krise, Aufgaben und Zukunft des Priesterberufs. <BR /><BR />ANTWORT 1: Markus Moling, Regens des Priesterseminars<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1330914_image" /></div> <BR /><BR /><b>Brauchen wir überhaupt noch Priester?</b><BR /><BR />Markus Moling: Diese Frage lässt sich nur dann sinnvoll beantworten, wenn wir sie in einen größeren Kontext stellen. Damit meine ich das Thema Gott, Jesus Christus und die Bedeutung der Kirche in unserer Gesellschaft. Der priesterliche Dienst steht in Bezug zu diesen drei Größen, gewinnt von diesen her seinen Sinn, seine Berechtigung und seine Tiefe. In diesem Kontext braucht es den priesterlichen Dienst. Der Priester verweist in besonderer Weise auf diese drei Dimensionen, er steht für die Kirche, vermittelt durch sein Tun Christi Liebe und verweist durch seinen Lebensentwurf auf Gottes Nähe. Dabei bleibt der Priester aber Mensch unter Menschen und ist gerufen, sich selbst immer wieder neu unter das Evangelium zu stellen, an sich zu arbeiten und zu reifen.<BR /><BR /><b>Durchleben Priester eine Identitätskrise?</b><BR /><BR />Moling: Es ist sicher so, dass die priesterliche Identität nicht mehr so klar umrissen werden kann wie vor einiger Zeit. Darin liegt eine Herausforderung, aber auch eine Chance. Die Herausforderung besteht jetzt darin, sich nicht in Diskussionen um funktionale Aspekte des priesterlichen Dienstes zu verlieren und dadurch eine Konkurrenz zu den anderen Diensten in der Kirche zu befeuern. Die Chance liegt nach wie vor darin, Menschen die heilsame Nähe Gottes zu vermitteln und diese Nähe zu bezeugen, die Dankbarkeit für das Leben zu schulen und die Freude am Glauben zu stärken. Damit sind Grundfragen des Lebens verbunden, die auch den Menschen von heute berühren.<BR /><BR /><b>Wie würden Sie den Priester der Zukunft skizzieren?</b><BR /><BR />Moling: Der Priester der Zukunft empfindet es als wichtige Aufgabe, sich als Mensch unter Menschen auf die Suche nach Gott zu machen. Er findet in einer tiefen inneren Beziehung zu Christus seine Kraftquelle und ist gerne Teil der Kirche. Er ist teamfähig und bemüht, an seiner eigenen Persönlichkeit zu arbeiten, setzt sich mit seinen Stärken und Schwächen auseinander, damit er glaubhafter Zeuge des Evangeliums sein kann. Er weiß um offene Fragen des Lebens und kennt die Sorgen der Menschen. All das kann er im Licht des Glaubens betrachten. Er kann Charismen erkennen und fördern.<BR /><BR /><b>Ihre persönliche Erfahrung: Was macht den Kern des Priesterseins aus?</b><BR /><BR />Moling: Als Priester kann ich den Menschen in verschiedensten Lebenssituationen durch meinen Dienst die Nähe Gottes zusprechen, sein „Ich bin da“ verdeutlichen und vermitteln. In der Feier der Eucharistie wird dies am eindrucksvollsten deutlich. Es ist herausfordernd, aber auch ein großes Geschenk, mit Menschen zu arbeiten, sie zu begleiten, an ihrem Leben teilzuhaben, mit ihnen Gottes Gegenwart zu entdecken.<BR /><BR />ANTWORT 2: Alexander Notdurfter, Pastoraltheologe, Brixen<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1330917_image" /></div> <BR /><BR /><b>Viele Pfarreien machen die Erfahrung: Es muss über weite Strecken auch ohne Priester gehen. Da stellt sich die Frage: Brauchen wir überhaupt noch Priester?</b><BR /><BR />Alexander Notdurfter: Das Zweite Vatikanische Konzil spricht von zwei Formen priesterlichen Dienstes: vom gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen und vom Weihepriestertum. Beide Formen zeichnen die Kirche aus. Wenn man so will, lautet die Antwort auf diese Frage: Die Kirche braucht beide Formen, um Kirche zu sein.<BR /><BR /><b>Wir brauchen also Priester, aber das Berufsbild ändert sich. Wie würden Sie den Priester der Zukunft skizzieren?</b><BR /><BR />Notdurfter: Der Dienst des Priesters hat sich in den letzten 50 Jahren sehr verändert. Und er wird sich weiter verändern. Die Formen, ihn auszuüben, werden vielfältiger: Einige Priester werden sich zukünftig in großen Seelsorgeräumen einbringen. Andere werden an nicht-pfarrlichen pastoralen Orten ihren Dienst tun, zum <BR />Beispiel an Wallfahrtsorten, im Krankenhaus, in sozialen Brennpunkten, in der Einzelseelsorge. Die Aufgaben des einzelnen Priesters werden sich stärker an seinen persönlichen Fähigkeiten ausrichten. Interessant ist die Frage, wie zukünftige Priester auf ihr Wirken vorbereitet werden.<BR /><BR /><b>Welche Rolle spielt der Priester innerhalb einer Gemeinde?</b><BR /><BR />Notdurfter: Das Leben der Pfarrgemeinden werden die Gläubigen vor Ort in die Hand nehmen (müssen). Der zuständige Priester wird nur mehr ein Bezugspunkt im Hintergrund sein, der bei wichtigen Momenten ins Spiel kommt, zum Beispiel bei der Feier der Eucharistie alle paar Wochen, bei der Klärung grundlegender pastoraler Fragen. Die Herausforderung wird sein, Gläubige zu finden, die Verantwortung übernehmen, sie in ihrem Einsatz zu unterstützen und eine gute Zusammenarbeit zwischen ihnen und den Priestern zu entwickeln.<BR /><BR /><b>Hängt die Nachwuchskrise aus Ihrer Sicht auch damit zusammen, dass junge Menschen den Sinn dieses Dienstes nicht mehr verstehen?</b><BR /><BR />Notdurfter: Es gibt ein Bündel von Faktoren, die das Priestersein momentan nicht interessant machen. Ich nenne einige: der Rückgang der Religiosität insgesamt; der christliche Lebensentwurf als Ganzes überzeugt nicht mehr; die Krise der Kirche als Institution, die Vertrauen verloren hat; nicht attraktive Vorstellungen von dem, was Priester sind und tun; junge Menschen wollen sich Möglichkeiten offenhalten, der Zölibat. Deshalb können junge Menschen dem Priesterberuf für sich nichts abgewinnen.<BR /><BR />ANTWORT 3: Der Weihejubilar Hugo Senoner, Seelsorger in Mühlbach<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1330920_image" /></div> <BR /><BR />Ja, auf jeden Fall! Hugo Senoner würde sich noch einmal zum Priester weihen lassen. Vor 60 Jahren, am 29. Juni 1966, beantwortete er im Dom von Brixen die Frage von Bischof Joseph Gargitter mit einem Ja. „Ich bin jetzt froh und glücklich, Priester zu sein“, sagt Senoner – und betont das „Jetzt“, das seit etwa zwei Jahren gilt.<BR />Denn die früheren Jahrzehnte seines Priesterlebens waren „oft dramatisch“. <BR />Als Theologiestudent habe er im weltoffenen Berlin gearbeitet, später viele Länder bereist – von Brasilien bis China. <BR />Mit dieser unbekümmerten Weltoffenheit ging der junge Geistliche in der Seelsorge in Südtirol ans Werk. Das brachte ihm fast regelmäßig Ärger mit dem jeweiligen Bischof ein, der Gehorsam und Einhaltung der Regeln forderte – etwa als „Don Hugo“, wie ihn viele nennen, in der Pfarrei Brixen die deutsche und italienische Sprachgruppe näher zusammenbringen wollte und sich dafür sogar einen Rüffel von der Landespolitik einhandelte. <BR /><BR />Später kam er in die Schlagzeilen, weil er sich als Steuerverweigerer erklärte, um gegen die staatlichen Ausgaben für die Rüstung ein Zeichen zu setzen. Turbulent waren auch die Jahre am Brenner (1990–1997), wo Senoner in der Zeit des Bosnienkrieges zum Flüchtlingspfarrer mutierte und dafür sogar zur „persona non grata“ erklärt wurde. <BR />Seelsorge auf der Straße<BR />Seine Ruhe hat der frühere Pfarrer von Mühlbach (bis 2022) jetzt als Seelsorger gefunden, in sechs umliegenden Pfarreien hilft er nach Kräften mit. „Mit den Leuten reden, ihnen nahe sein“, hält er für das Um und Auf im priesterlichen Dienst, den er als „Seelsorge auf der Straße“ beschreibt – im Unterschied zu Geistlichen, die vor dem Computer sitzen und Mitteilungen verschicken oder im Auto von Messtermin zu Messtermin herumkurven (müssen).<BR />Bewusst kocht der pensionierte Pfarrer daher nicht sein einsames Mittagessen, sondern geht ins Gasthaus, wo er Leute trifft und mit ihnen ins Gespräch kommt. „Zuhören und den Menschen nahe sein ist das Wichtigste“, sagt der Priesterjubilar. Vor allem dieser Dienst werde nach wie vor sehr geschätzt. <BR />Die Liste der Weihejubilare dieses Jahres finden Sie auf den Seiten 14 und 15.