Zweifelsfrei handelt es sich bei der Südtiroler-Siedlung in Bregenz um ein kulturhistorisch bedeutendes Zeugnis. Wie in anderen Teilen des damaligen Deutschen Reichs wurden Anfang der 1940er-Jahre einheitliche Wohnanlagen für ausgewanderte Südtiroler errichtet – allein in Vorarlberg entstanden in kürzester Zeit 9 Südtiroler-Siedlungen. <BR /><BR />Nun lässt die Stadt Bregenz mit ihrem Vorhaben aufhorchen, den Großteil der gut 80 Jahre alten Südtiroler-Siedlung abreißen zu wollen. Die etwa 280 Wohnungen an der Rheinstraße seien veraltet und sehr unkomfortabel, wird Wohnungsstadträtin Annette Fritsch in einem Bericht von ORF Vorarlberg zitiert, es fehle „an Barrierefreiheit, Zentralheizung und Lärmschutz“. <BR /><BR />Folglich soll für das kommende Jahr ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden, um neuen Wohnraum zu schaffen. Unterm Strich sollen 320 neue Wohnungen gebaut und 80 alte Wohnungen einer Sanierung unterzogen werden. Ein Teil der Wohnanlage rund um den Südtirolerplatz soll mitsamt Torbogen als „städtebauliches Element“ erhalten werden. Der Baubeginn ist für 2026 anvisiert. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="968131_image" /></div> <BR /><BR />Wittfrieda Mitterer, Direktorin des Kuratoriums für Technische Kulturgüter, quittiert dieses Vorhaben mit Kopfschütteln. Sie plädiert für eine vollumfängliche Sanierung der besagten Südtiroler-Siedlung: „Der gebaute Bestand muss weiterleben. Man muss lernen, nicht alles schön zu reden, was neu ist und krank zu beten, was alt ist.“ <BR /><BR />Es gebe viele Möglichkeiten einer zeitgemäßen Gebäudesanierung, so etwa Außenwandheizungen, Erdwärme, Solarenergie oder Fotovoltaik. Es gelte, einzigartigen Lebensraum zu erhalten und neue Ideen für das Zusammenleben zu verwirklichen. „Die Stadt Bludenz hat genau diesen Weg mit einem bereichsübergreifenden Team beschritten und gezeigt, wie vorbildhafte Sanierung der Südtiroler-Siedlung aussehen kann“, führt Mitterer ein Beispiel ins Feld. Noch heute leben in der Südtiroler-Siedlung in Bludenz an die 800 Menschen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="968134_image" /></div> <BR />Die Wissenschaftlerin Wittfrieda Mitterer hat sich ausführlich mit dem Bestand und der Geschichte der Südtiroler Siedlungen beschäftigt, in ihrem vor knapp einem Jahr veröffentlichten Buch „Südtiroler Siedlungen in Österreich“ hat sie die Standorte von 130 derartigen Wohnanlagen aufgelistet und deren 47 ausführlich dokumentiert. Im Zuge der Recherche wurden auch Zeitzeugen befragt.<BR /><BR />Allein in Bregenz wurde mit Baubeginn 1939 Wohnraum für 2700 Südtiroler Optanten geschaffen. Unterm Strich waren rund 75.000 Südtiroler bis Kriegsende tatsächlich ausgewandert, etwa 11.000 fanden eine neue Bleibe in den eilig errichteten Südtiroler-Siedlungen in Vorarlberg.