<BR />Verkehrte Welt am Brenner: So gut wie keine motorisierten Fahrzeuge dominierten am vergangenen Samstag die Szenerie an einer der europaweit am stärksten befahrenen Transitrouten, sondern eine Kundgebung von einigen tausend Teilnehmern. Wie berichtet, ging die achtstündige Sperre auf eine Initiative von Karl Mühlsteiger zurück, dem Bürgermeister der Anrainergemeinde Gries am Brenner. Zunächst hatten die Behörden zwar Protestaktionen auf der Autobahn mehrfach untersagt, doch das Landesverwaltungsgericht Tirol hob dieses Verbot auf und gewährte die Kundgebung. Begründung: Auch auf einer Autobahn stellt die Ausübung der Meinungsfreiheit und das Versammlungsrecht ein verfassungsmäßiges Grundrecht dar.<BR /><BR />Jeglichem Gegenwind zum Trotz zog Karl Mühlsteiger (siehe nebenstehendes Interview) sein Vorhaben durch, sodass der motorisierte Verkehr am Brennerkorridor am vergangenen Samstag vollständig zum Erliegen kam. Auf österreichischer Seite war der Brenner für Autos und Motorräder von 11 bis 19 Uhr dicht, auf Südtiroler Seite galt die Sperre von 10.30 Uhr bis 20 Uhr, wobei für Lastwagen nochmals rigidere Bestimmungen griffen.<h3> Demonstrierende meldeten sich zu Wort </h3> Die Kundgebung fand auf einem Autobahnabschnitt bei Matrei am Brenner statt, sie wurde nach einem gemeinsamen Einzug von der Autobahnauffahrt auf die Fahrbahn um kurz vor 14 Uhr eröffnet.<BR /><BR /> Die Bürgermeister des Wipptals begrüßten die nach Behördenangaben „mehreren tausend“ Teilnehmer. Schätzungen zufolge handelte es sich um 4.500 bis 5.000 Personen, gemäß einer Drohnen-Luftaufnahme sollen sich exakt 5.782 Personen am rund dreistündigen Protest beteiligt haben. Die Demonstranten verdeutlichten auf Bannern ihren Unmut gegen den zunehmenden Transitverkehr, unter ihnen fanden sich auch viele Südtiroler. <BR /><BR />Initiator Karl Mühlsteiger erklärte in seiner Ansprache, dass „die Schmerzgrenze erreicht“ sei und die „Bevölkerung vor der Autobahn hier gewesen“ sei. Nochmals vorgestellt wurde das bereits an Tirols Landeshauptmann Anton Mattle übergebene Positionspapier (siehe Infobox unten links). Man wolle die „hohe Politik“ in Bewegung sehen, andernfalls werde man weitere Kundgebungen auf der A13 ins Auge fassen, so das Ultimatum.<BR /><BR />Landeshauptmann Mattle mischte sich indes - neben Vertretern aller Tiroler Parteien - als „Privatperson“ unter die Demonstrierenden. Er ergriff auf der Bühne nicht das Wort, nachdem dies - wie bei allen anderen Landes- und Bundespolitikern - auch nicht erwünscht gewesen war. Sehr wohl meldeten sich hingegen Demonstrierende aus allen Landesteilen Tirols, Südtirols, Bayerns und der Schweiz mit Fragen und Ansinnen zu Wort. Unter anderem wurde die Euregio in die Pflicht genommen sowie stärkere Investitionen in den Lärmschutz gefordert. <BR /><BR />Nach der Kundgebung meldete sich der österreichische Verkehrsminister Peter Hanke per Aussendung zu Wort. „Ich habe großes Verständnis für die Belastungen der Tiroler Bevölkerung entlang des Brennerkorridors“, ließ er wissen. Man stehe zu den Tiroler Anti-Transitmaßnahmen, in den kommenden Jahren würden rund 150 Millionen Euro in den Lärmschutz entlang des Brennerkorridors investiert. Landeshauptmann Mattle forderte eine Korridormaut, ein intelligentes Verkehrsmanagement und die Verlagerung auf die Schiene. <BR /><BR />Ungeachtet dessen zeigten sich die Behörden dies- und jenseits des Brenners erfreut über die entspannte Verkehrslage – sowohl während als auch vor und nach der Blockade. Den gesamten Tag über habe es keine größeren Behinderungen gegeben, nicht in Tirol, nicht in Südtirol und auch nicht in Bayern, hieß es von den Einsatzkräften. Die vielen Appelle im Vorfeld hatten bei Reisenden und Einheimischen ihre Wirkung getan, der österreichische Automobilclub ÖAMTC stufte die Lage gestern sogar als „sensationell“ ein. <h3> Zunehmender Verkehr am Brenner-Korridor</h3>In dem Zeitraum der Sperre passieren laut Autobahnbetreiber ASFINAG normalerweise mehr als 30.000 Fahrzeuge die Mautstellen auf der Brenner-Autobahn. Fast elf Millionen Autos und rund 2,5 Millionen Lastwagen benutzten 2025 laut ASFINAG die mautpflichtige Autobahn. Seit der Eröffnung der Brenner-Autobahn in den 1960er-Jahren habe sich das Verkehrsaufkommen fast versiebenfacht. Bei den Lkw beträgt der Zuwachs seit 2010 etwa 40 Prozent. Damit ist die Strecke die verkehrsreichste Nord-Süd-Verbindung der Alpen. Viele der 15.000 Bewohner des Wipptals leben in unmittelbarer Nähe der Autobahn und Bundesstraße, sie beklagen sich über die Lärm- und Feinstaubbelastung. Wie es beim Transit weitergeht, wird auch vor Gericht entschieden. <BR /><BR />Die italienische Regierung strebt eine Aufweichung der Tiroler Anti-Transit-Maßnahmen wie Nacht- und Wochenendfahrverbote für Lastwagen an sowie eine dosierte Abfertigung in Blöcken. Italien hat vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) geklagt, weil Umweltargumente den Waren- und Personenverkehr über die Alpenroute nicht unverhältnismäßig einschränken dürften. Am 16. Juli könnte mit dem Schlussantrag des EuGH-Generalanwalts Campos Sánchez-Bordona eine Vorentscheidung fallen. Ein Urteil wird im Herbst oder Anfang 2027 erwartet.