Donnerstag, 26. August 2021

Britische Regierung: „Anschlag in Kabul binnen Stunden möglich“

Ein Vertreter der britischen Regierung hält einen Terroranschlag am Flughafen in Kabul binnen Stunden für möglich. Auf die Frage des Senders Sky News, ob sich ein Anschlag innerhalb der nächsten Stunden ereignen könne, sagte Verteidigungsstaatssekretär James Heappey am Donnerstagmorgen ausdrücklich „Ja“. Zahlreiche Staaten stellen unterdessen die Evakuierungsflüge aus Afghanistan ein.

Die Lage am Flughafen von Kabul wird zunehmend angespannter.
Die Lage am Flughafen von Kabul wird zunehmend angespannter. - Foto: © APA/afp / DONALD R. ALLEN
Im Laufe der Woche seien sich die Geheimdienste immer sicherer darüber geworden, dass ein „ernsthafter, unmittelbarer, tödlicher Angriff“ auf den Flughafen oder die von westlichen Truppen genutzten Zentren drohe.

„Während die Uhr bis zum Ende des Monats weiter tickt, müssen wir diese sehr, sehr reelle Bedrohung mit den Menschen in Kabul teilen und ihnen raten, sich vom Flughafen zu entfernen anstatt dorthin zu kommen“, sagte der Staatssekretär.

Der Sender zitiert zudem eine nicht genannte, hochrangige britische Quelle, die von einem „sehr hohen Risiko eines Terroranschlags“ auf die Evakuierungsmission in Kabul sprach. Auch deutsche und US-Behörden hatten davor bereits gewarnt. Wann die britischen Evakuierungsflüge enden sollen, wollte Staatssekretär Heappey nicht genauer bekanntgeben. In den nächsten 24 Stunden sollten aber – wenn möglich – 11 Flüge stattfinden.

Bereits am frühen Donnerstagmorgen waren die Befürchtungen, dass es einen Terroranschlag am Flughafen von Kabul geben könnte, immer konkreter geworden.



Zahlreiche Staaten beenden Evakuierung aus Afghanistan

Aufgrund der angespannten Situation am Flughafen Kabul stellen zahlreiche Staaten die Evakuierungsmission frühzeitig ein. Aus Medienberichten ging hervor, dass bereits am heutigen Donnerstag das letzte Flugzeug der deutschen Bundeswehr abheben soll.

Der letzte belgische Flug verließ den Flughafen in Kabul am Mittwochabend, wie der belgische Premierminister Alexander de Croo am Donnerstag mitteilte. „Gestern Abend wurden unser Personal und alle Belgier, die auf dem Rollfeld des Flughafens in Kabul waren, evakuiert“, sagte de Croo in einer Pressekonferenz. Insgesamt seien während der Mission „Red Kite“ mehr als 1400 Menschen mit 23 Flügen von Kabul nach Islamabad gebracht worden. Von der pakistanischen Hauptstadt aus wurden sie dann nach Belgien oder in Partnerländer transportiert.

Polen flog mit 14 Flugzeugen 1300 Menschen aus, 200 davon auf Bitten anderer Länder und Organisationen, wie Vize-Außenminister Marcin Przydacz am Donnerstag in Warschau sagte. Am Vormittag traf laut der Nachrichtenagentur PAP das letzte Flugzeug mit Geretteten auf dem Warschauer Flughafen ein. Regierungschef Mateusz Morawiecki sagte, Polens militärische Mission in Afghanistan werde am Donnerstag ebenfalls beendet. Przydacz erklärte: „Wegen der wachsenden Terrorgefahr und der zunehmenden Instabilität können wir das Leben unserer Leute nicht weiter aufs Spiel setzen.“



Auch Dänemark hat die Evakuierung der Botschaftsmitarbeiter und ihrer Familien aus der afghanischen Hauptstadt Kabul abgeschlossen. „Es ist nicht mehr sicher, vom Flughafen Kabul zu fliegen“, sagte Verteidigungsministerin Trine Bramsen am Mittwochabend der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau. Die letzte Maschine sei in Islamabad gelandet. An Bord waren 90 Evakuierte, die letzten dänischen Angestellten, Soldaten und Diplomaten aus Kabul, so die Ministerin. Dänemark hat in den letzten Tagen rund 1000 Menschen aus Afghanistan evakuiert.


Frankreich will Evakuierungsflüge am Freitag einstellen

Frankreich will seinen Evakuierungseinsatz in Afghanistan nach den Worten von Premierminister Jean Castex am Freitag beenden. „Von morgen Abend an können wir nicht länger Evakuierungen vom Flughafen Kabul aus durchführen“, sagte Castex am Donnerstagmorgen dem französischen Sender RTL. Frankreichs Regierung begründet den anvisierten Abbruch des Rettungseinsatzes mit dem bevorstehenden Truppenabzug der USA.

Die USA wollen bis zum 31. August ihren Militäreinsatz in Afghanistan beendet haben. Die US-Regierung betonte allerdings zuletzt, es gebe keine „Frist“ für ihre Bemühungen, ausreisewilligen US-Amerikanern oder Afghanen zu helfen. Auch die Bundeswehr will ihre Evakuierungsflüge in den kommenden Tagen einstellen.



Frankreich hat nach jüngsten Angaben des Außenministeriums seit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban mehr als 2000 Afghanen nach Frankreich ausgeflogen.


Albanien und Kosovo wollen Tausende Afghanen aufnehmen

Die Balkanländer Albanien und Kosovo haben ihre Bereitschaft bekräftigt, tausende Afghanen zumindest vorübergehend aufzunehmen. Albanien werde etwa 4000 Menschen, die als sogenannte Ortskräfte für die NATO-Mission in Afghanistan tätig gewesen seien, sowie ihren Angehörigen Aufenthalt gewähren, erklärte Ministerpräsident Edi Rama am Mittwoch (Ortszeit) dem US-Nachrichtensender CNN.

„Wir sind bereit, jene Afghanen aufzunehmen, die an uns als NATO geglaubt haben, die mit uns zusammengearbeitet haben und denen wir (in Afghanistan) nicht helfen können, wenn sie riskieren, getötet zu werden“, sagte er. Für die Betroffenen sei dies eine Frage auf Leben und Tod, für die NATO-Partner wiederum „eine schwere moralische Frage“, fügte er hinzu. Grundsätzlich sei geplant, dass die Menschen in den USA dauerhaft Asyl fänden. Albanien werde aber niemandem die Tür weisen, der wegen seiner Tätigkeit für die NATO-Mission Schutz benötige, sagte er.

Auch der Kosovo will 2000 evakuierte Afghanen aufnehmen. Dies sagte Innenminister Xhelal Svecla nach Berichten von Medien in Pristina. Sie könnten bis zu einem Jahr im Land bleiben, bis für sie eine dauerhafte Lösung gefunden sei, sagte er.

Albanien ist seit 2009 NATO-Mitglied und beteiligte sich mit einem kleinen Kontingent am Afghanistan-Einsatz des Westens. Der Kosovo wurde erst 2008 ein unabhängiger Staat. Die heute fast ausschließlich von Albanern bewohnte ehemalige jugoslawische Provinz strebt die Mitgliedschaft in EU und NATO an. Da einige EU- und NATO-Staaten den Kosovo nicht anerkennen, ist der Prozess der Annäherung an die westlichen Bündnisse blockiert.

Hintergrund: Deshalb ist Afghanistan eine tickende Zeitbombe

In Afghanistan regieren seit Jahrzehnten Krieg, Gewalt und Terror das Tagesgeschehen. Doch das war nicht immer so. Vor 60 Jahren war das Land am Hindukusch sogar ein beliebtes Reiseziel für Touristen – heute regieren wieder die radikalislamischen Taliban das Land und verbreiten Angst und Schrecken. STOL-Reporter Ivo Zorzi geht kurz auf die Hintergründe dieser dramatischen Krise ein:

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apa/dpa/pho