Dienstag, 30. Juni 2020

Brutale Gewalt auf offener Straße: Was in Bruneck wirklich geschah

Erschreckende Szenen haben sich am Samstagabend im Brunecker Zentrum abgespielt. Ein Mann war ausgerastet, randalierte und bedrohte Passanten, später wurde er brutal zusammengetreten und als „Scheiß-Neger“ beschimpft. Die Carabinieri ermitteln.

Der Randalierer wurde anschließend getreten und beschimpft. - Foto: © Screenshot/Video
Zuerst soll der Mann bereits in einer Bar randaliert haben, bis er aufgefordert wurde, das Lokal zu verlassen und sich zu beruhigen. Was genau seine Aggressivität ausgelöst hat, ist noch immer nicht bekannt. Es ist deshalb reine Spekulation, zu überlegen, ob er zunächst rassistisch beleidigt oder gar angegriffen wurde oder ob er zu viel getrunken oder andere Substanzen eingenommen hatte.

Kameras zeigen Weg des Randalieres

Den weiteren Weg des Mannes zeigen die Aufnahmen der Überwachungskameras, wie Bürgermeister Roland Griessmair bestätigt: „Sie zeigen den Mann, wie er zunächst die Straße in Richtung Unteren Graben überquert, kurz darauf aber plötzlich völlig ausrastet, Fahrräder aus den Fahrradständern wirft, Blumen ausreißt und so auf Leute zugeht, dass diese nacheinander vor ihm zurückweichen. Man sieht eine junge Frau, die laut Aussage eines Zeugen versucht haben soll, ihn zu beruhigen, worauf er ihr einen Fausthieb versetzt haben soll. Einige Leute setzen ihm Richtung Gilmplatz nach, wo man ihn dann mit einer Flasche sieht. Er soll die Flasche zerbrochen und mit dieser herumfuchtelnd,die Leute bedroht, einen Mann damit auch verletzt haben. Vor dem Hotel ‚Post‘ ergreifen sie ihn. Er nimmt Reißaus und läuft Richtung Tierhobby, wo er überwältigt wird. Dann kommen das Weiße Kreuz und die Carabinieri“.

Dass versucht wurde, den randalierenden Mann festzuhalten, sei den Leuten nicht zu verdenken, sagt der Bürgermeister. Dass der am Boden liegende Mann aber mit Füßen gestoßen und auch noch mit rassistischen Parolen bedacht wurde, sei schockierend.

Junge Leute versuchen den Mann festzuhalten – aber auch eine Flasche fliegt

Dieser Teil der Geschichte wurde erst am Montag bekannt, als Videos von dem Vorfall zu kursieren begannen. Sie zeigen, wie der Mann am Graben die Straße überquert, verfolgt von 3 jungen Leuten – alle sollen Brunecker sein. Er läuft auf der Straße Richtung Hotel „Post“. Im Hintergrund, nicht am Geschehen beteiligt, sind Stimmen in einer noch nicht identifizierten Sprache zu hören.

Einer der 3 Verfolger wirft eine Flasche nach dem Flüchtenden, die dessen Kopf nur knapp verfehlt; sie zerschellt am Boden. „Vai, vai“ (hau ab) ruft einer der Jugendlichen und stößt den Mann auf den Gehsteig. Ein anderer kommt mit langem Anlauf angerannt und stößt den Mann im Eck neben der Bar „Cosmo“ gegen einen großen Blumenkübel, er geht zu Boden. Man sieht ein Handgemenge, der Mann liegt am Boden und wird von den Jugendlichen bedrängt.

Der Kellner der Bar mischt sich ein: „Lascialo stare“ (lass ihn in Ruhe), ruft er und geht auf die Gruppe zu. „Passt auf, er hat eine Glasscherbe in der Hand“, ruft ein Mann auf Italienisch. Der Kellner zieht einen der Jugendlichen von dem Mann herunter, alle treten einen Schritt zurück. Hier endet das erste Video.

„Schwuler Scheiß-Neger“

Das zweite Video zeigt den am Boden liegenden Mann an jener Stelle, wo ihn später die Carabinieri und das Weiße Kreuz vorfanden und von wo sie ihn ins Krankenhaus brachten. Der Mann wird mindestens 2 Mal mit voller Wucht in den Leib getreten. Dann entfernen sich die Anwesenden. „Schwuler Scheiß-Neger; fick Dich, Neger“, sagt einer der Jugendlichen in Pusterer Dialekt.
Die „Dolomiten“ sprachen am Dienstag mit 2 jungen Leuten, die von dem randalierenden Mann verletzt wurden. „Wir haben beim Keschtn-Toni gemütlich ein Bier getrunken. Da hörten wir auf einmal Schreien. Dann fing der Afrikaner an, Blumentröge herumzuwerfen“, erzählt V. K.
Sie sei hingegangen, um den Mann zu beruhigen. „Da hat er mir schon eine heruntergehauen. Dann hat er die Flasche zerschlagen – die er zuvor beim Keschtn-Toni geholt hatte – und mich damit an der Hand verletzt; ich habe 3 Stichwunden“, erzählt V. K.

Mit Flasche angegriffen: 3 Stiche

„Mein Kollege wollte mir helfen, und den hat der Mann auch gleich angegriffen“, sagt V. K.: „Er hat ihm zuerst einen Hieb ins Gesicht versetzt und ihn dann mit der Hand aufs Ohr geschlagen, dass er 2 Stunden nichts mehr gehört hat.“ Dieser Kollege – W. G. – erlitt darüber hinaus auch noch eine Bänderverletzung am Fuß. Er muss 4 Wochen eine Schiene tragen und ist vorerst 2 Wochen krankgeschrieben.

Der Mann sei dann mit der Flasche weitergegangen. In den ganzen Bars rundherum habe sich niemand gerührt. Also seien sie beide dem Mann hinterhergelaufen, um ihn festzuhalten und andere Menschen zu schützen, schildern die Beiden.

„Er hat extrem laut in seiner Sprache um sich geschrien, war total in Rage, hatte komplett die Kontrolle über sich verloren“, schildert W. G. „Wir sind ihm die ganze Zeit hinterher und haben versucht zu verhindern, dass er die anderen Leute angreift. Der Mann hat einfach nicht aufgehört, er hat sich auch – nachdem er beim Cosmo zunächst festgehalten werden konnte – wieder freigemacht, hat sich eine weitere Flasche geholt und damit herumgefuchtelt. So ging das 2 bis 3 Mal“, schildert W. G.

„Das war Notwehr“


„Wenn jetzt jemand kritisiert, dass wir ihn getreten haben: Wir haben uns einfach nicht mehr zu helfen gewusst“, sagt W. G. „Der hatte eine Flasche, das ist ja eine Waffe. Wenn es schlecht ausgeht, kann der jemanden damit umbringen. Wir wollten einfach die Leute beschützen. Das war reine Verteidigung. Ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn wir nichts getan hätten“, sagt W. G.

„Ich habe nichts mit Rassismus am Hut“, sagt W. G. „Ich habe 7 Jahre lang mit Pakistanern zusammengearbeitet, und viele meiner Kollegen sind Albaner und andere Ausländer. Was mich am meisten verletzt, ist, dass ich eine Anzeige kriege, weil auf einem Video zu sehen ist, wie ich dem Mann einen Tritt gebe. Wir wollten den nicht zusammenschlagen, wir haben uns nicht mehr zu helfen gewusst! Der hat immer weitergemacht, wenn wir ihn einmal festgehalten hatten!“

Komplexe Angelegenheit

Die Carabinieri ermitteln, bezeichnen den Vorfall als eine komplexe Angelegenheit und ließen wissen, dass es mehrere Tage dauern könnte, bis sie Informationen bekannt geben können. Auch sie werten die am Graben installierten Videokameras aus.

Gegen den Randalierer wurde Anzeige wegen Körperverletzung erstattet. Er hatte – wie berichtet – die Nacht im Krankenhaus verbracht, verließ es aber am Sonntagmorgen. Über seine Identität wurde nichts bekannt.

Zeugen der Szenen am Graben, darunter auch Stadtrat Toni Mair unter der Eggen, wurden am Montag von den Carabinieri angehört. „Ich habe den Carabinieri die Situation geschildert, wie ich sie erlebt habe“, sagt Mair unter der Eggen. „Der Mann war gefährlich. Er hat über den ganzen Graben herauf randaliert. Die Videos, die in den sozialen Netzwerken kursieren, zeigen nur eine Seite und machen den Randalierer zum Opfer. Ich nehme niemanden in Schutz. Auch ich verurteile die rassistischen Parolen, die gefallen sind, aber es muss auch gesagt werden, dass sich die Leute verteidigen mussten“, sagt Mair unter der Eggen.

ru/sch

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