Sonntag, 22. Mai 2022

Bunker in Südtirol – „Zeugen des Kriegswahnsinns, aber auch Kulturerbe“

Hunderte von Bunker gibt es in Südtirol. Sie sind Teil des Vallo Alpino del Littorio (VAL) – ein gigantischer Verteidigungswall entlang des Alpenbogens, den Mussolini unter anderem auch gegen seinen Verbündeten Hitler errichten ließ. Obwohl er nie fertiggestellt wurde, ist der Alpenwall ein imposantes Denkmal mit ungeahnten Dimensionen. Das erste umfassende Forschungsprojekt startete erst vor 3 Jahren unter der Leitung von Heimo Prünster. STOL hat sich mit dem Bunkerologen über das Projekt unterhalten.

Heimo Prünster leitet das 1. umfassende Forschungsprojekt zum faschistischen Alpenwall. Die Ergebnisse werden im Herbst präsentiert. - Foto: © Privat

Von:
Verena Stefenelli
Der gebürtige Bozner Heimo Prünster (Jahrgang 1976) hat Malerei und Grafik sowie Architektur in Wien studiert. Er arbeitet als freier Architekt und Forscher.

STOL: Die gesamtheitliche Erforschung des VAL und der Südtiroler Bunker stand bisher aus. Das haben Sie mit Ihrem Projekt jetzt geändert. Wieso erst jetzt?
Heimo Prünster: Das hat mehrere Gründe. Auf der einen Seite wurde dieses dunkle Kapitel einfach lange Zeit verdrängt und die aktive Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Thema vermieden. Vor allem ältere Generationen hatten vermutlich aufgrund negativer Erfahrungen mit dem Faschismus Hemmungen im Umgang mit diesem verstörenden Erbe. Unsere Generation sieht das alles lockerer und kennt die Bunker eher als Partylocation oder Abenteuerspielplatz und sieht sie weniger im Kriegskontext. Auf der anderen Seite konnte man die Erforschung des VAL erst in jüngster Zeit organisieren, da die Bunker bis Ende der 80ger Jahre aktiv waren und wichtigsten Archive infolge der langen militärischen Nachnutzung (bis 1993) erst Ende der 1990er Jahre zugänglich wurden. Außerdem waren auch die Aktenbestände lange nicht zugänglich (einige noch immer), zudem sehr umfangreich und in der ganzen Welt zerstreut, teils an unbekannten Orten. Da musste man sich erst durchbeißen.

Der VAL

Der Vallo Alpino del Littorio (VAL) ist ein militärisches Grenzsicherungssystem aus der Zeit des Faschismus, das den gesamten Alpenbogen vor feindlichen Invasionen absichern sollte. Im Volksmund wurde er in Südtirol spöttisch „Linea non mi fido“ (deutsch: Die „Ich-trau-dir-nicht-Linie“) genannt, da Mussolini sie trotz Stahlpakt aus Misstrauen gegenüber seines Verbündeten Hitler errichten ließ. Schneller als es den Generälen lieb war, holte die Realität den VAL ein. Der Bündnispartner hatte die Arbeiten genau im Blick und protestierte, was zu mehreren Unterbrechungen und heimlichen Wiederaufnahmen der Arbeiten führte. Zudem machten aktuelle Kriegserfahrungen deutlich, wie veraltet der VAL war: Das als zentrale Waffe angesehene Maschinengewehr war gegen die schwer gepanzerten Fahrzeuge der neuen Kriegsführung völlig ineffizient. Eilig versuchte man noch während des Baus Anpassungen vorzunehmen, doch auch die Umsetzung stockte massiv: Das Bauvorhaben war weder in materieller noch finanzieller Hinsicht realisierbar.



STOL: Und das haben Sie in den vergangenen 3 Jahren getan?
Prünster: Ja genau und es war sehr intensiv. Das Landesmuseum Festung Franzensfeste plante eine permanente Bunkerausstellung (*mehr dazu am Ende des Artikels) und parallel dazu wurde ich mit der Forschung beauftragt. Die Aufgabe dieses ersten bauhistorischen und sozioökonomischen Forschungsprojektes lag darin, möglichst alle existierenden Aktenbestände ausfindig zu machen, diese auszuheben, letzte Zeitzeugen zu befragen und daraus eine möglichst vollständige, gut strukturierte und ausbaufähige Sammlung und Dokumentation aller Bauwerke - zu den Bunkern kamen noch verschiedene andere Elemente wie etwa Panzersperren hinzu - aufzubauen. Fürs Forschungsprojekt erarbeiteten wir zudem eine Datenvisualisierung, in der alle Bunker auf einer 3D-Karte verzeichnet sind. Navigieren kann man wie bei Google Maps, auch dreidimensional durchs Gelände. Dieses Tool können wir laufend ergänzen und bei neuen Erkenntnissen mit weiteren Informationen bzw. Bildern bestücken. So kann sich jeder auf eine spannende und anschauliche digitale Reise durch Südtirols Bunkerwelt begeben, wie es bisher nicht möglich war. Die Forschungsergebnisse und die 3D-Karte werden wir im Herbst der Öffentlichkeit auf der Franzensfeste präsentieren und wird gratis online zugänglich sein.

STOL: Ein großer Moment?
Prünster: Ja, ich finde es sehr wichtig für Südtirol, dass diese umfassende Forschung endlich umgesetzt wurde und man sich mit diesem Erbe auch kulturell auseinandersetzt– über 80 Jahre nach dem Entstehen des VAL. Wichtig für die Identitätsfindung und in Bezug auf die Sonderstellung Südtirols. Obwohl die Bunker Zeugen des ganzen Kriegswahnsinns sind, erkennen wir sie als Kulturerbe an. Sie sind nicht nur schlecht oder verrückt, sondern erzählen viel über diese Zeit und über die Menschheitsgeschichte und sind Mahnmal dafür, dass sich so etwas nicht mehr wiederholt. Ich bin absolut kein Verfechter von Bunkeranlagen oder Krieg, sondern habe eine pazifistische Sicht auf die Dinge und sowohl das Forschungsprojekt als auch die Ausstellung heben in Bezug auf dieses Thema den Wert eines friedlichen Zusammenlebens hervor.

STOL: Nun zu den Details. Wie viele dieser Bunker wurden in Südtirol gebaut?
Geplant waren etwa 800. Etwas mehr als 300 Bunker sind in Südtirol im Rohbau fertig gebaut, weitere 150 als Baustellen übrig geblieben. Verrückt, wenn man drüber nachdenkt, dass etwa ein Viertel der Bunker unfertig ist und die Hälfte noch gar nicht begonnen wurde. Eine unglaubliche Verschwendung der Ressourcen. Das Hauptbaujahr war 1940. Geplant als Verteidigungswall gegen den einstigen Verbündeten, war das Projekt aber schon veraltet, bevor es überhaupt begonnen wurde. Geplant haben es Militärs, die bereits im Ersten Weltkrieg gekämpft haben. Da waren Bodentruppen zu Fuß noch die Bedrohung und massive Bunker mit Maschinengewehren wären vielleicht nützlich gewesen. Doch die Kriegstechnik im 2. Weltkrieg war bereits eine andere. Das war auch den Militärstrategen irgendwann klar. Doch da hatten sie schon Unsummen ausgegeben – allein im Jahr 1940 beliefen sich die Ausgaben für den gesamten Alpenwall auf etwa 4 Milliarden Lire – das entsprach 2 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts - und es waren schon Aberhunderte Bunker gebaut – auch in Südtirol. Und sie stehen noch immer – „und werden vermutlich auch in 500 Jahren noch stehen“.

Hier einige Beispiele von Bunkern und Panzersperren in Südtirol.



STOL: Wie baut man so viele Bunker in dieser kurzen Zeit?
Prünster: Mit diesen gigantischen Bauvorhaben wurden zahlreiche italienische Baufirmen mit Tausenden von italienischen Arbeitern beauftragt. Südtiroler Tagelöhner waren daran nur vereinzelt beteiligt. Die faschistischen Machthaber und das Militär hatten wenig Vertrauen in die deutschsprachige Bevölkerung, die ja sehr mit Nazi-Deutschland sympathisiert hat. Gebaut wurde in Rekordzeit, in Tag- und Nachtschichten. In 7 Monaten stand so ein Bunker in der Regel, bei durchschnittlich verbauten 4000 Kubikmetern Beton. Wie meine Recherchen ergaben, waren die Bunker-Arbeiten - von ein paar kleineren Episoden abgesehen - in der Südtiroler Bevölkerung damals aber nicht unbeliebt. Zumeist herrschte ein friedliches Nebeneinander und sogar Kontakte gab es. Zeitzeugen berichteten von den „guten Maccheroni“, die es in den Feldküchen der Baustellen gab. Vielleicht lag das auch daran, dass der VAL nicht gegen die Südtiroler Bevölkerung gerichtet war. Er wurde schließlich im ganzen italienischen Alpenbogen gebaut – und hatte nicht eigentlich etwas mit Südtirol zu tun. Und eine weitere beruhigende Erkenntnis ist, dass es keine Zwangsarbeit gab, wie z.B. beim Atlantikwall wo mehr Menschen beim Bau als bei den Kämpfen starben.

STOL: Dienten die Bunker rein militärischen Zwecken oder wurden sie auch zum Schutz der Zivilbevölkerung gebaut?
Prünster: Diese Bunker darf man nicht mit Zivilschutzbauten, wie beispielsweise Luftschutzkellern, verwechseln. Es gibt in Südtirol zwar militärische Luftschutzbauten mit Mischnutzung, wie etwa in der Bozner Fagenstraße, wo unter anderem auch nicht militärisches Personal Schutz finden konnte. Bunker aber sind militärische Verteidigungsbauten, die für reine Kampfzwecke errichtet wurden und zu denen die Bevölkerung keinen Zutritt hatte und streng bewacht waren. In den Kriegswirren, hauptsächlich ab der Zeit der deutschen Besatzung, standen die Bunker leer und wurden dann erst teils auch von der Zivilbevölkerung bei Bombenangriffen genutzt. Allerdings wage ich die Standfestigkeit der Bunker zu bezweifeln. Auf der Malser Heide etwa wurden von Seiten der deutschen Wehrmacht Schusstests gemacht, indem sie die Bunker von der Seite beschossen haben. Die dabei benutzten Projektile, die nicht einmal sonderlich groß waren, konnten die 3,50 Meter dicke Außenmauer mit relativer Leichtigkeit durchbrechen. Die Bunker bestehen nämlich nicht aus Stahlbeton, sondern aus normalem Beton. Stahlbeton wurde nur rund um die Schießscharten für die Bewehrung verbaut.

STOL: In diese Bunker hineinzugehen, ist also auch heutzutage nicht empfehlenswert?
Prünster: Auch wenn es verlockend ist: In manchen Bunkern ist es nicht ungefährlich. Abgesehen davon, dass Bunker Besitzer haben und ein Betreten ja Besitzstörung wäre. Der Hauptpunkt ist aber, dass viele dieser Bunker nie fertig gebaut wurden und sie nicht gesichert sind: es gibt häufig Löcher im Boden, Geländer fehlen, Bauteile sind unfertig und dadurch einsturzgefährdet, sie verfügen über kein Belüftungssystem, oder, falls vorhanden, sind die Luftzugänge häufig verstopft. Da kann einem wortwörtlich die Luft ausgehen. Außerdem gibt es Feuchtigkeit und Schimmelbefall. In Bunker reinzugehen ist spannend und nicht empfehlenswert gleichzeitig.

STOL: Wo befinden sich all die Bunker?
Prünster: Die Bunker sind überall verstreut. Es gibt 2 Typen, den in den Felsen gehauenen und den freistehenden Betonbunker. Jeder einzelne wurde in seiner Architektur den stets unterschiedlichen Gegebenheiten in der Landschaft angepasst. Die meisten wurden in Grenznähe errichtet, beispielsweise am Brenner, am Reschen oder in Vierschach, aber nicht nur. Bozen etwa stellt italienweit einen sehr seltenen Fall dar und zwar dass eine Bunkerlinie direkt durch eine Stadt hindurch geht. Hier wurden von insgesamt 67 Bunker geplanten Bunkern 42 fertiggestellt, 8 davon wurden als freistehende Bunker in der Industriezone errichtet. Die Stadt Bozen hat das leider nie interessiert, obwohl viel versucht wurde, sich mit diesem schwierigen Erbe auseinanderzusetzen und Aufmerksamkeit zu schaffen, dass dies etwas Besonderes ist. Bei diesem Thema wurde viel versäumt und es ist jetzt so weit gekommen, dass fast alle Bunker, die sich in der Talebene befanden, abgerissen wurden. Dies passierte im Laufe der Jahrzehnte, begonnen hatte man damit in den 70ger Jahren, aber gerade in den letzten Jahren sind viele verschwunden. Es gibt nur noch einen einzigen, der sich jetzt in Privatbesitz befindet. Er ist das allerletzte Exemplar der Gattung martialischer Kriegsbauten in Bozen und es wäre sehr bedauernswert, wenn nicht wenigstens dieser stumme Zeuge für die Öffentlichkeit zugänglich würde.

STOL: Was ist mit den anderen Bunkern in Südtirol? In wessen Besitz sind die?
Prünster: 1999 übertrug der italienische Staat etwa 2000 Parzellen ins Eigentum der Autonomen Provinz Bozen. Mittlerweile wurden fast alle Bunker über das Vermögensamt veräußert und befinden sich in Privatbesitz. Kurz nach der Jahrtausendwende hat man sich dazu entschlossen, die sozusagen möglichst schnell los zu werden. Ich habe das immer kritisiert, dass man diese historischen Gebäude einfach verkauft, bevor man sie studiert hat und bevor der Denkmalschutz diese Gebäude fundiert bewerten und entscheiden konnte, was schützenswert ist und was nicht. Es gab damals zwar eine Studiengruppe, aber dieses Feld war dafür einfach zu groß und zu unerforscht, als dass diese Aufgabe innerhalb dieser kurzen Zeit hätte bewältigt werden können und um hier eine nachhaltige Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Damals wurden zwar 20 Bunker unter Schutz gestellt, wenn man sich aber Zeit gelassen hätte und nach dem heutigem Forschungsstand, hätte man dafür ganz andere ausgewählt und anders agiert. Öffentlich zugänglich sind nur ein paar wenige, die als Museen genutzt werden, wie etwa ein Bunker nahe der Festung Franzensfeste, der Bunker am Gampenpass, der Bunker in Moos in Passeier, der Etschquellen-Bunker oder das private Bunker Museum bei Toblach.

STOL: Bunker sind mit dem Projekt sozusagen zu Ihrer Lebensaufgabe geworden. Haben Sie einen Lieblingsbunker?
Prünster: Nein, eigentlich nicht. Sie sind alle einzigartig, weil sie alle verschieden sind. Es gibt keine 2 gleiche Bunker im gesamten Alpenwall von Ventimiglia bis Rijeka.


*Dauerausstellung „Eingebunkert“

Am kommenden Freitag, 27. Mai, wird um 14 Uhr die neue Dauerausstellung „Eingebunkert“ zu den Bunkern in Südtirol in der Festung Franzensfeste eröffnet. Die Ausstellung klärt über die verborgenen Verteidigungsstrukturen auf und beleuchtet ihre historischen und politischen Hintergründe sowie die technischen Voraussetzungen für den Bau der Bunker und hebt den Wert eines friedlichen Zusammenlebens hervor. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes werden dort dann auch abrufbar sein. Außerdem kann der zur Festung Franzensfeste gehörende Bunker Nr. 3 mit einer gebuchten Führung besichtigt werden.


Foto: © Festung Franzensfeste




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