Südtirol Online: Wie kann ich ein Burnout vermeiden? Damit hat man sich im Kinderdorf unter dem Motto „Ganz bei mir und im Kontakt – Achtsamkeit und Empathie in der sozialpädagogischen Arbeit“ beschäftigt. Der Inhalt in wenigen Kernaussagen ...Heinz Senoner, Direktor des Südtiroler Kinderdorfes: In erster Linie muss ich meine eigenen Grenzen spüren, damit ich weiß, wann ich sie erreiche. Das hat der Mensch von heute verlernt. Bei mir zu sein hilft mir dann, besser bei anderen zu sein. Das heißt: Ich soll 60 Prozent bei und für mich sein und nur 40 Prozent für und bei den anderen. Erst wenn ich eine gute Beziehung zu mir selbst habe, kann ich auch gut zu und für andere sein. Immerhin geht es hier um ein langfristiges Zusammensein.STOL: Und wenn das Verhältnis 50:50 oder gar 40:60 ist?Senoner: Wenn ich permanent an meine Grenzen gehe, bin ich dauernd gefordert und dann braucht es nur wenig um zu kippen. Darüber hinaus bin ich weit über der Belastungsgrenze. In Österreich rangiert Burnout bei den Berufserkrankungen an vorderster Stelle. Und auch bei uns ist es zunehmend Thema.STOL: Frauen, vor allem auch Mütter, neigen oft aus Liebe und Fürsorge dazu sich selbst aufzuopfern…Senoner: Frauen sind zur Selbstaufgabe mehr prädestiniert als Männer, die als Schutzfunktion ein gewisses Quäntchen an Aggression haben. Aggressive Emanzen aber sind ein absolutes No-Go in unserer Gesellschaft.STOL: Zurück zu den Pädagogen, Lehrern, Sozialassistenten, Sozialpädagogen, Psychologen, die an der Tagung teilnahmen: Wo liegt da das Problem?Senoner: Auf sich selbst zu achten wird in deren Arbeit nicht thematisiert. Eine Lehrerin sprach davon, als Psychotante bezeichnet worden zu sein. Wer in der Schule arbeitet, hat das Glück, nicht die 30-35 Stunden mit den Schülern zu sein, sondern auch Zeit für Vorbereitung und Bürokratisches zu haben, ansonsten wären sie höchstgefährdet einen Totalzusammenbruch zu erleiden.STOL: Woran liegt das - ist die Leistungsgesellschaft schuld?Senoner: Die moderne Gesellschaft stellt den Menschen auf oberflächliche Weise in den Mittelpunkt – über das Aussehen, das schicke Auto, das Haus. Wir müssen schön, fit, leistungsstark sein - das gehört zu unserem Menschenbild. Dabei handelt es sich um eine ökonomische und gesellschaftliche Nötigung. Was nicht vorkommt ist das Innerliche, aber das ist die Säule, die mich trägt.STOL: Was kann ich also tun, um ein Burnout zu vermeiden?Senoner: 1. Sich zuzugestehen, auf sich selbst zu achten: Wo drückt der Schuh bei einem selber?2. Sich Freiräume schaffen, wo man Platz dafür hat und nicht stigmatisiert wird.3. Sich trainieren, Achtsamkeit lässt sich üben – auch nur an 5 bis 10 Minuten pro Tag einen Bodycheck machen, in sich hinein hören und sich nicht immer überwinden und durchquälen.STOL: Kann auch der Ausgleich über Sport oder Yoga hilfreich sein?Senoner: Solange auch dort nicht der Leistungszwang wieder überhand nimmt. Ich weiß von Managern, die nach der Arbeit Marathon laufen, sich also auch wieder an und über die Grenzen bringen.STOL: In der Leistungsgesellschaft wird es aber als Schwäche angesehen überhaupt Grenzen zu haben - oder etwa nicht? Senoner: Jeder Mensch hat das Recht, seine Grenzen zu benennen. Das ist den Arbeitnehmern zu sagen. Wenn ein Arbeiter seine Grenzen kennt, ist das eine Stärke und nicht eine Schwäche.STOL: Und wie soll ein Arbeiter das seinem Chef erklären, der Höchstleistungen verlangt? Senoner: Kein Betrieb hat etwas davon, wenn sich der Arbeiter permanent überfordert und dann womöglich krankheitsbedingt ausfällt. Der Leistungszwang wird zum Bumerang. Der Mensch ist eine Ressource des Betriebes und auf seine Ressourcen sollte man achten.Interview: Petra Kerschbaumer