Dienstag, 15. März 2016

Caritas-Bericht zeigt: Südtirols Armut verhärtet sich

Natürlich: Die große Herausforderung der Caritas im Jahr 2015 war die Flüchtlingskrise. Aber auch jene Hilfebedürftigen, die nicht aus fernen Ländern kommen, sondern hier geboren wurden, durften nicht vergessen werden. Denn Südtiroler, die an der Armutsgrenze leben, gibt es auch heute noch zuhauf.

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Foto: © shutterstock

Am Montag hat die Caritas ihren Wirkungsbericht 2015 im Rahmen einer Pressekonferenz unter dem Titel „Das andere Südtirol“ im Haus Freinademetz in Haslach vorgestellt.

„Das Jahr 2015 stand ohne Zweifel im Zeichen der europäischen Flüchtlingskrise. Innerhalb kürzester Zeit mussten neue Unterkünfte hergerichtet, Mitarbeiter gesucht und Betreuungsangebote erstellt werden. Mittlerweile führen wir im Auftrag des Landes zehn Einrichtungen verteilt auf das ganze Land. Darin beherbergen wir 430 Frauen, Männer und Kinder, begleiten sie beim Asylverfahren, halten Sprachkurse und versuchen, sie durch kleinere Arbeitseinsätze und mit Unterstützung von Freiwilligen in die Gesellschaft zu integrieren“, zog Caritas-Direktor Franz Kripp Bilanz über das abgelaufene Jahr. „Die Flüchtlinge können aber nicht dauerhaft in den Häusern bleiben.“ Deshalb brauche es für sie dringend zusätzliche Wohn- und Arbeitskonzepte. 

„Auch hier gibt es Not - mehr als wir meinen“

Trotz dieser großen Herausforderung hat die Caritas ihre 30 anderen Dienste nicht Weise vernachlässigt. „Denn auch hier gibt es Not, mehr als wir oft meinen. Das ist eben dieses ,andere Südtirol‘“, erklärt Kripp den Titel des jüngsten Wirkungsberichtes der Caritas.

„Die Wirtschaftskrise ist zwar beim Abflauen und der Arbeitsmarkt entspannt sich allmählich, das gilt aber leider nicht für alle Teile der Bevölkerung gleich“, bemängelt Caritas-Direktor Paolo Valente. „Dass in Südtirol seit zwölf Jahren mehr als 30.000 Haushalte armutsgefährdet sind und sich an dieser Situation nichts ändert, stimmt bedenklich.“

Dabei würden die Statistiken allein noch gar nicht die ganze Dimension von Armut erfassen. „Finanzielle Unsicherheit zieht auch seelische Nöte nach sich: Der Leistungs- und Erfolgsdruck steigt, ebenso die Zukunfts- und Existenzangst. Die Folge sind Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Vereinsamung und andere psychische Belastungen, welche die Betroffenen langfristig ausgrenzen. Das beobachten wir in den vielen Caritas-Diensten immer wieder“, sagt Valente. 

Mehr Wohnungslose und Suchtkranke

Diese Verhärtung der Armut in der Südtiroler Gesellschaft zeige sich besonders in den niederschwelligen Einrichtungen der Caritas.

„Den größten Anstieg an Bedürftigen haben wir 2015 in einigen Einrichtungen für Wohnungslose und Suchtkranke sowie in unseren Essensausgaben gehabt. Hier geht es wirklich darum, Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen und Duschen zu sichern, und weniger um Beratung“, sagt Danilo Tucconi, verantwortlich eben für diese Bereiche.

So wurden in den Essensausgaben (Bozen und Brixen) im vergangenen Jahr 46.500 warme Mahlzeiten ausgegeben, das entspricht einem Zuwachs von 38 Prozent in nur zwei Jahren. In der Obdachloseneinrichtung „Haus der Gastfreundschaft“ in Bozen wurde die höchste Zahl an Beherbergungen (105) der vergangenen zehn Jahre erreicht und auch in den Einrichtungen für Suchtkranke (Bozen und Schlanders) ist die Zahl der Besuche und Beratungen in den vergangenen zwei Jahren von 12.793 auf 15.988 angestiegen.

Einkommen reicht oft nicht bis zum Monatsende

Doch es sind nicht nur die „klassischen“ Obdachlosen, Suchtkranken und anderen Randgruppen, die zunehmend Schwierigkeiten haben.

„Zu uns kommen auch viele Frauen und Männer, die zwar ein Einkommen haben, damit aber nicht in Würde bis ans Monatsende gelangen. 1.300 Personen und Familien haben sich 2015 an die Schuldnerberatung gewandt, 644 davon waren Neuzugänge. Fast zwei Drittel der neuen betroffenen Haushalte verfügen über ein monatliches Einkommen von weniger als 1.500 Euro, ein Drittel sogar über weniger als 1.000 Euro. Damit müssen sie Miet- und Nebenkosten, Strom- und Gasrechnungen und andere lebensnotwendige Dinge bezahlen. Unerwartete Ausgaben werden da schnell zum Problem“, sagt Petra Priller von der Caritas Schuldnerberatung. „Deshalb sind wir immer mehr bei der Existenzsicherung gefragt, damit die Familien nicht auf der Straße landen oder die Kinder im Winter nicht ohne Heizung und Strom Hausaufgaben machen müssen.“ 

Mehr Freiwillige und große Spendenfreude

Aus dem Wirkungsbericht der Caritas geht aber auch Positives hervor. „2015 haben sich wieder zahlreiche Freiwillige bei uns gemeldet und ihre Hilfe angeboten. Allein 100 Frauen und Männer haben sich zur Mithilfe in den Flüchtlingshäusern bereit erklärt. Rund 1.000 Freiwillige arbeiten dauerhaft und regelmäßig in den verschiedenen Diensten mit, dazu kommen noch die vielen freiwilligen Helfer bei der Gebrauchtkleidersammlung und anderen wichtigen Aktionen der Caritas. Insgesamt zählen wir an die 5.000 Menschen, die einen Teil ihrer wertvollen freien Zeit und ihrer Talente dem Dienst am Nächsten widmen. 

Unvorstellbar wäre die Hilfe der Caritas aber auch ohne die großzügige finanzielle Unterstützung vonseiten der Südtiroler. 2015 haben 9.938 Spender die Arbeit der Caritas mit insgesamt 3,4 Millionen Euro finanziell unterstützt.

Davon wurden 900.000 Euro für Not in Südtirol gespendet und 2,5 Millionen Euro für Hilfsprojekte im Ausland. Denn auch das gehört zum Auftrag der Caritas: Für mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit in anderen, viel ärmeren Ländern zu sorgen. 2015 waren dies vor allem Äthiopien, Eritrea, Kenia, Mazedonien, Serbien, Bolivien, Philippinen und Brasilien. Katastrophenhilfe leistete sie im vergangenen Jahr in Nepal und in den Flüchtlingslagern im Grenzgebiet von Jordanien. 

stol

stol