Betreuung im Heim, in geschützten Werkstätten oder durch pflegende Angehörige. So schaut das klassische Betreuungssystem für Menschen mit Beeinträchtigung aus. Das am 1. März 2026 gestartete Pilotprojekt „selAvi“ (selbstbestimmt Leben mit persönlicher Assistenz) schlägt nun einen völlig anderen Weg ein.<BR /><BR />Träger des auf zwei Jahre angelegten und über den Europäischen Sozialfonds (ESF+) finanzierten Projekts ist Kolping Südtirol. Das Herzstück sind jedoch vier Betroffene selbst, die das Projekt als sogenannte Selbstvertreter leiten: Anna Faccin, Heidi Ulm, Silvia Rabanser und Max Silbernagl, unterstützt von Projektkoordinator Anton van Gerven.<h3>Der feine Unterschied: Assistent statt Betreuer</h3>Was unterscheidet „selAvi“ von der herkömmlichen Pflege? „Die klassische Betreuung und die Assistenz unterscheiden sich in dem Sinne, dass es individueller ist“, erklärt Teammitglied Max Silbernagl im Gespräch. „Der Betroffene entscheidet selbst, was er tun will und wie er es tun will, mit wem, wie oft, wann und wo. Der Mensch, der die Assistenz bekommt, gibt Anleitung; sagt, wie die Sachen gemacht werden sollen und wie er sie haben will. So lebt er selbstbestimmt und nicht nur als Teil des Betreuungssystems.“<BR /><BR />Während Betreuung oft in einem starren, strukturierten Zeitrahmen stattfinde, sei die Persönliche Assistenz (PA) maßgeschneidert auf das Leben des Einzelnen. Silbernagl veranschaulicht das mit einem schmunzelnden, aber treffenden Beispiel aus dem Alltag: „Ich bin Raucher. Ein klassischer Betreuer schaut eher darauf, dass man die Leute behütet, und sagt vielleicht, dass das ungesund ist. Ein persönlicher Assistent hingegen sagt: „Das ist deine Entscheidung„ und zündet mir die Zigarette an.“ <BR /><BR />Bei der Assistenz geht es also nicht um Bevormundung, sondern darum, die Arme und Beine des Betroffenen zu sein – die Entscheidungen trifft der Mensch mit Behinderung selbst. Er bleibt der „Chef im eigenen Leben“.<h3> Aufklärungsbedarf in Südtirol</h3>Obwohl das Konzept des „Independent Living“ (Selbstbestimmten Lebens) international – etwa in Nordtirol – bereits etabliert ist, steckt es in Südtirol noch in den Kinderschuhen. „Ich persönlich habe das Konzept in Innsbruck kennengelernt und mir gedacht, das braucht es bei uns unbedingt auch bei uns“, berichtet Silbernagl.<BR />Nach den ersten Wochen im Projekt zieht er Bilanz: „Ich hatte schon mehrere Erstgespräche. Dabei musste ich feststellen, dass Selbstbestimmtes Leben und Assistenz in Südtirol noch sehr unbekannt sind. Wir müssen also noch viel Aufklärungsarbeit leisten und Menschen mit Beeinträchtigung darin bestärken, für ihr eigenes Leben einzustehen.“<BR /><BR />Dabei geht es dem Projekt nicht primär darum, nur eine Entlastung für Familien zu schaffen. „Das Ziel ist auch die pflegenden Angehörigen zu entlasten, der Fokus liegt aber darauf, Menschen mit Beeinträchtigung zu motivieren, ihre Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben zu sehen und zu nutzen“, stellt Silbernagl klar. <h3> Von der Infostelle zum landesweiten Assistenzpool</h3>Derzeit fungiert „selAvi“ als Informations- und Beratungsstelle im Haus Guggenberg in Brixen. Betroffene und Interessierte können sich dort in Sachen Peer-Beratung, Zukunftsplanung und Netzwerkgestaltung beraten lassen. Das Projekt ist für eine Pilotphase von zwei Jahren ausgelegt. Die Vision des Teams geht jedoch weit über die kommenden zwei Jahre hinaus.<BR /><BR /> Aktuell ist es ein reines Informationsbüro, doch für die Zukunft ist Großes geplant: „Wir wollen einen Unterstützerpool aufbauen, wo wir Assistenten direkt vermitteln können“, blickt Max Silbernagl voraus. Dann soll die Assistenz professionell über eine Genossenschaft oder Firma abgewickelt werden.<BR /><BR />Damit das gelingt, laufen bereits die Fäden im Hintergrund heiß. Nach der zweijährigen ESF-Anschubfinanzierung strebt das Projekt eine Regelfinanzierung durch das Land an. Das Amt für Menschen mit Behinderungen sitzt bereits als Partner mit im Boot, und auch mit Landesrätin Rosmarie Pamer wurden bereits erste Gespräche geführt, um das Recht auf Persönliche Assistenz – ganz im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention – in Südtirol langfristig zu verankern.<BR /><BR />Wer Unterstützung im Alltag sucht, sich für das Thema interessiert oder selbst als Assistent arbeiten möchte, kann sich für ein unverbindliches Erstgespräch (online oder in Präsenz) anmelden: E-Mail: <a href="mailto:info@selavi.it" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">info@selavi.it</a> , Telefon: +39 377 595 9474, Web: <a href="https://www.selavi.it/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.selavi.it</a>