Hämatome und Abschürfungen an Armen und Beinen: Anzeichen eines Kampfes im verzweifelten Versuch, sich gegen ihren Mörder zu verteidigen, fanden sich am Körper von Chiara Poggi, der 26-jährigen Frau, die am 13. August 2007 in ihrem Haus in Garlasco getötet wurde. Diese Informationen gehen aus einem Gutachten hervor, das die Staatsanwaltschaft von Pavia bei der Rechtsmedizinerin Cristina Cattaneo in Auftrag gegeben hat. <BR /><BR />Chiara soll nicht nur versucht haben, sich vor den Schlägen mit dem vom Täter verwendeten stumpfen Gegenstand zu schützen, sondern es habe auch einen längeren Kampf ums Überleben gegeben, der Spuren auf der Leiche hinterlassen habe. Ebenso lassen sich die DNA-Spuren unter den Fingernägeln von Chiara erklären, von denen eine von Ermittlern und Carabinieri in Mailand Andrea Sempio zugeschrieben wird - einem Freund ihres Bruders Marco.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1292427_image" /></div> <BR /><BR />Gegen den 37-jährigen Sempio wird seit über einem Jahr wegen Mordes ermittelt. Chiara sei in mehreren Phasen zwischen Erdgeschoss und Treppe des Hauses angegriffen worden. Der Täter habe zudem am oberen Treppenabsatz innegehalten, den Körper des Opfers betrachtet und dann erneut zugeschlagen, möglicherweise mit einem Hammer.<BR />Sollten sich diese Umstände bestätigen, stünden sie im Widerspruch zu den Feststellungen des Kassationsgerichts, das den Antrag des ehemaligen Freundes von Chiara, Alberto Stasi, auf Neuaufrollung des Verfahrens zurückgewiesen und dessen Verurteilung zu 16 Jahren Haft rechtskräftig bestätigt hatte. Das Gericht hatte damals ausgeführt, Chiara habe „nicht einmal Zeit gehabt zu reagieren“ und sei der äußerst gewaltsamen Attacke schutzlos ausgeliefert gewesen.<BR /><BR />Das Berufungsgericht Mailand hatte hingegen unter Ausschluss der erschwerenden Grausamkeit festgestellt, dass der Tathergang eine Art „kriminelle Progression“ gezeigt habe, abhängig von der Reaktion des Opfers: zunächst ein Schlag gegen den Kopf, dann weitere, heftigere Schläge in der Nähe der Kellertür.<BR /><BR />Nun liegt es am Staatsanwalt von Pavia, Fabio Napoleone, auf Grundlage einer über 300 Seiten umfassenden Expertise des RIS von Cagliari sowie des Gutachtens der Expertin Cattaneo, die den Tatort in 3D rekonstruiert und Blutspuren analysiert hat, Schlussfolgerungen zu ziehen.<BR /><BR />Sofern es keine überraschenden Wendungen gibt, dürfte die Entscheidung des RIS in eine Mitteilung über den Abschluss der Ermittlungen münden - als Vorstufe zu einem Antrag auf Anklageerhebung gegen Andrea Sempio wegen Beteiligung am Mord an Chiara Poggi.<BR /><BR />Der einzig Schuldige im Fall Garlasco ist bisher Alberto Stasi, der Freund von Chiara Poggi, der zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde. Der zur Mordzeit 24-jährige Stasi, der die Tat von Beginn an vehement bestritten hatte, war sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Instanz wegen Mangels an Beweisen freigesprochen worden. Er hatte zwar kein festes Alibi, aber auch kein überzeugendes Motiv für den Mord. Erst nachdem der Kassationshof in Rom die Freisprüche aufhob und eine neue Beweisaufnahme anordnete, kam es in neuen Prozessen und erst im Jahr 2015 zu einer letztinstanzlichen Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung. Das Strafmaß wurde auf 16 Jahre Gefängnis festgesetzt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1292430_image" /></div> <BR /><BR />Jetzt aber sind wieder erhebliche Zweifel aufgetaucht. Möglicherweise saß Stasi die letzten zehn Jahre unschuldig im Gefängnis. Das ist zumindest die Theorie der drei Staatsanwälte in Pavia, die die früheren Ankläger inzwischen abgelöst haben. Sie rollen den Fall seit März 2025 neu auf, weil Gewebeproben unter den Fingernägeln von Chiara Poggi dank moderner DNA-Analysemethoden nun eindeutig Sempio, dem besten Freund des Bruders des Mordopfers, zugeordnet werden konnten. <BR /><BR />Stasi wurde in Halbgefangenschaft entlassen. Sollte er sich wirklich als unschuldig erweisen, müsste ihn der italienische Staat mit einer Millionensumme entschädigen. Die Ermittlungen, die zum Schuldspruch gegen Alberto Stasi führten, waren offenbar zum Teil schlampig geführt worden; zwei beteiligte Carabinieri sind in der Zwischenzeit verurteilt worden.<BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/suche/Fall%20Garlasco" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Mehr zum Fall Garlasco lesen Sie hier.</a>