Montag, 11. Mai 2020

„Corona, das Virus mit den 2 Gesichtern“

Seit Wochen steht er direkt und indirekt mit Corona in Kontakt. Als klinischer und Gesundheitspsychologe am Krankenhaus Brixen sowie Leiter der Notfallpsychologie erlebt Erwin Steiner tagtäglich, was das Virus mit den Menschen macht – körperlich, vor allem aber auch psychisch. Und welche seelischen Abgründe das Virus oft hinterlässt. Im Interview erzählt er, wieso er die Frage „Wie geht es dir?“ derzeit nicht mag und wie eine psychologische Schutzausrüstung aussehen könnte.

Erwin Steiner
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Erwin Steiner - Foto: © privat
„Dolomiten“: Herr Steiner, wie geht es Ihnen mit Covid-19 bzw. wie nahe geht Ihnen das Virus?

Erwin Steiner: Zum zweiten Teil der Frage: Ich komme gerade von meinem Einsatz in der Covid-Station. Also sehr nahe. Aber die Frage nach dem ,wie es mir geht„, ist derzeit die unliebste. Ich bin jetzt nämlich seit 20 Jahren in dem Metier tätig, doch derzeit ändert sich gerade Grundlegendes – sowohl fachlich als auch menschlich.

„D“: Nämlich?

Steiner: Menschlich hat sich die gesamte Grundannahme, wie unser Leben aufgebaut ist, verändert. Bisher galt die Annahme der Sicherheit, Vorhersehbarkeit und vielfach Kontrollierbarkeit und eine gewisse Sinnhaftigkeit, in dem was gerade passiert. Diese Annahme ist derzeit sehr stark erschüttert. Aber Corona hat 2 Gesichter, das der Nähe und der Distanz: Zum einen die zerstörerische Gefahr, aber auch viel Wertschätzendes und Solidarität, eine Intensivierung unserer persönlichen Beziehungen. Wir fühlen uns als Menschen näher verbunden. Manche von uns erleben auch eine Distanzierung, eine Abwendung von früheren Beziehungen nach dem Motto „Nur wahre Kollegen halten in schwierigen Zeiten zu dir“. In sehr persönlichen Gesprächen mit Ärzten und Pflegern ging es in den letzten Wochen um eine noch größere Wertschätzung von Gesundheit, um eine Veränderung der Prioritäten in unserem Leben überhaupt. Wir sind uns bewusster geworden, welche Stärken und Schwächen wir haben, haben neue Möglichkeiten entdeckt, improvisiert und Neues ausprobiert. In ethisch schwierigen Entscheidungen zwischen Leben und Tod, wie ein würdevolles Sterben und Abschiednehmen gelingen kann, auch ein stärkeres spirituelles Bewusstsein und Sinnfindung.

„D“: Und was hat sich fachlich verändert?

Steiner: Normalerweise sind wir es gewohnt, in persönlichem Kontakt zu den Menschen zu stehen, die unsere Dienste brauchen. Derzeit ist der Kontakt nur telefonisch möglich. Für uns und die Hilfesuchenden war das eine enorme Umstellung, besonders bei Todesfällen. Wir begleiten sonst Trauernde und Trauerfamilien beim Abschied. Jetzt muss der erfolgen, ohne dass man den Verstorbenen noch einmal sehen oder gar berühren kann. Diesen Menschen wird das hilfreiche Ritual des Betrauerns genommen.

„D“: Wie geht man mit solchen Situationen um?

Steiner: Da steht man plötzlich vor ganz neuen Herausforderungen. Es gibt viele Formen der Trauer. Da gilt es zu schauen, was man den Menschen anbieten kann. Auf der Covid-Abteilung ist es beispielsweise gelungen – in enger Absprache mit dem Primar –, dass Angehörige sich im Schutzanzug und mit Schutzmaske von ihrem sterbenden Angehörigen verabschieden konnten. Dadurch kommen natürlich auch wir bei den Helferberufen besser mit der Situation zurecht.

„D“: Hat sich auf Seite der Hilfe-suchenden etwas verändert?

Steiner: Die Hemmschwelle, sich bei uns Hilfe zu holen, scheint niedriger. Da kann man sich von zu Hause aus im geschützten Rahmen mit der nötigen Distanz bei uns melden. Wir sind wie eine Art Klagemauer oder unterstützendes Hilfsangebot in anonymisierter Form.

„D“: Melden sich nur Menschen, die jemanden verloren haben?

Steiner: Nein, bei weitem nicht. Traumatisierung hat viele Gesichter. Es melden sich auch viele, bei denen häusliche Isolation, Enge und vor allem Einsamkeit Thema sind. Natürlich haben wir nicht die Möglichkeit, für diese Menschen einen zusätzlichen Raum zu zimmern. Aber über das Gespräch wird für die Person eine Halt gebende Struktur und Perspektiven geschaffen.

„D“: Ein Gespräch allein hilft?

Steiner: Wir haben nicht den großen Koffer mit Lösungen parat. In der häuslichen Enge ist die Situation meist schon so angespannt, dass ein Gespräch mit dem Partner gar nicht mehr möglich ist. Da ist das Gespräch mit jemandem von außen oft eine große Hilfe oder Entlastung. Dabei geht es in erster Linie darum, den Anrufer auf eine Ebene zu bringen, auf der er wieder selbst handlungsfähig wird, wo er wieder Boden unter den Füßen spürt. Und das ist am Ende des Gespräches bei den meisten hörbar.

„D“: Sie arbeiten aber auch für die Menschen, die im Krankenhaus arbeiten ...

Steiner: Wer im Klinikalltag arbeitet, ist es gewohnt, in Stresssituationen zu funktionieren und weiß, wie er damit umgehen kann. Schwierig für das Krankenhauspersonal ist, dass derzeit wenig Ausgleich stattfinden kann. Wir wissen aus vielen wissenschaftlichen Untersuchungen, dass das Infektionsrisiko um bis zu 30 Prozent steigen kann, wenn man unter massivem Stress steht. Unsere Aufgabe als klinische Psychologen ist es deshalb, diesen Menschen zu helfen, zwischen Be- und Entlastung einen Ausgleich herzustellen.

„D“: Wie passiert das?

Steiner: Mit Info-Veranstaltungen aber auch mit Videos, in denen Techniken vermittelt werden, die helfen können. Dabei geht es etwa darum, wie man mit dem Ausziehen des Schutzanzuges auch Belastendes abstreift – aber auch das Gute, das man am Tag erlebt hat, mitnimmt.

„D“: Wie ergeht es Ihnen persönlich bei Ihrer Arbeit im Krankenhaus?

Steiner: In den Covid-Abteilungen fühle ich mich derzeit sogar am sichersten. Schwieriger ist es, in den anderen Abteilungen zu arbeiten. Dort besteht immer das Risiko, dass einer der Patienten bislang unerkannt mit Covid-19 infiziert ist und man sich anstecken könnte. Ich muss aber gestehen, ich fühle mich beim Einkaufen weit unsicherer als im Krankenhaus.

„D“: Gibt es eine psychologische Schutzmaske, die wirkt?

Steiner: Jeder, der dieser Tage eine Maske aufsetzt, weiß, dass die eine passt, die andere nicht. Auch bei psychologischen Schutzmasken gilt, dass es nur individuelle gibt und auch die müssen immer wieder neu angepasst werden. Generell gilt: In der Krise ist der Mensch kein guter Problemlöser. Er folgt dann mehr der Emotion als der Vernunft, baut stark auf Gewohnheiten. Routine und ein möglichst strukturierter Alltag helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren.

em