Dienstag, 10. November 2020

Corona-Experte: „Südtirol hätte früher handeln müssen“

„Südtirol hätte im Rahmen seiner Autonomie früher handeln können und müssen.“ Zu diesem Schluss kommt Prof. Andrea Crisanti. In einem Interview mit dem „Corriere del Veneto“ wirft der Professor für Mikrobiologie an der Uni Padua, der als Mitglied der Covid-19- Expertenkommission vorgesehen war, aber absagte, der Landesregierung Versäumnisse vor. „Hätte man früher eingegriffen, wäre der Lockdown jetzt nicht so zwingend“, stellt der renommierte Corona-Experte fest. Im Folgenden das übersetzte Interview.

Prof. Andrea Crisanti stellt Südtirol im Umgang mit der Corona-Pandemie  ein schlechtes Zeugnis aus.
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Prof. Andrea Crisanti stellt Südtirol im Umgang mit der Corona-Pandemie ein schlechtes Zeugnis aus. - Foto: © Marco Bergamaschi / Marco Bergamaschi
„Corriere del Veneto“: Herr Professor, warum droht Südtirol jetzt wieder ein totaler Lockdown?

Prof. Andrea Crisanti: Der Anteil an positiven Tests ist außergewöhnlich hoch. Man muss kein Experte sein, um zu sehen, dass es sich um beunruhigende Zahlen handelt. Hätte man früher entsprechende und restriktivere Maßnahmen getroffen, wäre der Lockdown jetzt möglicherweise nicht so zwingend. Dank Autonomie hätte das Land dazu den nötigen Spielraum gehabt, die von Rom erlassenen Maßnahmen zu verschärfen. Man hat sich aber anders entschieden und jetzt muss man eben die Entwicklung der kommenden Woche abwarten, um zu schauen, welche Maßnahmen getroffen werden müssen. Die kommenden 7 Tage sind das Ergebnis der Entscheidungen und des Verhaltens der letzten 10 Tage.

„Corriere del Veneto“: Wie erklären Sie sich die hohe Reproduktionszahl in Südtirol?

Prof. Crisanti: Vermutlich, weil man keine Maßnahmen gesetzt hat, um das Contact Tracing zu potenzieren. Das hätte getan werden müssen, so lange die Zahlen noch niedrig waren. Mit der Rückkehr zur Normalität hat man wohl vergessen, dass das Virus mit einer derartigen Wucht und Gefährlichkeit zurückkommt. In diesem Punkt hat Deutschland frühzeitig gehandelt und schon vor Wochen rigide Gegenmaßnahmen getroffen. In Südtirol, wie im Übrigen in ganz Italien, wurde eben nicht rasch und frühzeitig gehandelt. Natürlich hoffe ich, dass die Infektionszahlen in dieser Woche nicht noch weiter steigen und die Maßnahmen nicht noch weiter verschärft werden müssen.

„Corriere del Veneto“: Welche Zahl muss man besonders im Auge behalten, um zu verstehen, ob die Situation sich weiter verschlimmert?

Prof. Crisanti: Mehr als die absolute Zahl an Neuinfizierten ist es der Anteil an positiven Tests im Verhältnis zur Gesamtzahl an durchgeführten Tests. Das ist der wahre Indikator für die Situation. Und in diesem Punkt hat Südtirol zusammen mit Umbrien derzeit die schlechtesten Werte.

„Corriere del Veneto“: Die Notdekrete von Staat und Land häufen sich. Sorgt das nicht für Verunsicherung bei den Menschen?

Prof. Crisanti: Nun, hilfreich ist das sicher nicht. Ein Aspekt, den diese Pandemie deutlich gemacht hat, ist, dass diese Art, Entscheidungen zu treffen, unhaltbar ist. Die Verantwortlichkeiten müssten klarer auf die einzelnen Ebenen aufgeteilt werden – vor allem auch, um Widersprüche bei den Kompetenzen auf ein Minimum zu reduzieren.

„Corriere del Veneto“: Derzeit steigt die Furcht um die für den Wintertourismus so wichtige Skisaison. Kann diese noch gerettet werden?

Prof. Crisanti: Ich tue mich schwer, das zu glauben. Ein möglicher Lockdown, der Mitte November ausgerufen wird, würde kaum weniger als 6 Wochen andauern, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Die Politik müsste den Mut aufbringen, den Wirtschaftstreibenden die Wahrheit zu sagen. Diskotheken, Hoteliers, Gastwirte... jede Sparte will arbeiten und verdienen. Aber vielleicht zahlen gerade die, die als erstes Lockerungen gefordert haben, jetzt den Preis dafür.

„Corriere del Veneto“: Wann glauben Sie, können wir wieder in die Normalität zurückkehren?

Prof. Crisanti: Für eine klare Vorhersage fehlen mir die nötigen Elemente. Ich war der erste, der gesagt hat, dass ein Lockdown zu Weihnachten unausweichlich sein würde. Jetzt bin ich mir bewusst, dass ich mit dieser Aussage sogar noch ein Optimist war.

* Prof. Andrea Crisanti sollte zum Mitglied der Covid-19 Expertenkommission ernannt werden, er lehnte den Auftrag aber am 8. Juni schriftlich ab.

d

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