Montag, 27. April 2020

Ein beklemmender und surrealer Abschied

Unter seiner Schutzmaske holt Hubert Rottensteiner immer wieder Luft. Er sucht Worte für das, wofür es nur traurige Sätze gibt, über die Bestattung in Covid-19-Zeiten. Seit 12 Jahren begleitet der 48-jährige Bestatter am Ritten Verstorbene auf ihrem letzten Weg. Seit Beginn der Corona-Krise Anfang März waren es 11 – kein merklicher Anstieg im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2019. Und trotzdem hat sich alles verändert. Das Tagblatt „Dolomiten“ hat mit Rottensteiner gesprochen.

Der Rittner Bestatter Hubert Rottensteiner
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Der Rittner Bestatter Hubert Rottensteiner
„Dolomiten“: Wie gestalten Sie die Gespräche mit den Angehörigen in dieser Ausnahmezeit?
Hubert Rottensteiner: Hauptsächlich telefonisch. Die gewohnten Gespräche im Büro in Klobenstein finden nur im Ausnahmefall und mit höchstens 2 Personen statt. Sie dauern rund eine Stunde. Früher haben diese Aufnahmegespräche mehr als 2 Stunden gedauert, oft mit bis zu 10 Teilnehmenden. Die Angehörigen möchten in dieser Ausnahmesituation mitdenken, mitreden und gesehen werden. Wenn sie außerhalb der Gemeinde leben, ist ein Vieraugengespräch derzeit unmöglich. Jetzt soll alles schnell gehen, kurz und bündig abgehandelt werden.

„D“: Was hat sich bei der Versorgung des Leichnams verändert?
Rottensteiner: Die Vorgaben des Sanitätsbetriebes sind klar: Menschen, die daheim sterben und nicht auf Covid-19 getestet wurden, müssen wie Infizierte behandelt werden. Sie dürfen kaum bewegt, nicht gewaschen, angekleidet oder gekämmt werden. Sie sind in ein mit Desinfektionsmittel getränktes Leintuch und dann in eine biologisch abbaubare Hülle zu wickeln, in den Sarg zu legen und so schnell wie möglich aus dem Sterbehaushalt zu entfernen. Ich hole die Verstorbenen in voller Schutzausrüstung ab.

„D“: Was tut das mit den Angehörigen?
Rottensteiner: Jeder Tod ist ein Schock und in Corona-Zeiten zusätzlich traurig und surreal. Ich weiß, dass es Angehörigen gut tut, wenn sie den Verstorbenen zum letzten Mal waschen, ihm etwas anziehen, ihn anfassen, streicheln oder küssen können. Es tut ihnen gut, wenn der Tote würdevoll hergerichtet und gut riechend aufgebahrt ist, wenn Angehörige, Nachbarn und Bekannte kommen und sich verabschieden können. Sie zehren später von dieser Wertschätzung und von der Anteilnahme. Sie sind froh, wenn der Leichnam eine Nacht lang im Haushalt bleiben und sie sich zum Abholen des Sarges noch einmal versammeln können. Das ist höchst emotional, birgt aber Trost in sich. Angehörige können den Tod so eher begreifen. Für Angehörige, die außerhalb des Haushalts leben, ist das jetzt alles nicht mehr möglich. Corona hat das Abholen der Leiche mechanisch gemacht. Die so notwendige empathische Begleitung gibt es nicht mehr. Was das mit den Angehörigen macht, werden wir wohl erst in Monaten oder gar Jahren verstehen.

„D“: Was können Sie als Bestatter tun?
Rottensteiner: Leider viel zu wenig. Früher bin ich zum Aufnahmegespräch zu den Menschen nach Hause gefahren, habe die versammelten Angehörigen gehört und versucht, ihren Wünschen gerecht zu werden, habe sie nach der Beerdigung nochmals besucht. Heute werden die wichtigsten organisatorischen Anliegen telefonisch abgeklärt. Damit die Menschen nicht erschrecken, kündige ich dabei an, den Leichnam in voller Schutzausrüstung abzuholen. Allen Beteiligten dabei die nötige Pietät entgegen zu bringen, ist schwierig. Kein Händedruck ist möglich, der weiße Ganzkörper-Anzug ungewohnt und das Glas des Augenschutzes durch meinen Atem zum größten Teil beschlagen.

„D“: Was melden Ihnen Angehörige zurück?
Rottensteiner: Viele plagt ein schlechtes Gewissen. Sie haben das Gefühl, den letzten Willen ihres Verstorbenen nicht erfüllt zu haben. Es ist beklemmend, wenn sie die – zu Lebzeiten deponierten und im Normalfall erfüllbaren – Wünsche nicht berücksichtigen können. Das kann nicht nachgeholt werden. Ich habe aber auch verzweifelte Angehörige erlebt, die nachgefragt haben, ob sie überhaupt zur Beerdigung ihres Sohnes oder ihrer Mutter kommen dürfen, weil sie außerhalb der Gemeinde leben. Nun hat mir die Polizei zwar versichert, dass bei der Fahrt zur Beerdigung niemand gestraft werde, aber klar deponiert habe ich das in keinem Dekret gefunden.

„D“: Die bekannte Begräbnisfeier in der Kirche gibt es nicht mehr.
Rottensteiner: Ich begleite am Ritten hauptsächlich Katholikinnen und Katholiken auf ihrem letzten Weg. Die christlichen Traditionen und dörflichen Prägungen beinhalten viele Rituale, die Angehörige jetzt schmerzlich vermissen, auch solche, die der Kirche nicht nahestehen. Maximal 10 Leute dürfen sich auf dem Friedhof weit entfernt zur Verabschiedung versammeln. Alle tragen Schutzmasken. Wie Säulen stehen die Menschen am offenen Grab. Berührungen und Umarmungen sind nicht möglich. Es gibt keinen Trauerzug, keinen Gang in die Kirche, keinen Chor, keine Vereinsmitglieder, keine Ministranten, kein Weihwasser.

„D“: Es kommt also auf Priester und Angehörige an?
Rottensteiner: Ja, ich habe Verabschiedungen erlebt, die in ihrer Essenz und Reduktion sehr kraftvoll waren. Zum Beispiel war ich bei einer Urnenbestattung dabei, die musikbegabte Familienangehörige mit beeindruckendem Gesang untermalt haben. Ich habe Angehörige erlebt, die wunderbare Lebensläufe verfasst und vorgetragen haben, welche zum Kernpunkt der Verabschiedung wurden. Das schön vorgetragene Lied „Ins Paradies mögen Engel dich geleiten“ bekommt plötzlich eine markante Bedeutung. Aufgrund der Vermummung durch die Maske geben laut ausgesprochene, gut gewählte Worte neuen Halt.

„D“: Die Schutzmaske verdeckt fast alle Regungen im Gesicht.
Rottensteiner: Leider. Trauer war schon immer individuell. Aber jetzt wird sie hinter Masken zusätzlich versteckt und danach in den eigenen Wänden isoliert.

„D“: Müssen alle mit Covid-19 Verstorbenen eingeäschert werden?
Rottensteiner: Nein. Diese Meinung begegnet mir öfters. Eine Kremierung muss entweder der Verstorbene zu Lebzeiten oder müssen die engsten Angehörigen sofort nach dem Tod verfügen. Ein Corona-Infizierter kann auch im Sarg beerdigt werden.

„D“: Versuchen die Menschen, mit der Urnenbestattung auf virusfreie Tage zu warten?
Rottensteiner: Manche denken darüber nach. Aber die meisten Menschen brauchen die Bestattung als vorläufigen Schlusspunkt, obwohl die Trauerarbeit erst danach beginnt. Asche und Urne unbestattet zu wissen, ist für die meisten nicht machbar – obwohl es die Südtiroler Friedhofsordnung zuließe.

„D“: Was wird von Corona bleiben?
Rottensteiner: Manchen Angehörigen wird das Gefühl von mangelnder Totenfürsorge bleiben. In der Kirche wird es irgendwann wieder Begräbnisfeiern geben, aber vermutlich in kleinerem Rahmen, mit Mundschutz und größeren Abständen in den Kirchenbänken. In der nächsten Zeit werden wohl auch Trauerzüge und händedrückende Beileidsbekundungen am Friedhof wegfallen.

„D“: Was wünschen Sie Trauernden?
Rottensteiner: Ich wünsche allen, dass sie für sich Wege und Rituale finden, mit denen sie ihre Trauer bewältigen können. Ich möchte der Notfallseelsorge danken, die in dieser Ausnahmezeit bei plötzlichen Todesfällen zwar ihren physischen Begleitdienst gestrichen hat, aber durch einfühlsame Telefonbegleitung wertvolle Arbeit leistet. Bekannte und Freunde von Trauernden rufe ich dazu auf, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, nachzufragen und zuzuhören. Nur weil die Trauer aus dem öffentlichen Raum ausgesperrt wurde, bleibt sie trotzdem existent.

Interview: Maria Lobis

maria lobis