<i>von Verena Stefenelli</i><BR /><BR /><BR /><b>Herr Professor, der Impfstoff von Biontech/Pfizer hat in Großbritannien alle Hürden genommen. Schon in wenigen Tagen sollen die ersten Briten geimpft werden. Wie ist das zu bewerten?</b><BR />Gänsbacher: Die Tatsache, dass die Briten diesen Impfstoff jetzt sehr schnell zugelassen haben, ist hauptsächlich ein politisches Statement. Die Briten sind nicht besser oder schneller als die EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur), sondern wollen mit diesem Schritt einfach sagen: Jetzt sind wir frei von Europa, wir unterstehen nicht mehr der EMA und zeigen der Welt, wie eigenständig und tüchtig wir sind. Mir imponiert dies nicht, wie die Engländer vorpreschen. Ich vertraue nur einer gründlichen Analyse von diesem sehr umfangreichen Dossier, genau so wie die EMA und das FDA (Food and Drug Administration) das machen. <BR /><BR /><BR /><b>Auch wenn mehrere Pharma-Konzerne Impfstofferfolge melden, wie wirksam wird dieser Impfstoff sein?</b><BR />Gänsbacher: Diese Art von Impfstoff ist noch nie zugelassen worden, es ist eine komplett neuartige Technologie. Die Daten der 44.000 Testpersonen, an denen der Biontech/Pfizer-Impfstoff getestet wurde, sind sehr gut, sprich er hatte 95 Prozent Effektivität. Auch die Ergebnisse der 30.000 Testpersonen von Moderna sind vielversprechend. Dennoch ist es eine Tatsache, dass wir nur über eine 10-monatige Erfahrung verfügen im Gegensatz zu allen anderen Impfstoffen, bei denen wir Erfahrungswerte von 7 bis 9 Jahre hatten bevor sie zugelassen wurden. Sprich: Da hatte man mindestens 7 Jahre Zeit gehabt, Nebenwirkungen und Effektivität zu überprüfen, bevor man sich entscheidet. Die Aussagekraft der Regulatoren ist klarerweise dann viel besser, als wenn man dies nur 10 Monate beobachten kann. Man muss ja bedenken, dass man hier junge gesunde Menschen impft, da müssen Risiko und Vorteile ganz transparent dargestellt werden, bevor man impft.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="592133_image" /></div> <BR /><BR /><b>Also kann es auch sein, dass der Impfstoff vielleicht nur wenige Monate Wirksamkeit bietet?</b><BR />Gänsbacher: Natürlich. Vieles ist möglich. Der Impfstoff kann nur wenige Monate dauern, vielleicht aber auch mehrere Jahre. Wir wissen es noch nicht. Fakt ist, dass bei einigen Gruppen von natürlichen Corona-Infektionen die Antikörper noch nach 7 Monaten nachgewiesen wurden, bei anderen Gruppen wiederum sind sie nach nur 3 Monaten nicht mehr nachweisbar gewesen. Das ist also eine noch nicht beantwortbare Frage, aber so ist es in der Wissenschaft. Man sucht die Wahrheit, man hat sie noch nicht gefunden, am Ende entscheiden die beobachteten Fakten, nicht die Meinungen oder der persönliche Glauben. Alle Informationen über die Impfstoffe, die wir bisher haben, stammen von den Pharmafirmen selbst. Noch ist nichts publiziert, und keine Aufsichtsbehörde hat das Go gegeben. Das was die Firmen über das Produkt, das sie ja verkaufen wollen, erzählen, muss man immer mit Distanz aufnehmen. Wahrscheinlich stimmt es, aber im Endeffekt zählt nur, was die EMA und die FDA sagt, nicht was die Pharmafirma sagt. <BR /><BR /><b>Ist die Euphorie über den Impfstoff also verfrüht?</b><BR />Gänsbacher: Nein, das kann man so nicht sagen. Wenn man mittels einer neuen Technologie einen Impfstoff auf den Markt bringt, ist das mehr als positiv. Dennoch: Offiziell wurde noch keiner geimpft. „Time will tell“, sprich erst nach Monaten werden wir wissen, wie wirksam das Produkt ist. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="592136_image" /></div> <BR /><b><BR />Und wenn er auch nur 3 Monate wirksam wäre, wäre der Impfstoff dann dennoch eine Art „Überbrückungshilfe“ für die Wintermonate für die der Gefahr besonders ausgesetzten Personengruppen?</b><BR />Gänsbacher: Es gibt ja schon Impfstoffe, die man jedes Jahr injizieren muss, wie zum Beispiel die Grippeimpfung. Das ist eigentlich kein Problem, viel wichtiger ist zu verstehen wie stark die ausgebildete Immunität ist. Untersuchungen werden zeigen, ob man gute neutralisierende Antikörper bildet oder wie es mit der noch wichtigeren zellulären Immunantwort steht. <BR /><BR /><b>Das heißt, wir werden aber noch bis weit ins Jahr 2021 hinein mit Maske, Abstandsregeln und der nötigen Vorsicht leben müssen?</b><BR />Gänsbacher: Ja, auf jeden Fall. Es kann ja auch sein, dass diese Impfung „nur“ die schweren Covid-Fälle verhindert, also dass man zwar nicht schwer krank wird, aber dennoch infiziert ist und den Virus trotzdem ausscheidet und ihn weitergeben kann. Solange wir nicht wissen, wie gut der Schutz ist, werden wir die Pandemie mit den bestehenden Regeln durchleben.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="592139_image" /></div> <BR /><b><BR />Wann wird der Impfstoff offiziell zugelassen werden? Noch im Dezember?</b><BR />Gänsbacher: Zuerst ist zu sagen, dass dieser RNA-Impfstoff nur eine „Conditional Market Authorization“ erhält. Das bedeutet: Sie gilt vorerst nur für ein Jahr und ist an Bedingungen gebunden: Bei jeder Person, die offiziell geimpft wird, muss alles im Detail überprüft und dokumentiert werden in Bezug auf Nebenwirkungen, auftretenden Symptomen, Antikörpertiter usw. Ich gehe davon aus, dass die Impfstoffe beider Firmen, also Biontech/Pfizer und Moderna noch im Dezember durch die EMA die offizielle Zulassung erhalten.<BR /><BR /><b>Wer wird dann als erstes geimpft?</b><BR />Gänsbacher: Als erstes Paket wird das Sanitätspersonal dann mit diesen Impfstoffen von Biontech/Pfizer bzw. Moderna geimpft und alle, die im Krankenhaus arbeiten und anschließend die Risikogruppen. Die Frage wird nur sein, ob genügend Impfstoff zur Verfügung steht. Die Impfstoffverteilung ist zentral reguliert, das heißt die Impfstoff-Dosen werden von Italien an die einzelnen Regionen verteilt. Ich denke, wir werden frühestens im Jänner beginnen. <BR /><BR /><i>Anmerkung der Redaktion: Laut Sanitätslandesrat Thomas Widmann gehe man derzeit davon aus, dass Südtirol 20.000 Impfdosen zugeteilt werden. Diese Anzahl reiche nicht mal für die Bediensteten im Sanitätswesen und die Altersheime. Die Weichen seien aber gestellt, und sobald der Impfstoff in Südtirol ankommt, könne man loslegen. Auch die Vorkehrungen für den Transport und die sachgerechte Lagerung bei Temperaturen von bis zu minus 80 Grad in Kühlschränken seien getroffen.</i><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="592142_image" /></div> <BR /><BR /><b>Würden Sie eine Impfpflicht einführen?</b><BR />Gänsbacher: Nein. Ich bin aber sicher, dass sich viele Menschen impfen lassen werden. Wenn 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, haben wir die Herdenimmunität erreicht und das Virus unter Kontrolle. Natürlich nur dann, wenn der Impfstoff auch eine hohe Wirksamkeit hat.<BR /><BR /><b>Würden Sie sich gleich impfen lassen?</b><BR />Gänsbacher: Mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer und jenem von Moderna, ja!<BR /><BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-46939078_listbox" /><BR /><BR /><BR />